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Grosse Klassik in Andermatt: Das Gotthard Festival beginnt mit einem regelrechten «Befreiungsschlag»

Es brauchte Mut, dieses Festival Mitten in der Krise zu planen. Ein grosses Eröffnungskonzert und internationale Aufmerksamkeit sind der erste Lohn dafür.

Roman Kühne
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Die Freude ist mit den Händen greifbar. Aber auch die Anspannung und die Spiellust. Es ist ein Konzert wie eine Erlösung. Seit über einem halben Jahr trat die Camerata Zürich nicht mehr auf. Das seelische und finanzielle Brot eines jeden Musikers war, wie bei so vielen anderen Berufen, einfach weggebrochen.

Das Konzert am Freitagabend bei der Eröffnung des Gotthard Klassik-Festival in der Konzerthalle in Andermatt ist deshalb quasi ein Befreiungsschlag. Noch bevor am Samstag und Sonntag ihre eigene Saison in Zürich beginnt. Das Ensemble bedankt sich für diesen Moment der Freiheit mit zwei Stunden begeisternder Musik.

Endlich Beethoven zum Jubiläum

Vor vollem Haus – immer ein Sitzplatz bleibt wegen Corona unbesetzt – gibt die Camerata Zürich eine Idee davon, wie Beethoven auch noch tönt. Die Ouvertüre zu «Die Geschöpfe des Prometheus» tönt zwar schön, aber noch etwas verhalten. Ein Erlebnis sind die anderen Stücke. Die Klaviersonate Nr. 8 in c-Moll, die «Pathétique», in einer Streicherbearbeitung bietet das ganze Weltentheater. Die hallenden düsteren Anfangsakkorde und die Betonung der kräftigen Zwischenschläge akzentuieren das reiche Schattenspiel. Schwer hallen später die Schläge der Violoncelli. Leidend antworten die Violinen. Lange Pausen lassen dem Klang Platz, erhöhen zusätzlich die Dramatik. Dann prescht es los. Wie ein springender Wasserquell rauscht es durch die Register. Sturm und Drang, aber auch Tasten und Suchen. Es ist ein variantenreicher Film, der sich hier entwickelt.

Der Konzertmeister Igor Karsko, früher in derselben Funktion beim Luzerner Sinfonieorchester, leitet seine Musikerinnen Musiker aufmerksam und eindringlich. Luftig, klar und lebendig ist das Klangbild. Leiseste Noten, schnelle Crescendi, Bewegung und Agilität auf kleinsten Raum zeichnen einen sichtigen sensiblen Beethoven. Das Violasolo im Adagio, die anschliessenden Achtelnoten und die darüber absteigenden Celli - alles wird aufs Sorgfältigste gezeichnet. Es ist pure kammermusikalische Exzellenz. Eine echte Eröffnungsgala.

Und die schwierige Akustik?

Ein Reichtum, der auch die Beethoven’sche 4. Sinfonie nach der Pause zu einem intensiven Erlebnis macht. Die vielstimmigen Farben der Holzbläser, wo jedes der ausgezeichneten Soli hörbar bleibt oder der das finale «Allegro», wo man das «non troppo» feurig und mit viel Witz ignoriert – immer klingt die Musik reich und mit Liebe zum Detail. Zwar sind die meisten Konzerte zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven in diesem Jahr ausgefallen. Der Auftritt der Camerata Zürich entschädigt einem in dieser Hinsicht jedoch vielfältig. Die schwierige Akustik der Andermatter Konzerthalle wird ebenfalls beherrscht.

Noch im letzten Jahr kam das Chamber Orchestra of Europe damit gar nicht zurecht. Die hervorragenden Waldhornisten, Trompeter und der Kesselpaukist der Camerata Zürich integrieren sich hingegen hervorragend in den Gesamtklang. Mehr als ein Mezzoforte liegt in dieser Halle für die Blechbläser - vor allem, wenn sie ganz hinten sitzen - einfach nicht drin. Da braucht es einen exzellenten Solisten, wie Immanuel Richter beim Konzert für Trompete in Es-Dur von Johann Wilhelm Hertel. Trotz eines eingeklemmten Ischiasnervs spielt der Dozent der Hochschule Luzern - Musik sauber, klar und mit einer atemberaubenden Phrasierung. Gepaart mit seinem singenden Spiel, dem Gespür für die gefühlvolle und weite Entwicklung sorgt er für die Spitze auf diesem eh schon höhepunktreichen Abend. Gefühlsreich, mit vielen verschiedenen Pinselstrichen und höchstem Können.

Mutig nach vorne

Für das Gotthard Klassik-Festival scheint sich die Neuausrichtung zu lohnen. Oder wie es der Ständerat Josef Dittli in seiner Ansprache formuliert: «Mit Mut fangen die schönsten Geschichten an». Wegen Corona wurde das ehemalige Osterfestival kurzerhand und fix in den Herbst verschoben. Diese Courage des Intendanten Prof. Jörg Conrad zahlt sich jetzt aus. Einerseits ist in der Innerschweiz noch nicht so viel los. Im KKL finden zum Beispiel in den nächsten zwei Wochen gerade mal zwei Konzerte statt. Das gleiche gilt für Anlässe europaweit, was dem Festival in Andermatt zusätzliche Türen öffnet. So wird die Urner Konzertserie prominent in der deutschen online Publikation «Das Opernmagazin» vorgestellt, direkt neben dem Opernhaus Zürich oder den Salzburger Festspielen.

Das Publikum ist, wie das Pausengespräch – hinter Masken – zeigt, teils aus Bern und Zürich angereist sind. Das Freitagskonzert war jedoch nur der Anfang einer spannenden Festivalwoche. So gibt es heute Samstag eine Melange zwischen einem Klaviertrio und einer Schlagzeuggruppe. Am Sonntag ist es die hochkarätig besetzte Swiss Brass Consort, die den Andermatter Konzertsaal bespielt. Ähnlich vielfältig geht es auch nächste Woche weiter. Von der Volksmusik-Klassik der «Rämschfädra» über die «Accademia Barocca Lucernensis» bis hin zur Bigband von Enrico Orlandi.

Das Gotthard Klassik-Festival dauert noch bis und mit Sonntag 4. Oktober und findet in der Konzerthalle und der Kirche St. Peter und Paul in Andermatt statt. Tickets und Infos unter www.swisschamber-musiccircle.ch

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