Zwei Stars der Comic-Szene am Fumetto: Monster sind ihr Thema

Im diesjährigen Comicfestival Fumetto treiben Monster ihr Unwesen. Die grotesk süssen Figuren der beiden gefeierten Comiczeichner Emil Ferris und Joann Sfar wollen aber nicht erschrecken – sie sind sensibel und hintersinnig.

Simon Mathis
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Auch Wölfe und Vampire gehen in den Nachtclub, zumindest in Joann Sfars Comicband «Aspirine». (Bild: Avant-Verlag)

Auch Wölfe und Vampire gehen in den Nachtclub, zumindest in Joann Sfars Comicband «Aspirine». (Bild: Avant-Verlag)

Das 10-jährige Mädchen Karen Reyes heult den Vollmond an. Ihre Finger werden zu Krallen, auf ihrer Haut wächst dichtes Fell. Sie verwandelt sich in einen Werwolf. Passanten entdecken das pelzige Geschöpf, zücken sofort Fackeln und Gartenharken. «Tötet das Monster!», ruft einer. Mit diesem Albtraum beginnt der Comic «Am liebsten mag ich Monster» der US-amerikanischen Zeichnerin Emil Ferris. Das Buch versetzt den Leser in das Chicago der späten 1960er, wo ein unerklärlicher Mord geschieht. Die Holocaust-Überlebende Anka Silverberg ist tot, und ihre Nachbarin Karen will den Fall aufklären – als fantasievolle und aufgeweckte Werwolfdetektivin.

Emil Ferris. (Bild: Wiki)

Emil Ferris. (Bild: Wiki)

Die Amerikanerin Emil Ferris, die ihren ersten Comic erst mit 55 Jahren herausbrachte und damit die Comicwelt im Sturm eroberte, ist diese Woche in der Schweiz . Sie ist Artist in Residence des Comicfestivals Fumetto, im Luzerner Hotel Schweizerhof können die Besucher auf die gefeierte Zeichnerin treffen. «Am liebsten mag ich Monster» baut ein unvergleichliches Universum auf, wo die groteske Fantasie eines Mädchens auf die Tragik des Zweiten Weltkriegs trifft.

Das Buch ist eine Liebeserklärung an klassische Horrorfilme wie «Frankenstein» (1931) oder «The Wolf Man» (1941). Ferris erzählt Karens Geschichte im Stile eines Tage- und Skizzenbuches, wo sich Gedanken und Bilder assoziativ durchmischen.

Langweilige Helden und schöne Ungeheuer

Die Protagonistin Karen – ein Spiegelbild der Autorin – wünscht sich nichts sehnlicher, als ein Monster zu sein. «Monster sind halt unheimlich cool», sagt Ferris, die bereits am Donnerstag in Luzern angekommen ist.

Wir haben sie im Restaurant Rebstock getroffen. Während es draussen schneite, fachsimpelte sie leidenschaftlich über Filme und Comics. Mit Monstern und Bösewichten konnte Ferris sich immer problemlos identifizieren, Superhelden findet sie langweilig: «Superhelden sind nie in Versuchung, etwas Böses zu tun. Ganz anders als Monster: Wenn sie sich dazu durchringen können, etwas Gutes zu tun, ist das bedeutungsvoll und wunderschön.» Denn Superhelden gebe es nicht, Monster aber seien wir alle. Auch wenn es nicht alle zugeben wollten. «Wer sich als Monster darstellt, feiert seine Andersartigkeit, ist stolz auf sie», erklärt Ferris. Die schlimmsten Monster seien jene, die die Andersartigen verfolgen, ausgrenzen oder gleichschalten.

Emil Ferris stellt sich in «Am liebsten mag ich Monster» fantasievolle Ungeheuer vor: Hier eine Persiflage des Valentinstags. (Bild: Panini)

Emil Ferris stellt sich in «Am liebsten mag ich Monster» fantasievolle Ungeheuer vor: Hier eine Persiflage des Valentinstags. (Bild: Panini)

Diese typische Botschaft des Horrorfilms greift Ferris gleich zu Beginn des Comics auf. Der wütende Mob erscheint mit entstellten Fratzen, während das Werwolfmädchen Karen mit seinen zwei langen Eckzähnen putzig aus der Wäsche schaut. Emil Ferris Sehnsucht nach Monstern hat auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. An ihrem Stuhl im Restaurant lehnte ein Gehstock. Als sie 40 Jahre alt war, wurde sie mit dem West-Nile-Virus infiziert. Ihre Beine und ihre rechte Hand waren gelähmt. Sie musste sich das Zeichnen neu beibringen, Schritt für Schritt überwand sie die Paralyse – während sie teilweise 16 Stunden am Tag zeichnete. Sechs Jahre lang arbeitete sie an «Am liebsten mag ich Monster».

