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Hochschule Luzern: Das Geheimnis der Kreativität lüften

Das Studio für zeitgenössische Musik der Hochschule Luzern ist eine Talentschmiede. Im MaiHof öffnete sich ein kleines Schaufenster auf das hohe Niveau der jungen Komponisten. Sogar ein Krimi war dabei.
Roman Kühne
Die Lettin Asia Ahmetjanova performt an den New Music Days im Maihof Luzern. (Bild: Manuela Jans-Koch, 23. Juni 2018)

Die Lettin Asia Ahmetjanova performt an den New Music Days im Maihof Luzern. (Bild: Manuela Jans-Koch, 23. Juni 2018)

Welch ein Moment, was für eine Leidenschaft! Grossartig muss es sein, wenn das Feuer der Inspiration in Menschen brennt. Woher kam der Sturm, der Michelangelo die Sixtinische Kapelle entwerfen liess? Jenes Licht, das Richard Wagner zu seiner Oper «Tristan und Isolde» drängte? Bis heute ist die Inspiration des Künstlers für Normalsterbliche geheimnisvoll.

Die New Music Days der Hochschule Luzern – Musik spürten diesen Fragen am Wochen­ende nach. Im MaiHof hatten die Studierenden die Möglichkeit, ihre Projekte, Konzerte und Performances aufzuführen. «Vor ­allem ist es eine Chance, neue Kompositionen zum ersten Mal in die Praxis zu entlassen», meint Erik Borgir, Dozent und Leiter dieses Abends. «Die Musiker und Komponisten haben hier praktisch eine Carte blanche und können ihre Ideen live umsetzen.»

Was geht in einem Komponisten vor?

Am Samstagabend ist dies zum Beispiel die Musikerin Asia Ahmetjanova (26). Die Lettin versucht in ihrem spannenden Stück «Where is a composer», in den Kern des Erschaffens einzudringen. Was geht in einem Komponisten vor? In jedem von uns, der ideenreich tätig ist?

Vertraut man dem suggerierten Zeitgeist, dem Hype um das «Express yourself», dann sind dies eigentlich alle. Auch wenn die Kreativität der Menschen nur selten über das Bloggen von Alltäglichem hinausgeht. Oder sich das massentaugliche Alleinstellungsmerkmal auf ein kopiertes Tattoo beschränkt. Entsprechend ist für Ahmetjanova der Schöpfungsprozess nicht eine Muse, ein göttlicher Funke gar. Sie sieht das Erzeugen als diffusen, inneren Gärprozess, der sich nicht festmachen lässt.

Der Film zu ihrer Aufführung zeigt eine Hand auf einem Notenblatt. Unschlüssig zieht sie ihre Striche, malt einen Notenschlüssel, notiert Worte zur Idee, radiert alles aus, kehrt die Seite. Die Bilder sind mal scharf, mal unklar. Ebenen stapeln sich aufeinander. Dazu erzeugt Ahmetja­nova am Synthesizer Geräusche und Klänge. Die Ruhe gebiert ein Kratzen, es weitet sich aus, nimmt Rhythmus an, wird dichter und kehrt in die Stille zurück. Wieder keine zündende Idee. Andere Klänge erinnern an das Meer, an das alte Rauschen in der Leitung bei Überseegesprächen.

Im Computer den Alltag suchen

Für die Künstlerin sind diese Assoziationen gewollt. «Wir sind ein Teil des Alltags. Alles, was mit uns lebt, ist meine Inspiration, mein Ideenberg», erklärt sie. «Eine Komponistin muss aus diesen Vorlagen das herausholen, was zu ihr passt, womit sie sich identifizieren kann.»

Sie arbeitet aber nicht direkt mit den Klängen unseres Daseins, sondern geht den umgekehrten Weg. Sie sucht in der Elektronik die Töne, die den Alltag spiegeln. So widerhallen zwar die Luft, das Meer oder Zündgeräusche des Streichholzes in ihrer Musik. Geschaffen aus dem Computer, wirken sie trotzdem fremd, reflektieren auf ihre Art die Magie des Erfinderischen. Die Stimme, die zu der Aufführung Texte spricht, stammt indes von der Komponistin. «Den Klang habe ich entfremdet, unbestimmt gemacht, indem ich ihm die Obertöne entzogen habe. Die Komposition ist meine Selbstreflexion auf den Arbeitsprozess. Es ist kein Stück, das eine Antwort gibt.» Die Kreativität als Summe aus Alltagsleben, inneren Stimmungen und Hormonen? Es ist auf alle Fälle eine halbe Stunde Musik, die noch länger im Gedächtnis hallt.

Auch das folgende Konzert bietet Anregendes. In der Komposition «Anspannung» (2018) von Oktawia Paczkowska (22) ist der Titel das Programm. Schon die Instrumente prallen ineinander. Die Flöte trifft auf die Tuba und das Alt- auf das Baritonsax.

Wie in einem guten Krimi läuft die Erwartung auf mehreren Ebenen. Während die Holzbläser aus einem breiten Klang immer ruppiger werden, spielen Perkussion und Piano in einem anderen Rhythmus, reiben sich mit dem Stück. Und im Hintergrund die Streicher, die eine nicht ganz perfekt austarierte Shepard-Illusion erzeugen. Das heisst ein Ton, der scheinbar immer höher steigt.

Angst und Stress oder der Sinn des Lebens

Oder die virtuose Schaffung von Emma Burgunder, welche die Pianistin selber spielt. In «Drei Miniaturen für Klavier» beschreibt sie die Suche nach dem Gleichgewicht im Leben. Es ist ein attraktives Stück, hervorragend aufgeführt, dessen Sätze zwischen Jazz und der zauberhaften Verklärung eines Olivier Messiaen pendeln. Überhaupt fällt auf, wie diese Werke dem Programmatischen huldigen. Ob Angst und Stress, der Sinn des Lebens oder Musik auf dem Dada-Gedicht «Gadji beri bimba» (Komponist Lukas Fricker) – alle diese Gründungen basieren auf einem konkreten Ereignis, einer festgemachten Idee. Musik der Musik willen scheint in dieser Momentaufnahme zeitgenössischer (Luzerner) Komposition nicht vorgesehen.

Schade, ist der Publikumsaufmarsch sehr gering. Ob es am Wetter liegt oder an der zurückhaltenden Werbung? In Luzern ist das Publikum ja durchaus offen für die modernen Facetten der Musik. Vor allem wenn diese so anregend und auf hohem Niveau präsentiert wird.

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