Starker Tobak
Opium: Das Elixier der Freude

Mutiger Diskussionsanstoss oder frivole Selbstdarstellung eines Genussmenschen? Vor 200 Jahren wurden Thomas De Quinceys «Bekenntnisse eines englischen Opiumessers» veröffentlicht.

Florian Bissig
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Genussmittel Opium. Szene aus dem Film "Broken Blossoms" von 1919.

Genussmittel Opium. Szene aus dem Film "Broken Blossoms" von 1919.

Hulton Archive / Moviepix

Es war starker Tobak, was die gebildeten Kreise Grossbritanniens im Herbst 1821 in ihrem «London Magazine» zu lesen bekamen. Unter dem Titel «Bekenntnisse eines englischen Opiumessers» breitete einer in grösster Detailtreue ein Thema aus, das man gewöhnlich taktvoll umschiffte. Der anonyme «Gelehrte», dessen Identität ­allerdings bald festgestellt war, plauderte aus dem Nähkästchen der Literatenszene. Der damals 36-jährige Thomas De Quincey outete eine Reihe von öffentlichen Personen als Opiumkonsumenten. Am ausführlichsten nahm er sich den Dichter ­Samuel Taylor Coleridge vor, der bei der Publikation seines mysteriösen Gedichts «Kubla Khan» angedeutet hatte, dass bei der Entstehung ein Opiumrausch im Spiel gewesen war.

Thomas De Quincey hat das Tabu gebrochen.

Thomas De Quincey hat das Tabu gebrochen.

Pictures From History / Universal Images Group Editorial

Coleridge hatte indessen stets Wert darauf gelegt, dass er bloss gewisse «Schmerzmittel» einzunehmen gezwungen war und nie der blossen Genusssucht nachgegeben habe. De Quincey hielt dagegen fest, das eine sei nicht vom anderen zu trennen – bei Coleridge ebenso wie bei ihm selbst. Der Unter-schied: Coleridge schäme sich dafür, während De Quincey keinen Anlass dazu sehe. Er stand zu seiner Faszination für die «Freuden des Opiums», auch wenn er unerwünschte Wirkungen und die Schwierigkeit des Aufhörens nicht abstritt. So umkreiste De Quincey auch das Problem der Abhängigkeit, welche damals noch nicht als medizinischer Begriff etabliert war.

Das einzige universell einsetzbare Schmerzmittel

Als jemand, der sein ganzes Erwachsenenleben lang Opium konsumiert hatte, sah sich De Quincey als Experte, der zu einem verlogenen Diskurs endlich die Fakten beisteuert. Opium sei das einzige universell einsetzbare Schmerzmittel. Und anders als Alkohol bewirke es keine Betäubung, sondern mache das Gemüt gelassen und den Verstand scharf. Die Beschreibung seines ersten Konsums überhöhte er genüsslich. Ein Mitstudent habe es ihm gegen ein Nervenleiden empfohlen. Die Opium-Tinktur, genannt Laudanum, wurde damals in Apotheken so freimütig verkauft wie heute Panadol-Tabletten. In flamboyanten Worten feierte er den Apotheker als «unwissentlichen Minister himmlischer Wonnen». Das musste Cole­ridge, der sein Opium heimlich am Hintereingang der Apotheke bezog, zynisch und demütigend erscheinen.

Die Opium-Tinktur, genannt Laudanum wurde wie Wein getrunken.

Die Opium-Tinktur, genannt Laudanum wurde wie Wein getrunken.

Science & Society Picture Librar / SSPL

Seine Schmerzen waren De Quincey nach der ersten Dosis kein Thema mehr. Viel wichtiger war ihm die erhebende psychische Wirkung. Von einer «Auferstehung aus den niedrigsten Tiefen des inneren Geistes» berichtet er, und von einer «Offenbarung». So begann der 19-jährige Student in Oxford regelmässig Opium zu nehmen. Nicht gegen Schmerzen, sondern als Genussmittel – so wie andere Wein tränken. Nach dem Konsum ging er in die Oper und genoss seine gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit oder spazierte durch London und sog Bilder, Klänge, Gerüche und Gespräche ein. «O reines, zartes und mächtiges Opium!», in dieser hymnischen Huldigung gipfelt De Quinceys schamlose Schwärmerei für die Droge.

Acht Jahre lang sei er ein «dilettantischer Opiumesser» gewesen, der sich das Vergnügen sporadisch gönnte. Doch dann suchten ihn neue Schmerzen heim. Die Magenschmerzen machten aus dem Dilettanten einen Profi. Jetzt trank er sein Laudanum täglich, und zwar bald in Mengen, die nach gängiger Ansicht als tödlich galten. Auch als täglichem Opiumesser ging es De Quincey zunächst blendend. Glückseligkeit bedeute für ihn, behaglich allein in seiner warmen Stube im Sessel zu sitzen mit einem Buch, einem Tässchen Tee und einem grossen Krug Laudanum – seinem «Elixier der Freude».

Doch nach den Freuden kamen die Qualen des Opiums. Ein Jahr später konnte er kaum mehr lesen, und ans Schreiben war nicht zu denken. Der Intellekt und die Empfindungsfähigkeit seien zwar unvermindert. Doch das Vermögen, eine Arbeit anzupacken, ging ihm verloren: Er wurde antriebslos. Schlimmer noch waren die Albträume, die ihn heimzusuchen begannen. Allerlei exotische, mythologische und fantastische Figuren verfolgten ihn in seinen Träumen, die sich überdies mit dem wachen Bewusstsein überblendeten. Der Schlaf stürzte ihn in die düstersten Tiefen der Melancholie und Angst. Und es meldeten sich belastende Kindheitserinnerungen zurück. De Quincey hatte früh den Vater verloren und war in ein Internat gesteckt worden, von wo er 15-jährig ausbüxte und sich als Obdachloser auf den Strassen Londons durchschlug.

Trotz des finsteren und ironiefreien Endes der «Bekenntnisse» warfen De Quinceys Kritiker ihm mit einigem Recht vor, das Loblied auf die Freuden des Opiums überwiege die Warnung vor den Qualen. Bestätigt wurde dieses Urteil durch den Umstand, dass die «Bekenntnisse» die jungen Leser zum Opiumkonsum anregten. Baudelaires Übersetzung tat das ihrige, De Quinceys Gedanken auch auf dem Festland zu verbreiten.

Start zur Diskussion und Reflexion über Drogen

Nichtsdestoweniger war, bei allem Überschwang der «Bekenntnisse», eine nötige Diskussion über Nutzen und Nachteil der potenten Substanz angestossen worden, die noch manchen Irrglauben zu überwinden haben sollte. Ein einsames Pionierwerk allein auf weiter Flur war das Buch überdies auch mit Blick auf seine Reflexionen über die Funktionsweise der Vorstellungskraft und der Träume, die darin angestellt werden. Thomas De Quincey beschreibt exemplarisch, wie Verdrängtes aus dem Unbewussten wiederkehrt – und dies Jahrzehnte vor der Geburt Sigmund Freuds.

Thomas De Quincey, «Confessions of an English Opium-­Eater», Wordsworth Classics, 1994.

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