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Bestsellerautor beschwört
die Liebe bis in den Kitsch

Die Frauen in den Erzählungen von Erfolgsautor Eric-Emmanuel Schmitt sind von Rache und Vergebung getrieben. Etwa eine Mutter, die den Vergewaltiger und Mörder ihrer Tochter regelmässig im Gefängnis besucht.
Valeria Heintges
Er beherrscht sein Handwerk: Der französische Erfolgsautor Eric-Emmanuel Schmitt. (Bild: Eric Fougere/Getty)

Er beherrscht sein Handwerk: Der französische Erfolgsautor Eric-Emmanuel Schmitt. (Bild: Eric Fougere/Getty)

Der französische Schriftsteller Eric-Emmanuel Schmitt stellt sich in seinem neuen Erzählband keine leichten Aufgaben. In der titelgebenden Geschichte «Die Rache der Vergebung» besucht eine Mutter regelmässig den Mann, der ihre Tochter vergewaltigt und ermordet und der 14 weitere junge Frauen auf dem Gewissen hat.

In «Zeichne mir ein Flugzeug» stellt ein alter Deutscher fest, dass er sehr wahrscheinlich im Krieg das Flugzeug des von ihm geliebten Autors Antoine de Saint-Exupéry abgeschossen hat. Und in «Mademoiselle Butterfly» lässt ein verwöhnter Jugendlicher aus Paris eine junge, geistig leicht behinderte Frau mit dem gemeinsamen Sohn allein, der in einer Nacht voller Leidenschaft und Liebe gezeugt wurde.

Das sind Brocken, die ein Schriftsteller erst einmal den Berg hinauf wuchten, sprachlich und erzählerisch bewältigen muss, ohne in Klischees abzurutschen.

Gespräche mit dem dem Mörder der Tochter

Doch Eric-Emmanuel Schmitt beherrscht sein Handwerk. Er kann Spannung aufbauen, Gegensätze aufeinanderknallen lassen, eine Handlung vorantreiben, und er hat auch Sinn für Details. Er ist, als Philosoph und Pianist, gut gerüstet, um das Ganze mit geistiger Tiefe und wechselnden Tempi zu servieren. Und so folgt man ihm gebannt von Seite zu Seite, verfolgt im Gefängnis die Gespräche der leidenden Mutter mit dem Mörder der Tochter, die Wandlungen des Mannes, den sie geschickt hinhält und dem sie am Ende vergeben wird.

Doch eben: Die Vergebung ist Teil der Rache. Denn die Mutter weiss:

Wer sich selbst als jagenden Tiger sieht,
der muss erst noch lernen, dass das Leben als Opfer die Hölle sein kann.

Wer sich selbst als jagenden Tiger sieht, der muss erst noch lernen, dass das Leben als Opfer die Hölle sein kann. Überhaupt, die Vergebung, das Ver­zeihen – sie halten das Geschichten-Quartett zusammen. Das ist raffiniert ausgedacht. Und Eric-Emmanuel Schmitt setzt überraschende Wendungen.

Die Oper heilt den gefühlstumben William

Doch beschwört er die Liebe so oft auch wörtlich, dass die Erzählungen in Kitsch abzudriften drohen. Die Gefahr dräut auch dann, wenn er ganze Absätze lang üppige Natur beschreibt oder seine Haupthandlung in Tier-Mensch-Nebensträngen spiegelt. Auch der Kunst schreibt Schmitt eine Macht zu, die in Kitsch kippt, wenn ein Besuch von Puccinis Oper «Madame Butterfly» den gefühlstumben William ein für allemal heilt.

Die gute und die böse Schwester

Zuweilen verlässt Schmitt auch sein Gefühl für leise Töne, manches wird viel zu breit ausgewälzt. Auch manche Figuren wirken einseitig. Etwa wenn die geistig behinderte Mandine unverändert die ewig Wartende ist, die auf ihre ganz eigene Weise Menschenopfer zelebriert.

Oder wenn in «Die Barbarin-Schwestern» von Anfang bis Ende Lily als die gute, verzeihende Schwester und Moisette als die böse, zurückgesetzte, sich rächende angelegt ist. Ja, auch diese Frauen werden getrieben von Rache und von Vergebung. Aber eben: Die Rollen werden allzu schnell und allzu endgültig verteilt. Das stört den Lesefluss leider erheblich.

Eric-Emmanuel Schmitt: Die Rache der Vergebung, Erzählungen, S.-Fischer-Verlag 2018, 317 S., Fr. 37.–

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