Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Das Kind im Mann oder wie lebe ich in der Modeleisenbahn

Lebt ein «Isebähnler» in einer eigenen Welt? Im Stück «Mein Leben in H0» der Theaterwerkstatt ­Frauenfeld fragt sich Erwin, welche Weichen er in seinem Leben gestellt hat und welche nicht.
Dieter Langhart
Joe Fenner als Erwin im Monolog «Mein Leben in H0». (Bild: Reto Martin)

Joe Fenner als Erwin im Monolog «Mein Leben in H0». (Bild: Reto Martin)

Nebenan fahren die Züge im Massstab 1:1 ein und aus, in der Theaterwerkstatt ist die Welt 87-mal kleiner. Draussen ist das Leben, hier drin ist ein anderes Leben, eine andere Welt. Erwins Welt. Alle nennen ihn Jimmy, aber wer sind «alle»? Er hatte sich eine Familie gewünscht, es hat sich nicht ergeben. So hat er sich das Kind im Mann bewahrt und hat sich, wie Tausende andere, seine eigene Welt gebaut.

Wir sind «alle», das Publikum. Erwin redet zu uns, erzählt von sich und seiner kleinen Welt im Massstab H0. Eine beachtliche Anlage haben der Stückautor Giuseppe Spina mithilfe von jungen Modellbauexperten dem Schauspieler Joe Fenner auf die Bühne gestellt.

Das Krokodil und die Angst vor dem «Floskelmassaker»

Und Erwins Augen leuchten, wie er sein Leben auszubreiten beginnt – und manche Augen dürften auch im Publikum leuchten. 1962, er war vierzehn, kaufte er sich seine erste Lok, eine V 200.0 der DB, zu Weihnachten erhörte der Vater Erwins Wunsch: ein Märklin-Starter-Kit. Dann blühte Erwin auf, dann nahm sein Leben in H0 seinen Lauf.

Voller Stolz führt uns Joe Fenner das «Krokodil» vor oder die «Big Boy», lässt uns 1:1 teilhaben an seiner Rückschau auf ein langes Leben, das sich so zugetragen hat und das, vielleicht, auch anders hätte verlaufen können. Zwischen die Akribie mischen sich Zweifel: «Ich bin ein Kind geblieben, weil ich mein Leben nicht auf die Reihe kriege. Aber ich darf sein, wie ich bin.» Nicht mal Gäste empfängt er oben in seiner Wohnung, fürchtet das «Floskelmassaker». Wir alle trügen doch Masken und belögen einander, sagt Erwin. Er weiss um die Blase, in der er sich mit andern Modellbauern bewegt, und er sagt: «Ich traue niemandem ausser mir selbst.» Ja, auf vieles habe er verzichtet, habe stattdessen die Gesellschaft nachgebaut. Er zeigt uns den Luftschutzbunker, den er in die Anlage integriert hatte, als 1983 die Sowjets drohten, die Welt in Asche zu legen – dazu singt Bruce Springsteen «Dancing in the Dark». Ein blendender Einfall des Autors, Erwins kleine Welt mit jener Musik auszuweiten, die sein Leben begleitet hat: Zum Auftakt Joe Cocker, später Rod Stewart oder Elton John – allesamt Pop- und Rockstars, die wie Erwin in ihrer Freizeit an einer kleinen Welt bauen.

Giuseppe Spina hat das Stück als Allegorie auf das Leben angelegt: Weichenstellungen, Abstellgleise, Züge, die abgefahren sind – lauter Wortbilder, die Erwin wie ein Brennglas in seinem Leben gebündelt hat. Christoph Rath führt Joe Fenner mit ruhiger Hand, lässt ihn ins Publikum sprechen, lässt ihm den Stolz ebenso wie die Selbstzweifel und das Selbstmitleid. «Ob ich wirklich gelebt habe? Ob ich rückblickend in meinem Leben etwas ändern könnte?» Erwin hatte den Vorschlaghammer gepackt, wieder weggelegt. Jetzt denkt er an Véronique, der er einst auf einem Vereinsausflug am Gare Du Nord begegnet war. Starker Applaus an der ausverkauften Premiere.

Weitere Vorstellungen

Fr/Sa, 9./10. und 16./17.11., Theaterwerkstatt Gleis 5, Frauenfeld

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.