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Jazz Festival Willisau: Das einheimische Jazz-Schaffen bekommt eine Bühne

Ob Jazz-verrückt, Popsong-­orien­tiert, von Elektronik bezirzt oder schlicht von Musik begeistert: Das Jazz Festival Willisau (28. August bis 1. September 2019) lässt mit seinem aktuellen Programm niemanden im Stich. Nur selber hingehen muss man noch.

Einmal mehr gibt Festivalleiter Arno Troxler regionalen und nationalen Bands eine grosszügige Plattform, damit auch mal ein grösseres Publikum auf sie aufmerksam werden kann. Auch dieses Jahr sind es längst nicht nur schräge oder improvisierte Töne, die den geneigten Besucher erwarten. Jazz meint im Falle von Willisau, dass schlicht sehr gute bis sensationelle Musik geboten wird – egal, mit welchen Genre-Attributen sie versehen wird.

Einblick in die Luzerner Szene

Eröffnet wird das Festival von The Great Harry Hillman, vier Freunden, die sich vor über zehn Jahren in ­Luzern kennen gelernt haben. Ihr Sound verbindet atmosphärische Texturen mit rockigen Attitüden und improvisatorischen Energieschüben. Soeben haben sie in einem kleinen Club in Berlin ihr viertes Album aufgenommen. «Wir sind in der letzten Zeit auf der Bühne etwas brachialer und energetischer geworden. Das wollten wir auf einem Album einfangen», erklärt Schlagzeuger Dominik Mahnig, der in Willisau aufgewachsen ist.

Aus Luzern stammt der Saxofonist Elio Amberg, der in seinem eigenen Quartett komponiertes und improvisiertes Material kollidieren und ineinanderfliessen lässt. Amberg hat einen rauen Sound und liebt mathematisch-präzise Riffs und Strukturen. Mit dabei ist unter anderen der Luzerner Pianist Hans-­Peter Pfammatter. Für den Schlagzeuger Gerry Hemingway, der an diesem Abend verhindert ist, hat Amberg mit dem «Schnellertoller» David Meier einen würdigen Ersatz gefunden.

Das «Ali Fekra Project» ist eine Zusammenarbeit von ägyptischen und Schweizer Musikern. Initiantin ist die Zuger Akkordeonistin Patricia Draeger, die während eines Atelieraufenthaltes die Musiker Amr Darwish (Violine) und Yamen Abdallah (Kanun) kennen lernte und erste Ideen für eine transkontinentale Band ausheckte.

«Ali Fekra Project» (Bild: PD)

«Ali Fekra Project» (Bild: PD)

Mit dem Multiinstrumentalisten Albin Brun und dem Bassisten André Pousaz hat sie zwei bewährte Kräfte an Bord, die zusätzlich mit dem Perkussionisten Samuel Baur ergänzt werden. Die orientalische Klangwelt trifft auf die zeitgenössischen Echos aus dem bodenständigen Fundus der Schweizer Volksmusik.

Transkontinentaler Austausch

Transkontinental ist auch das Quartett der beiden Zürcher Tapiwa Svosve (Altsaxofon) und Chris Wiesendanger (Piano), die mit den New Yorkern John Hébert (Bass) und Gerald Cleaver (Drums) ein erstes Album aufgenommen haben. Die vier Instrumentalisten gehen von komponierten Teilen aus, deren Texturen, rhythmische Linien und dichte Klangfarben sie jederzeit improvisatorisch verwandeln können. Seit Jahren im Improvisationsgebiet rudimentärer Kompositionen unterwegs ist das Trio der Zürcher Pianistin Gabriela Friedli, die mit dem Bassisten Daniel Studer und dem Schlagzeuger Dieter Ulrich traumwandlerisch interagieren kann.

Einen coolen Sound aus avantgardistischen und populären Essenzen bringt der Bieler Cellist Martin Schütz auf die Bühne. Der erfahrene Theatermusiker ist von der Hard­core-Chambermusic-Formation Koch-Schütz-Studer in bester Erinnerung. Mr. Schütz&The Paradox nennt er seine neue Band, die Einflüsse aus Dub, Theatermusik, Elektronik und Rock in dunkel versponnene Sound- und Songgefüge integriert. Auch Texte von Shakespeare, Pessoa oder Highsmith spielen eine Rolle – gesungen und performt von Mr. Schütz persönlich.

