Ausstellung Emil Nolde: Das Groteske begann in den Alpen

Der norddeutsche Expressionist Emil Nolde liebte Groteskes und Exotisches. Das Zentrum Paul Klee in Bern zeigt seine Fantastereien. Knallig und auch aus der Schweiz.

Sabine Altorfer
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Mehr als 150 Werke, Gemälde und zahlreiche Aquarelle, zeigt das Zentrum Paul Klee. Die meisten stammen aus der Nolde Stiftung in Seebüll. (Bild: Marcel Bieri/KEY)
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 «Stillleben (Puppe, Blumen und Papagei)», 1912. (Bild: ahlers collection)
«Männerkopf (rotbraun) mit grünem Kopfschmuck», 1914, (Bild: Fotowerkstatt Elke Walford und Dirk Dunk)
«Exotische Figuren I (Fetische)», 1911, (Bild: Antje Zeis-Loi, Medienzentrum Wuppertal)

Mehr als 150 Werke, Gemälde und zahlreiche Aquarelle, zeigt das Zentrum Paul Klee. Die meisten stammen aus der Nolde Stiftung in Seebüll. (Bild: Marcel Bieri/KEY)

Wer Emil Nolde sagt, meint starkfarbige, wilde Bilder, Augenfänger. Man wusste von den Trollen, die den Expressionisten auf den Ostseeinseln heimsuchten, von seiner Liebe zur exotischen Kunst der Naturvölker und seinen Bildern aus dem wilden Berlin von Anfang des 20. Jahrhunderts. Nun verortet das Zentrum Paul Klee in Bern den Ursprung seiner Grotesken und Fantastereien in der Schweiz.

Das kam so: Emil Nolde, 1867 als Emil Hansen an der deutsch-dänischen Grenze geboren, kommt nach Wanderjahren als Holzbildhauer und Zeichner nach St. Gallen. Dort wird er 1892 Lehrer an der Zeichnungsschule für Industrie und Gewerbe. In der Freizeit wandert er in den Bergen, er soll gar das Matterhorn bestiegen haben. Doch eigentlich möchte er Maler sein. Doch wie sich lösen aus den Zwängen des akademischen Realismus? Im Lötschental beginnt er, den Bergen menschliche Gesichter einzuzeichnen, schickt die lustigen Bildchen als Postkarten nach Deutschland. Und hat Erfolg.

Die Publikation der Karten bringt genug Geld ein, um 1897 den Schuldienst in St. Gallen zu quittieren, in München zu studieren, nach Paris zu fahren – und sich dann wieder an der Ostsee, in Flensburg und in Berlin niederzulassen, zu heiraten. Kurz, um Künstler zu sein.

Die Macht der Fantasie

Die Grotesken, die er in den Alpen und in der Kunst von Goya und Böcklin gefunden hatte, suchten ihn auch weiter heim. Nolde suchte gar aktiv das Fantastische, das Traumhafte, denn wie der spätere Freund Paul Klee glaubte auch Nolde, dass sich die neue Kunst, eine freie Bildsprache nur aus dem Inneren schöpfen liesse, dass Eigenes aus der eigenen Fantasie kommen müsse.

Dieser These ordnet sich die Berner Ausstellung unter. Kuratorin Fabienne Eggelhöfer hat Noldes Blumen, Landschaften und Seebilder weggelassen. Das kann man verschmerzen. Was aber für das Verständnis von Nolde wichtig wäre, sind die Zeitbezüge zu den Expressionisten-Gruppen. Er war Mitglied der «Brücke», blitzte bei der «Berliner Secession» ab, konnte beim «Blauen Reiter» 1912 in München mitausstellen – wie Klee. Aber trotz allem: Nolde war ein Aussenseiter. Auch in den starken Bildern des Berliner Nachtlebens zeigt er sich eher als sich wundernder denn als mitfeiernder Zeuge. Das Fiebrige der Grossstadt, die sozialen Missstände waren für ihn kein Thema. Er fokussierte mit heftigen Pinselstrichen und knalligen Farben auf das Grelle, das Maskenhafte der Dirnen und Feiernden in den Cafés.

Exotisch-deutsche Widersprüche

Im Zentrum der Ausstellung inszeniert Kuratorin Fabienne Eggelhöfer Noldes Liebe zum Exotischen. Denn Nolde sah – wie Klee, Kirchner oder die französischen Maler der Moderne – in der Kunst der Urvölker eine wahre authentische Kraft.

Er inspirierte sich in den 1910er-Jahren erst in den Berliner Museen, arrangierte archaische Figuren aus unterschiedlichen Kulturen zu Stillleben, die uns heute noch durch ihre Farbigkeit und Unmittelbarkeit begeistern. Frau, Mann und Tier inszenierte er mit einfacher Sprache und mutigen Farbkombinationen zu spielerischen, erotischen, alltäglichen Darstellungen.

1913/14 nahmen er und seine Frau Ada an einer Südsee-Expedition teil. Dort malte Nolde die Eingeborenen, den geladenen Revolver neben sich, seine Frau Ada mit Revolver hinter sich. In zahlreichen Aquarellen verklärte er die Idylle, dramatisierte die blutige Gewalttätigkeit der «Wilden» – und war überzeugt, Exotik in wahre, deutsche Kunst umsetzen zu können.

Schwierige Freundschaft

Ab den 1920-Jahren waren die Ehepaare Klee und Nolde freundschaftlich verbunden. Doch Noldes Nazi-Begeisterung und seine Partei-Mitgliedschaft vertrugen sich schlecht mit Klees Arbeitsverbot in Deutschland und seiner Ausreise in die Schweiz. Dass Nolde trotz Parteimitgliedschaft als «entarteter» Künstler verfemt wurde, keinen Zugang mehr zu Malmaterial erhielt, aber doch unbehelligt in Seebüll leben konnte und sich bis zu seinem Tod 1956 als Opfer der Nazis darstellte, diese Widersprüche thematisiert der Katalog. In der Ausstellung spürt man davon wenig.

Spüren ist in dieser Ausstellung überhaupt schwierig. Was nicht an der Auswahl der Werke oder am Konzept liegt, sondern am Saal. Der ist zu gross, zu kalt, die Bilder hängen als zu kleine Gruppen an zu vereinzelten Wänden unter der dominanten Kuppel des Gebäudes und gestört durch den von Lüftungsschlitzen unruhig durchzogenen Boden. Kommt dazu, dass Gemälde und Papierarbeiten gemischt gezeigt werden, das Licht also gedämpft werden muss, sodass selbst die unglaubliche Strahlkraft von Noldes Gemälden sich nur schwer durchsetzt.

Man muss sich als Besucherin also auf einzelne Werke, Gruppen fokussieren. Etwa am Schluss bei den «Phantasien». Nicht nur Feen und Trolle haben den Maler auf Seebüll dafür heimgesucht, seine Paarbilder voll lüsterner Blicke, seine nackten Tänzerinnen entsprangen wohl nicht nur der Sehnsucht nach einer freien, deutschen Malerei.

Emil Nolde Zentrum Paul Klee, bis 3. März 2019. www.zpk.org