Das emanzipierte Dornröschen – ein ironisches Ballettfest der Zürcher Compagnie

Gut ist böse, böse ist gut: Christian Spuck erneuert den Klassiker und feiert mit seiner Zürcher Compagnie ein tiefes, ironisches Ballettfest.

Julia Nehmiz
Drucken
Teilen
Mit Glitzerstaub, Vollbart und Libellenflügeln: Die sechs androgynen Feen überbringen Prinzessin Aurora zur Taufe ihre guten Wünsche.

Mit Glitzerstaub, Vollbart und Libellenflügeln: Die sechs androgynen Feen überbringen Prinzessin Aurora zur Taufe ihre guten Wünsche.

Bild: Ida Zenna

Stille. Leise öffnet sich die riesige Flügeltüre, das Königspaar lugt durch den Türspalt. Schnell nach vorne, Baby aus dem Wagen klauen. Keinen Moment später trällert eine Fee, ein androgynes Wesen mit Vollbart und Libellenflügeln, den 90er-Jahre Pophit «All That She Wants, Is Another Baby...», schlendert zu einem der sieben Kinderwägen Duzidu, und schiebt ihn ab. Eine nächste Fee singt sich zu ihrem Wagen, die nächste, die nächste – bis die schwarze Fee entsetzt stockt: Ihr Kinderwagen ist leer. Furios knallt das Carabosse-Motiv rein. Das Drama beginnt.

Was für ein Start! Keine Tutus, nirgends. Keine steifen Balanceakte, kein Aufmarsch einer Märchenfigurenarmada zum Finale. Männer in Frauenrollen, Geschlechter verschwimmen. Christian Spuck, Leiter des Ballett Zürich, entschlackt den alten Klassiker «Dornröschen», deutet ihn um, erzählt ihn weiter, mit Witz und Ironie. Und legt Tiefenschichten frei, die berühren. Am Samstagabend feierte das Ballett Zürich nach dem langen Lockdown eine märchenhafte Wiederauferstehung.

Prinzessin Aurora hat nach dem Tiefschlaf Superkräfte

«Dornröschen» gehört zu den populärsten, grossen Ballettklassikern. 1890 von Marius Petipa erschaffen, komponierte Pjotr I. Tschaikowski die rauschhafte Musik taktgenau zu Petipas Angaben – aus dieser engen Zusammenarbeit entstand eine Synthese von Musik und Tanz, die bis heute als einzigartig gilt. Petipa stützte sich für das Libretto auf das Märchen «La Belle au bois dormant» von Charles Perrault (1696), welches 1810 von den Gebrüdern Grimm aufgegriffen wurde. Bei Petipa diente die Vorlage allerdings nicht dazu, psychologische Vorgänge zu beleuchten, sondern um prächtigen, artifiziellen Tanz zu zeigen.

Christian Spuck geht da nun ganz anders heran und rüttelt nach «Nussknacker» den nächsten Tschaikowski-Klassiker kräftig durch, stellt dazu auch die Musik um. Bei ihm ist Tanz psychologischer Vorgang. Keine Bewegung ohne Inhalt, ohne Grund. Er stattet seine Figuren mit Tiefe aus, gibt ihnen Charakter, und erzählt das alte Märchen völlig neu.

Spuck erfindet ein Prequel: Das kinderlose Königspaar entführt das Baby von Carabosse. Und er zerlegt vermeintliche Gewissheiten: Wer ist gut? Wer ist böse? Die schwarze Fee Carabosse (mit dämonischem Furor und grosser Verletzlichkeit: William Moore) verflucht Prinzessin Aurora, liebt sie aber inniglich, begleitet sie über die Jahre. Gegenspielerin ist die Fliederfee, die vermeintlich gute Fee, bei Jan Casier eine Mischung aus milder Gouvernante und bösem Puck. In diesem Kräftefeld entspinnt sich die Geschichte um Prinzessin Aurora. Michelle Willems wandelt sich vom unbeschwerten Mädchen, das plötzlich weiss, die Kindheit ist vorbei, zum genervten Teenager, bis zur erwachten, erstarkten jungen Frau – die bei Spuck über Superkräfte verfügt und selbstbestimmt mit ihrem Prinzen in ein neues Leben startet. ­

Christian Spuck zeigt eine fantastische Reise durch Zeiten und Gefühle. Rufus Didwiszus hat dafür einen Raum zwischen Schloss und Museum mit hohen Wänden auf der Drehbühne erschaffen, der sich wie durch die Jahrhunderte dreht. Die prächtigen Kostüme von Buki Schiff wandern durch die Modegeschichte, denn ja, was ist schon Zeit? Bei Spuck wird das alte Märchen zeitlos und heutig zugleich. Drei «Ladies of time» sitzen wie wissende Wächterinnen mit langen weissen Bärten still im Hintergrund. Eine zieht eine Taschenuhr: Das Leben ist endlich. Gefühle sind unendlich.