Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Streit um St.Galler Kulturpreis - Stadtpräsident Scheitlin: «Was hat Rau denn bitte hinterlassen?»

Milo Rau gilt als einer der wichtigsten Theatermacher Europas. Trotzdem zog der Stadtrat, entgegen Empfehlung der Kulturkommission, einen anderen Preisträger vor. Stadtpräsident Thomas Scheitlin verteidigt das Vorgehen des Stadtrats.
Interview: Hansruedi Kugler, Julia Nehmiz
«Ich habe nichts gegen Kritik, aber sie soll fair und sachlich sein.» – Stadtpräsident Thomas Scheitlin. (Bild: Urs Bucher, St.Gallen März 2018)

«Ich habe nichts gegen Kritik, aber sie soll fair und sachlich sein.» – Stadtpräsident Thomas Scheitlin. (Bild: Urs Bucher, St.Gallen März 2018)

  • Der alle vier Jahre verliehene Grosse Kulturpreis der Stadt St.Gallen hat dieses Jahr zu Protestrücktritten und parlamentarischen Anfragen geführt.
  • Unbestritten ist, dass Felix Lehner diesen mit 30 000 Franken dotierten Preis verdient hat. Er hat die Kunstgiesserei im Sitterwerk aufgebaut. Die Kulturkommission allerdings hätte den Preis per Mehrheitsentscheid lieber dem Regisseur Milo Rau gegeben.
  • Die Stadtregierung, die den Entscheid fällt, sah das anders. Die «sichtbaren kulturellen Fussabdrücke in der Stadt» des Regisseurs seien zu klein. Einzelne Mitglieder fühlten sich des­avouiert, drei traten aus Protest aus der Kulturkommission zurück.
  • Dass Stadtpräsident Thomas Scheitlin 1990 noch als Stadtparlamentarier die Vergabe des Kulturpreises an Niklaus Meienberg scharf kritisiert hatte, führte zum Verdacht, hinter dem Entscheid des Stadtrates stünden politische Motive. Am 6.Juni kritisierte Milo Rau in dieser Zeitung die Vergabepraxis.

Thomas Scheitlin, haben Sie je mit Milo Rau gesprochen?

Nein, ich habe nie Kontakt mit ihm gehabt. Ich kenne ihn auch gar nicht.

Milo Rau wirft Ihnen politische Unkultur vor. Indem Sie die Empfehlung der Kulturkommission über­gehen, würden Sie die liberale Tradition des St. Galler Kulturpreises «in den Müll treten».

Wir haben uns nicht gegen jemanden entschieden. Wir haben nicht gesagt, Milo Rau soll den Preis nicht bekommen, sondern wir haben uns für Felix Lehner entschieden. Dies gestützt auf das Kulturpreisreglement. Wenn Rau sagt, ich stünde mit meiner Meinung alleine, stimmt das nicht. Das ganze Parlament hat gesagt, Felix Lehner habe den Kulturpreis verdient.

Aus der Kulturkommission wurde publik, dass sie über zwei Namen abstimmte – der Mehrheitsentscheid sei für Rau gefallen. Nur er wurde dem Stadtrat als Preisträger empfohlen. Warum die Kehrtwende?

Die Kommission, die die Anträge für den Kulturpreis stellt, ist die vorbereitende Kraft für den Stadtrat. Dieser entscheidet unabhängig und könnte sogar einen Dritten auszeichnen.

Wenn der Stadtrat die Vorschläge der Fachkommissionen nur abnicken müsste, würde er seine Verantwortung nicht wahrnehmen.

Hier hat er seine Verantwortung wahrgenommen, er hat entschieden.

Milo Rau wirft dem Stadtrat kulturelle Inkompetenz vor. Was kennen Sie selbst von Milo Raus Arbeiten?

Ich sage es umgekehrt. Heute entscheiden wir im Stadtrat auch über Baufragen. Nicht alle sind Bauexperten. In der Geschäftsprüfungskommission sitzen auch nicht nur Treuhänder. Der Stadtrat wägt ab, entscheidet, vielleicht auch gegen die Verwaltung, in seiner Verantwortung für die ganze Stadt.