Was Sfar zeichnet, wird gedruckt

Johann Sfar. (Bild: Getty)

Johann Sfar. (Bild: Getty)

Nicht nur bei Ferris spielen Monster eine zentrale Rolle: Auch beim französischen Zeichner Joann Sfar dreht sich alles um ungeheuerliche, quirlige Wesen. Er ist ebenfalls im Fumetto vertreten – in der Ausstellung «Liebende und andere Vampire», die in der Kunsthalle Luzern gezeigt wird.

Zeitgleich zeigt das Basler Cartoonmuseum in einer grossen Schau das umfangreiche Werk des erst 48-jährigen «Altmeisters». Denn Sfar ist ein Star unter den Comiczeichnern. Sein Output erstaunt: über 160 Comicbände gibt es von ihm bereits zu lesen. Dazu kommen Filme und Romane. «Praktisch alles, was Sfar zeichnet, wird publiziert», erzählt Jana Jakoubek, die künstlerische Leiterin des Fumetto. «Das ist einzigartig.»

Ein Vampir will die Schulbank drücken

Sfars bekannteste Figur ist die sprechende Katze des Rabbiners, die die jüdische Kultur vorlaut hinterfragt. Im Sfar’schen Universum tummeln sich aber auch Vampire, Golems und Baummädchen. In «Desmodus der Vampir» trifft das jüdische Waisenkind Michael auf einen jungen Vampir, der in die Schule gehen will wie ein gewöhnlicher Junge. Denn er hat die Nase voll von den Monstern, die sich in seinem Haus herumtreiben. Der kleine Vampir kann mit seiner Andersartigkeit nichts anfangen, sehnt sich nach dem Gewöhnlichen. In der fantastischen Parallelwelt des Vampirs erinnert vieles an die echte Welt: Dort wie hier muss man sich mit zwischenmenschlichen Missverständnissen und ärgerlichen Alltagsproblemen herumschlagen.

«Ferris interessiert sich für das Monströse im Menschen, Sfar für das Menschliche im Monster», sagt Fumetto-Leiterin Jana Jakoubek. «Aber beide versuchen auf ihre Weise, den Unterschied zwischen normal und abnormal zu verwischen.» Sfars Zeichnungen sind geschwungen und leichtfüssig, teils fast flüchtig hingeworfen, als wäre ihm die Idee wichtiger als das Bild. Seine Geschichten befinden sich im Fluss, packen ernste Themen mit hintersinnigem Humor an – mit Humor, der bei Erwachsenen und Kindern oft gleichermassen funktioniert.

Auch Sfar führt im Comic eine Art Tagebuch. Er klappert seine Themen immer wieder ab, denkt sie frisch durch: die Religion, die Liebe, die Familie. Das Fantastische erlaubt einen kindlichen, unvoreingenommenen Blick auf alte Fragen. Sfar und Ferris zeigen: Monster gibt es viele, aber sie lassen sich nicht alle über einen Kamm scheren. Die einen sind zum Gruseln, die anderen zum Knuddeln. Und wieder andere sind vielleicht wir selbst.

Vergessene, Duelle und Partys

(sma.) Heute Samstag beginnt das einwöchige Comicfestival Fumetto. Joann Sfars Werke sind in der Kunsthalle, Emil Ferris’ im Hotel Schweizerhof zu sehen. Zeichnungen des vergessenen Altmeisters Herbert Crowley werden im Raum für Kunst an der Neustadtstrasse gezeigt. Die Comic-Stipendien der Deutschschweizer Städte gehen dieses Jahr an Christoph Fischer (Luzern) und Andreas Lori (Basel): Ausstellung an der Bruchstrasse 53 in den Räumen der IG Kultur. Der diesjährige Comicwettbewerb steht im Zeichen des Velos. Die Einsendungen sind in der Kapelle Rössligasse ausgestellt. Comicbörse 6. und 7. April im Bourbaki, Zeichnerduell am 10. April im Festivalzentrum Kornschütte. Comic-Party am 12. April ab 20.30 Uhr im Neubad.