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Applaus, Applaus: «Das Publikum hat immer recht»

Für Schauspieler und Sänger ist er eine Art Lohn. Was sie erleben, wenn sie den Applaus entgegen nehmen, erzählen sie in Gesprächen.
Rolf App
Der Applaus variiert auch nach Sparte. Im Musical - wie hier bei «Matterhorn» im Theater St. Gallen - fällt er besonders üppig aus. (Bild: Anna-Tina Eberhard)

Der Applaus variiert auch nach Sparte. Im Musical - wie hier bei «Matterhorn» im Theater St. Gallen - fällt er besonders üppig aus. (Bild: Anna-Tina Eberhard)

Es ist spät geworden, die Vorstellung am Theater St. Gallen geht ihrem Ende entgegen. Hinter der Bühne sammeln sich Schauspieler oder Sänger. Dann ist das letzte Wort gesprochen, der letzte Ton gesungen. Nun sollte er kommen, der Applaus. Und er kommt auch. Denn «das Ostschweizer Publikum ist hochanständig», sagt Bruno Riedl. Er ist einer von vier Schauspielern, mit denen wir über den Applaus sprechen - der ja eine Art Lohn bedeutet. Für die Anstrengung der Vorstellung und für ein paar Wochen intensiven Probens. In ihn eingeschlossen sind jene, die im Hintergrund an der Arbeit sind. Und auch jene, die wie Opernchef Peter Heilker nicht direkt involviert sind - aber indirekt sehr stark. Er schliesst sich Riedls Lob an, ja dehnt es noch aus, wenn er sagt: «Das Ostschweizer Publikum ist über die Jahre, Jahrzehnte - man kann sogar sagen: Jahrhunderte - sehr, sehr qualitätsbewusst geworden.» Qualitätsbewusst und begeisterungsfähig.

Auch wenn es nicht wie in Italien mit Zwischenrufen sein Ge- oder Missfallen kundtut, spürt Heilker doch einen südlichen Geist. Der äussert sich in einer ausgeprägten Begeisterungsfähigkeit. Dass dieses Publikum trotzdem ein gutes Sensorium dafür hat, «ob ein Abend toll oder ob er flau ist», zeigt sich für ihn in den Jubelstürmen, die moderne Opern wie Alfons Karl Zwickers «Der Tod und das Mädchen» oder George Benjamins «Written on Skin» in der Vergangenheit geerntet haben.

Der Funke springt - oder auch nicht

Für die Schauspieler ist dieses Echo wichtig. «Applaus versöhnt, gerade wenn eine Produktion nicht so ganz bequem war», erklärt Christian Hettkamp, der neben seinen Rollen als Schauspieler als Regisseur und als Mitwirkender bei Musiktheater-Stücken jenes Phänomen auch aus anderer Optik kennt, von dem seine Kollegin Diana Dengler sagt: «Manchmal ist man schon sehr überrascht.» Etwa dann, wenn das Publikum still im Saal sitzt und die oben auf der Bühne das Gefühl bekommen, es langweile sich. Dann aber zeigt sich: Es war ganz dabei.

Oder umgekehrt, der Funke springt nicht. «Ab und zu haben wir schlafende Gäste», sagt Bruno Riedl. «Ich verstehe das, die Leute haben gearbeitet.» Spürt man so etwas vorher? «Wir stecken zwar in einer Art Blase, wenn wir spielen», erzählt Matthias Albold. «Aber wir hören schon hin. Zum Beispiel auf den Applaus vor der Pause. Das kann ein Gradmesser sein.»

In Österreich knallen auch mal die Türen

Das Ostschweizer Publikum ist «hochanständig», hat Bruno Riedl gesagt. Er schätzt das, und sagt sogar: «Das Publikum hat immer recht». Auf der andern Seite erzählt er: «An österreichischen Theatern hört man auch Türen knallen, verbunden vielleicht mit Ausrufen wie ‹Scheisse›. Hier nicht.» Das Publikum zeigt Gefallen oder Nichtgefallen anders. Es steht auf zum Applaus - wie bei «Katharina Knie» von Carl Zuckmayer. Oder wie kürzlich bei der Tanzproduktion von «Schlafes Bruder» nach Robert Schneider. Oder, das andere Extrem, es macht sich zur Pause aus dem Staub. Hettkamp hat bei den «Dramaticules» von Samuel Beckett erlebt, «da haben wir zum Teil vor vierzehn Zuschauern gespielt». Oder «Eine Familie» von Tracy Letts. «Fünfzig Prozent sind raus bei jeder Vorstellung», sagt Riedl. «Aber», fügt Albold bei, «es sind genügend geblieben, denen es gefallen hat.» So können Stücke auch als eine Art Wasserscheide wirken. «Dann kann es vorkommen, dass jene, die bleiben, sich mit den Schauspielern solidarisieren und ganz besonders heftig klatschen», sagt Diana Dengler.

Buhrufe gibt es selten, sehr selten. Unvergessen ist Peter Heilker jener Sturm der Entrüstung, der sich bei der Premiere von Amilcare Ponchiellis Oper «La Gioconda» eines Teils des Publikums bemächtigte, weil die Regisseurin den musikalisch lieblichen «Tanz der Stunden» zur beklemmenden Folterszene im faschistischen Italien gemacht hatte. «Der Dirigent musste fünf Minuten unterbrechen, die einen riefen ‹Pfui›, die andern ‹Bravo›.» Dann aber wandelte sich das Publikum von Vorstellung zu Vorstellung stärker vom Saulus zum Paulus und reagierte mit stürmischem Applaus.

Noch stürmischer wird es dort, wo, zum einen, andere Sitten herrschen - wie bei den Musicals, deren Darsteller schon fast gewohnheitsmässig Zwischenapplaus bekommen. Oder wo ein anderes, begeisterungsfähigeres Publikum ins Theater strömt. «Ich liebe das Kinder- und Jugendtheater», sagt Matthias Albold und erzählt vom «Räuber Hotzenplotz». Gerade wollte er mit Marius Tschirky die Zugabe anstimmen, «da haben auf einmal achthundert Kids mitgesungen. Mir standen die Tränen in den Augen.» So muss sich ein Rockstar fühlen, hat Matthias Albold da gedacht.

Applaus hat auch etwas Manipulatives

Oft kommen die Schauspieler und Sänger am Ende zum Applaus einzeln auf die Bühne, schön gestaffelt nach dem Umfang ihrer Rolle. Diana Dengler hat es lieber, wenn ein Regisseur sagt: Wir sind ein Team, wir gehen zusammen nach vorn. Sie steht dem Wertenden am Applaus zwiespältig gegenüber.

Ausserdem: Applaus steckt an. Zwar gibt es heute keine Claqueure mehr, die professionell Stimmung machen. Aber man kann gerade an Premieren durchaus hören, wo die Anhänger dieses oder jenes Beteiligten sitzen. So hat Applaus durchaus etwas Manipulatives - von beiden Seiten. Wer laut «Bravo» ruft, muntert andere auf, beim Applaus mitzutun.

Und auch der Schauspieler oder die Sängerin kann einiges dazu beitragen. Schmunzelnd beschreibt Peter Heilker, wie die Sopranistin Edita Gruberova nach dem Auftritt auf die Bühne kommt, und «zuerst einmal so tut, als höre sie nichts, bis sich der Applaus zum Orkan steigert.»

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