Sie weichen aus. Soll ein Stadtrat, der nichts kennt von Milo Rau, die Frage der Ortsgebundenheit höher gewichten?

Die haben wir nicht gewichtet. Wollen Sie sagen, dass das, was Felix Lehner in der Stadt macht, nicht würdig ist, den Kulturpreis zu bekommen?

Es ist ja unbestritten, dass Felix Lehner den Preis verdient.

Darum sage ich: Wir würdigen, was Felix Lehner in der Stadt gemacht hat.

Trotzdem bleibt die Frage: Wenn Sie kein einziges Werk von Milo Rau kennen, dann können Sie ihn doch gar nicht beurteilen.

Was hat er denn bitte in der Stadt St.Gallen gemacht und hinterlassen?

Er hat hier als Journalist gearbeitet und 2011 die Politaktion «City of Change» am Theater St.Gallen inszeniert.

Ich sass damals mit Nino Cozzio im Stadtrat, wir haben intensiv darüber diskutiert. Ich weiss, worum es ging.

Podiumsdiskussion "City of Change" in der Lokremise St.Gallen mit Milo Rau, Lukas Reimann, Karin Keller-Sutter, Cédric Wermuth, Gülcan Akkaya, Mark Terkessidis (Bild: Ralph Ribi, 28.5.2011)

Podiumsdiskussion "City of Change" in der Lokremise St.Gallen mit Milo Rau, Lukas Reimann, Karin Keller-Sutter, Cédric Wermuth, Gülcan Akkaya, Mark Terkessidis (Bild: Ralph Ribi, 28.5.2011)

Und, was ist Ihre Haltung dazu?

Wir waren nie gegen kritische Kulturaufführungen in der Stadt. Das hat nichts mit dem Kulturpreis zu tun. Die vielen Preise, die Milo Rau international erhalten hat, die stehen doch gar nicht zur Diskussion, da hat er zweifellos seine Verdienste.

Milo Rau kritisiert multinationale Konzerne, die zum Beispiel den Kongo ausbeuten. Als ehemaliges langjähriges Direktoriumsmitglied der UBS muss Sie das doch ärgern.

Überhaupt nicht. Wenn sachlich argumentiert wird, soll und muss die kritische Auseinandersetzung mit solchen Themen stattfinden.

1990 äusserten Sie sich ausdrücklich gegen die Vergabe des Kulturpreises an Niklaus Meienberg. Wären Sie damals Stadtpräsident gewesen, hätten Sie ihn verhindert?

Der Stadtpräsident kann das gar nicht verhindern.

Ich könnte auch keine Milo-Rau-Ehrung verhindern. Der Stadtrat entscheidet als Gremium, ich kann überstimmt werden.

Es ist müssig, die Meienberg-Ehrung zu diskutieren. Wir haben damals genau das gemacht, was Milo Rau in seinem Artikel fordert. Wir haben eine Kulturdebatte geführt. Ich war Bürger in dieser Stadt, und wir ­haben eine Diskussion angestossen.

Als 2006 eine Strasse nach Meienberg benannt werden sollte, sagten Sie, es sei fraglich, ob eine Persönlichkeit, «die über St.Gallen überwiegend negative Äusserungen gemacht hat, so geehrt werden soll». Kultur soll also ein sonniges Bild von St.Gallen zeichnen.

Überhaupt nicht, ich bin in sehr vielen kulturkritischen Debatten drin. Ich habe damals eine Frage gestellt, ich habe nicht gesagt, das darf nicht sein. Eine Frage soll eine Diskussion anregen, und die wird hoffentlich geführt.

Sie sagten, es sei kein Entscheid gegen Milo Rau. Und jetzt sagen Sie, Sie möchten Diskussionen auslösen. Das ist doch ein Widerspruch. Wenn Sie eine Diskussion über Kultur führen wollten, dann hätten Sie über Milo Raus Werk sprechen müssen. Aber Sie verstecken sich hinter formalen Vorgängen.

