Selbstbestimmtes Sterben wird im Theater St.Gallen zur brisanten Parabel

Macht qualvolles Sterben Sinn? Ist bei Diagnose «unheilbar» Suizid würdevoller? Mit «Sterben helfen» führt das Theater St. Gallen das moralische Dilemma klug vor.

Hansruedi Kugler
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Die krebskranke Lucy (Jessica Cuna) schaut enttäuscht zu ihrem Vater (Hans-Jürg Müller), der ihr zum Suizid rät. (Bilder: Iko Freese)

Die krebskranke Lucy (Jessica Cuna) schaut enttäuscht zu ihrem Vater (Hans-Jürg Müller), der ihr zum Suizid rät. (Bilder: Iko Freese)

Das Publikum nimmt in der Lokremise Platz im Halbrund der weiss gedeckten Tische. Darauf Gummibärchen in kleinen Schalen – man darf davon naschen: Eine ironische Anspielung auf das Leichenmahl, das gleich in ungezwungener Fröhlichkeit um uns herum gefeiert wird. Die Festrede hält Birgit Bücker, die gerade noch mit Hans-Jürg Müller ein vertrautes, zärtliches Abschiedstänzchen genossen hat. Ein Tänzchen auf 40 Jahre glückliche Ehe. Sie strahlt, hält wie bei einem launigen Geburtstagsfest Rückschau auf ihr «tolles» Leben, bedankt sich bei Familie, Freunden und Professoren-Kollegen.

Birgit Bücker und HansJürg Müller beim Abschiedstänzchen.

Birgit Bücker und HansJürg Müller beim Abschiedstänzchen.

Die Norm ist: Keinem zur Last fallen

Dann sagt sie lächelnd: «Ausser dem Dessert kommt da nicht mehr viel», nimmt den Todesspray und verschwindet im Krematorium. Man wird später erfahren, dass sie Krebs hatte. Sind wir hier in eine gruselige Zukunft geraten? Eine Zukunft, in welcher der selbst gewählte Tod erlaubt, gar gesellschaftliche Norm ist? Die Devise: Kein eigenes Leiden, den Nächsten nicht zur Last fallen und der Gesellschaft keine Kosten verursachen?

Da scheint mit Lucy noch alles in Ordnung zu sein. Ihre Haare sind noch auf dem Kopf.

Da scheint mit Lucy noch alles in Ordnung zu sein. Ihre Haare sind noch auf dem Kopf.

Wer leiden will, ist eine Provokation

So irritierend die Szene, so bewundernswert die Gefasstheit, der Stolz und die Lebensfreude im selbst gewählten Abschied. Man erkennt: Das ist Sterbehilfe-Aktualität, zugespitzt in einer aufgeklärten, unsentimentalen Gesellschaft. Die Festgesellschaft wirkt in der Lokremise ansteckend cool. Aber die Provokation sitzt und wird danach eine Stunde lang kontrastiert: Denn Lucy (Jessica Cuna), die Tochter der Verstorbenen, die Karrierefrau mit Diagnose Krebs, wird sich anders entscheiden, feiert erst mit, zweifelt, wird trotzig, stolz und am Ende um ihr Leben bettelnd in Windeln und Blut spuckend im Pflegebett liegen. Betreut nur noch von ihrer Partnerin (Anja Tobler), nachdem ihr Arzt (Marcus Schäfer) ihr ins Gewissen geredet hat: «Sie müssten das selbst erkennen. Sie sind nur noch ein Kostenfaktor.»

Diagnose Krebs: Lucy (Jessica Cuna), ihr Arzt Dr. Asche (Marcus Schäfer)

Diagnose Krebs: Lucy (Jessica Cuna), ihr Arzt Dr. Asche (Marcus Schäfer)

Was ist nun eigentlich menschliche Würde?

Zwei Frauen also: Mutter und erwachsene Tochter. Eine Diagnose: Krebs. Zwei radikale Entscheidungen, die mit eiskalt-nüchternem Realismus kommentiert werden: «Meine Frau war noch sie selbst, als sie ging. Stark, schlau, selbstbestimmt. Noch Mensch, nicht Gemüse.» Das sagt Hans-Jürg Müller, der Ehemann der einen, Vater der anderen. Und macht dies der Tochter Lucy zum Vorwurf: Dass sie ihr Leiden egoistisch den anderen aufzwingt. Er öffnet damit mit maximaler moralischer Wucht das Dilemma: Was ist angesichts des Todes nun eigentlich menschliche Würde?

Lucy ist zum Pflegefall geworden, betreut von ihrer Partnerin (Anja Tobler).

Lucy ist zum Pflegefall geworden, betreut von ihrer Partnerin (Anja Tobler).

Theater - lebensnah und zugänglich

Mit «Sterben helfen» setzt das Theater St. Gallen die Reihe zeitgenössischer, lebensnah-brisanter und gleichzeitig zugänglicher Stücke fort. Nach dem Burn-out-Drama «Der Mann, der die Welt ass» und dem Lehrerdrama «Versetzung» um einen Manisch-Depressiven dürfte auch «Sterben helfen» zum Publikumserfolg werden. Stark ist das Stück, weil es kein Pamphlet für die eine oder andere Seite ist, sondern Argumente, Gefühle und Normen auf hohem Niveau verhandelt und in Szene setzt. Die Figuren werden immer wieder zu Erzählern. Lucys Verfall rückt aus dem Rückblick in besänftigende Distanz, die Grenze zum Melodramatischen wird am Ende geritzt.

Rückblick mit Videoprojektion auf gesunde Zeiten.

Rückblick mit Videoprojektion auf gesunde Zeiten.

Etwas makabrer hätte es sein können

Eine höhere Dosis an Makabrem und Groteskem hätte zwar dem Abend gut getan. Aber man wird mit Denkanstoss und Mitgefühl gut bedient und nicht bedrängt. Vielleicht der wichtigste Kunstgriff: Regisseur Manuel Bürgin setzt das Publikum in die Szenerie, die mit rotem Teppich, Abreisskalender, Kronleuchtern und einem Klavier spartanisch gehalten ist. Entkommen kann man dem Thema nicht. Egal, ob man dem Suizid oder dem Leiden den Vorzug gibt.

Hinweis
Lokremise St. Gallen, bis 28. April