Spätnachts geht die Post ab

Ans Herz legen möchten wir den Solo-Auftritt der Zürcher Saxofonistin Co Streiff im intimen Rahmen der Rathausbühne. Co Streiff, die früher mit Kadash, Tobende Ordnung und dem Zirkustheater Federlos unterwegs war, hat – ganz nebenbei – dem «Frauenjazz» schon in den 1980er-Jahren Auftrieb, Aufruhr und Charakter gegeben. Sie ist eine Pionierin. An den Gratiskonzerten im Zelt sind unter anderen zu hören: mit Belmondos Tanzkapelle eine von Swing erfüllte Combo mit dem Luzerner Sänger Michael Leherbauer, die Bündner Singer-Songwriterin Bibi Vaplan (Titelbild) oder die angesagte Zürcher Band Black Sea Dahu.

Das Jazzfestival lebt auch in der Nacht – zumindest am Wochenende. Am Freitag gibt im «Late Spot» (im ersten Stock der Festhalle) eine Luzerner Band den Ton an, die ganz schön klug und abgedreht musiziert. «Tanche» mit Elischa Heller (elec), Christian Zemp (g), Chadi Messmer (b, synth) und Jonas Albrecht (dr) sind repetitiv und verspielt, abstrakt und zugänglich, real und surreal, aber nie heimelig.

Heimelig sind auch Ester Poly nicht, aber definitiv deftig, sinnlich und tanzbar.

Ester Poly. (Bild: PD)

Ester Poly. (Bild: PD)

Martina Berther (b, voc) und Béatrice Graf (dr, voc) bilden das zurzeit aufregendste Duo der Schweiz.Pirmin Bossart

Schwarze Musik am Puls der Zeit

Willisau blickt auf eine lange Tradition mit afrikanisch-amerikanischen Musikern und Bands zurück, die mit ihrem Puls und Freigeist dem Festival immer wieder seinen Herzschlag gaben. Irreversible Entanglements heisst eine aktuelle US-Formation, in der sich Free Jazz und die politisch ­geprägte Poesie der Spoken- Word-Künstlerin Camea Ayewa vermischen. Rassismus und Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung sind der Zündstoff, der diese Musik aus Basspulsen und hymnischen Melodien befeuert.

Mit Hip-Hop aufgewachsen

In geradezu klassischer Tradition des schwarzen Jazz steht das Quartett Still Dreaming des Saxofonisten Joshua Redman. Die mit wunderbaren Melodielinien verlinkte Musik bezieht sich auf das 1970er-Quartett Old and New ­Dreams, in dem Redmans Vater Dewey Redman und die Mitglieder von Ornette Colemans legendärere Atlantic-Band mitwirkten. So ist auch Still Dreaming ein feines und weiterentwickeltes Destillat aus dem musikalischen Geist von Ornette Coleman. Am Puls der Zeit musiziert der Schlagzeuger Makaya McCraven. Er gehört in die Liga jener Musiker wie Robert Glasper oder Kamasi Washington, die mit Hip-Hop, R ’n’ B und elektronischen Produktionsweisen aufgewachsen sind und sie wie selbstverständlich in ihre Konzepte von Jazz-Harmonik und Improvisation einbeziehen. Das Musikverständnis von McCraven ist Durchlässigkeit; auch kulturell und global werden Grenzen geöffnet und Möglichkeiten des Austausches willkommen geheissen. Seine Musik erschöpft sich weniger in blanker Virtuosität oder hyperkomplexen Tracks, sie ist vielmehr von Stimmungen und Vibes durchrauscht.

Elementar und beseelt

Abgeschlossen wird das Jazz Festival Willisau mit James Brandon Lewis (Tenorsaxofon) und Chad Taylor (Schlagzeug). Ein Duo – aber was für eines. Es macht deutlich, dass die spirituelle Kraft eines John Coltrane über Jahrzehnte weiterwirkt. Brandon Lewis ist ein rauer und elementarer Bläser und Chad Taylor dessen kongenialer Begleiter und Impulsgeber. In dieser Musik steckt sehr viel, was den Jazz zeitlos macht – weil sie auch die Seele berührt. (pb)

Mi, 28. August, bis So, 1. September 2019. Infos und Vorverkauf unter www.jazzfestivalwillisau.ch.

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