Lyrik
Literatur-Nobelpreisträgerin Louise Glück: «Das Kranke ist das Wahre»

Die amerikanische Dichterin Louise Glück gewann 2020 den Literaturnobelpreis. Ihr neuer Gedichtband ist nicht so harmlos, wie der Titel vermuten lässt.

Florian Bissig
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Der ehemalige US-Präsident Barack Obama ist ein Bewunderer der Kunst von Louise Glück.

Der ehemalige US-Präsident Barack Obama ist ein Bewunderer der Kunst von Louise Glück.

Carolyn Kaster / AP

Den Titel «Winterrezepte aus dem Kollektiv» könnte man mit hausgemachten Guetzli und gemütlichem Beisammensein in Verbindung bringen und in wohlige Weihnachtsstimmung kommen. Das wäre wohl im Sinn der beteiligten Verlage, die sich freuen, wenn Louise Glücks neuer Gedichtband, der in der Adventszeit erschien, unter vielen Weihnachtsbäumen zu liegen kam. Hat die letztjährige ­Literaturnobelpreisträgerin ein Bändchen mit Wohlfühlpoesie geschrieben?

Nun dauert der Winter allerdings länger als die Weihnachtszeit, und er steht für Finsternisse, die sich nicht von Kerzenschein und Glühwein aufhellen lassen. In der Literatur und Kunst ist der Winter ein offensichtliches Symbol für Altern und Tod, für Abschied, Trauer und Einsamkeit. Kann es Rezepte gegen diese Übel geben? Das Gedicht, das Glücks Band den Titel gibt, handelt tatsächlich von einem sonderbaren Rezeptbuch. Was darüber gesagt wird, gilt wohl auch für Glücks Gedichtband. «Das Buch enthält / nur Rezepte für den Winter, wenn das Leben schwer ist. Im Frühling / kann jeder ein feines Mahl zubereiten.»

Skurrile Storys und fantastische Parabeln

Da nun aber gerade Winter ist, gibt es sehr unfeine Kost: Moos, von Wacholdersträuchern gesammelt und fermentiert, wird ins Brötchen gestopft! Obwohl Senf dazu gereicht wird, ist das kein appetitliches Rezept. Aber «es war, was man ass, / wenn es sonst nichts gab, wie Matze in der Wüste», also Augen zu und durch. Die Moosbrötchengeschichte ist nur eine von vielen skurrilen Storys und fantastischen Parabeln, die in Glücks schmalem Bändchen gesponnen werden. Wie im Märchen, und zuweilen wie im Traum, gehorcht hier so manches nicht den gängigen Prinzipien, auch nicht den physikalischen. So erklimmen etwa im Gedicht mit dem Titel «Gedicht» zwei Kinder Hand in Hand einen eisbedeckten Berg und fliegen von dort durch die Lüfte. Die Sprecherin und ihre Gefährtin möchten es ihnen gleichtun. Doch sie fallen bloss, durch alle Welten hindurch, «eine schöner als die andere». Zum Trost gibt es Lieder und Berührungen, jedoch sind «Worte keine Lösung».

Während hier Sterben und Tod nicht beim Namen genannt wurden, verrät das längere Stück «Die Verleugnung des Todes» bereits im Titel, was in seine sonderbare Geschichte verhüllt ist. Die Icherzählerin wird von einem «du» verlassen, weil sie keinen Pass hat, um die gemeinsame Reise mitzubestreiten. Dann taucht ein Concierge auf und kümmert sich um sie. Am Ende kommt die Auflösung: «Concierge nannte ich dich. / Und davor du, was, glaube ich, / in der Literatur so üblich ist.» Eine geliebte Person ist also fort und zugleich da; abwesend und kraft der Erinnerung und der Imagination dennoch auf flüchtige Weise anwesend.

Sachlicher und finsterer Blick auf das Leben

Glücks Gedichte sind Geschichten von Tod und Trauer, doch ihr Ton ist nicht gefühlsgeschwängert, sondern gelassen und geradezu sachlich. Mit präziser Sorgfalt und heiligem Ernst beschreiben sie die Betriebsamkeit rund um allerlei skurrile «Winterrezepte» und giessen sie in fantastische Erzählungen. Das Sterben wäre vielleicht nicht so schwer, wenn wenigstens das Leben leicht gewesen wäre. Man ahnt schon: Dies war nicht der Fall. Glücks Verse stehlen sich um ein frühkindliches Trauma herum. Ein nicht erinnertes, aber geahntes, rekonstruiertes, und in seiner Unfassbarkeit umso tiefer sitzendes Gefühl des Nichtgeliebtseins. «War ich ein braves Baby? Ein böses?», fragt die heute 78-Jährige in «Nachtgedanken». Noch immer, nachdem niemand mehr lebt, der sich an sie als Baby erinnern kann, verobjektiviert und verurteilt sie sich als schreienden, lästigen Säugling.

Einzig im Mutterleib, «aufgehoben / in meiner Mutter und von ihr beifällig / getätschelt», erfuhr sie Liebe. «Welche Schande, dass ich sprechen / lernte und mir dies nicht / in Erinnerung blieb. Die Liebe meiner Mutter! / Zu bald schon brachte ich / mein wahres Ich hervor, / robust, doch ungeniessbar / wie ein rasselnder Wecker.» Das Rasseln des Weckers ist zwar eine Zutat der Übersetzerin, die nicht vom Original gedeckt ist. Dennoch wird deutlich, wie brutal die Besitzerin dieser Nachtgedanken mit sich selbst umspringt. Ihr wahres Selbst sieht sie in einem lästigen Gerät, das keine Erinnerung an Liebe kennt.

Das Kranke ist das Wahre; das Gesunde bleibt dem Imaginären vorbehalten. Diese bittere Einsicht spricht auch aus dem Gedicht «Eine Erinnerung». Eine Krankheit habe es zunehmend schwierig gemacht, «Normalität vorzutäuschen, / Gesundheit oder Lebensfreude», heisst es da. Möglich, dass man das autobiografisch lesen darf: Glück kämpfte in jungen Jahren mit einer schweren Anorexie. Im Gedicht spricht sie von der Gemeinschaft von Gleichgesinnten, in welcher sie sich an die frühe Kindheit zu erinnern glaubte. Oder kehrte sie gar zurück «in die Zeit / vor meiner Kindheit, die Vergessenheit»?

Finster ist die Perspektive dieser Gedichte auf das Leben. Ganz und gar unadventlich, wie es scheint. Oder doch nicht? «Ruhe ist nicht die Wahrheit. / Verzweiflung ist die Wahrheit.», heisst es im unscheinbaren Stück «Eine Kindergeschichte». «Alle Hoffnung ist dahin. / Wir müssen zurück, wo sie verloren ging, / wollen wir sie wiederfinden.» Also ungefähr: Die Hoffnung ist dahin – es lebe die Hoffnung! Solche abgründige Absurdität – die auch dem Christentum nicht fremd ist – blitzt in Glücks Versen zuweilen auf. Ein Rezept, das mit der nötigen Vorsicht durchaus zu geniessen ist.

Louise Glück: Winterrezepte aus dem Kollektiv. Gedichte. Übersetzt von Uta Gosmann, Luchterhand, 80 S.

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