Nein, wir haben nicht über Milo Rau entscheiden müssen. Wir haben anders gewichtet. Was hat die Persönlichkeit in der Stadt St.Gallen für die Stadt kulturell geleistet? Das ist das entscheidende Argument. Darüber haben wir entschieden.

Was Milo Rau international macht, das ist unbestritten. Aber uns geht es um den nachhaltigen Beitrag für die Kultur in der Stadt.

Und wenn ich anschaue, welche Spuren Felix Lehner in der Stadt hinterlassen hat, dann schlägt das Pendel ganz klar zu seinen Gunsten aus.

Allerdings wurden 1994 und 2006 mit Eveline Hasler und Silvie Defraoui zwei Künstlerinnen geehrt, die in ihrem Werk kaum einen Bezug zu St.Gallen herstellen. Defraoui wird nicht einmal im Archiv Ostschweizer Kunstschaffender erwähnt.

Das beurteile ich nicht, es war die Gewichtung des damaligen Stadtrates.

Milo Rau gilt als einer der wichtig­sten europäischen Theatermacher. Mit seinen Produktionen legt er den Finger in gesellschaftliche Wunden. Es wirkt provinziell, wenn die Stadt das nicht würdigt.

Das ist nicht provinziell. Wir haben einen St.Galler Preis vergeben, wir würdigen nicht, was jemand europäisch alles geleistet hat.

Milo Rau hätte Möglichkeiten gehabt, hier etwas zu machen. Nochmals: Im Reglement heisst es explizit, dass der Grosse Kulturpreis eine Person auszeichnet, die sich um die Förderung des kulturellen Lebens der Stadt verdient gemacht hat. Das ist entscheidend.

Hat dann die Kulturkommission das Reglement schlampig gelesen?

Das kann sein. Oder sie hat einfach ­die Kriterien anders gewichtet.

Nun wurde im Parlament eine Motion eingereicht, mit dem Ziel, der Kulturkommission die Zuständigkeit für die Verleihung von Preisen zu übertragen.

Dieser Weg scheint mir nicht der richtige zu sein. Der Stadtrat hat das Reglement für die Vergabe des Kulturpreises erlassen, nur er kann es ändern. Doch schon vor dieser Diskussion hatte der Stadtrat den Auftrag erteilt, das Kulturkonzept zu überarbeiten und in diesem Rahmen die Organisation der Kulturkommission anzuschauen.

Trotzdem: Der Stadtrat und die Kommission stehen nun in schlechtem Licht da.

Überhaupt nicht, die öffentliche Resonanz war durchwegs positiv. Ich habe nicht ein einziges kritisches Mail bekommen, warum wir Felix Lehner auszeichnen. Auch das Stadtparlament war unisono für Felix Lehner, es gab keine einzige kritische Stimme. Kritik wurde laut am Prozess, nicht an der Person.

Hat Sie die Diskussion überrascht?

Ja, sie irritiert mich, da ich nur positive Rückmeldungen zur Wahl Felix Lehners bekam.

Mich stört an der Diskussion nicht, dass man diskutiert, sondern dass Milo Rau nur seine eigene Person diskutiert. Und dass er Unterstellungen veröffentlicht.

Das Wort «Querulant» ist nie gefallen bei den Rücktritten der Kommissionsmitglieder. Und Milo Rau hat nur einmal einen Beitrag von der Stadt St.Gallen erhalten, nicht mehrmals. Es ist auch nicht die halbe Kulturkommission zurückgetreten, sondern nur drei von zehn Mitgliedern. Ich frage mich, ob das die Form von Diskussion ist, die wir führen wollen. Ich habe nichts gegen Kritik an mir und am Stadtrat, aber sie soll fair und sachlich sein. Aber dass jemand sagt, der Stadtrat erinnere ihn an ein kommunistisches Gremium aus den 80er-Jahren, der Stadtpräsident sei gekauft von Konstanz, das ist keine Diskussionsgrundlage.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.