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Das Schauspielhaus Zürich zeigt zum Saisonauftakt Stücke, die man anderswo schon gesehen hat. Eine gute Idee?

Recycling ist in allen Lebensbereichen im Trend. Nun versucht das Schauspielhaus Zürich, Theaterstücke zu recyceln.
Julia Stephan
Stoff der Zukunft: Güzin Kars Stück «Sweatshop» über die Textilindustrie, 2018 am Schauspielhaus Zürich. (Bild: Tanja Dorendorf)

Stoff der Zukunft: Güzin Kars Stück «Sweatshop» über die Textilindustrie, 2018 am Schauspielhaus Zürich. (Bild: Tanja Dorendorf)

Für einen Bühnenmoment werden im Theater manchmal immense Ressourcen verschleudert. Ob literweise Kunstblut oder aufwendige Recherchereisen: Theater ist ein Möglichkeitsraum, der die begrenzten Vorstellungen der Zuschauer auch mal mit unbegrenzten Mitteln sprengt. Aus Angst vor dem ökologischen Fussabdruck Scheinwerfer und Videos zu verbannen, wäre ein absurder Angriff auf die Kunstfreiheit.

Dennoch geht die Diskussion um Nachhaltigkeit auch Theater etwas an. Vor allem dann, wenn sie auf der Bühne über Nachhaltigkeit nachdenken. Das Zürcher Theaterspektakel leistet hier seit 2008 Pionierarbeit. Am internationalen Festival, das jährlich energieintensiv Theatergruppen aus aller Welt auf die Zürcher Landiwiese einfliegt, wird vom Solarstrom, der Energiesparlampe bis zur Abfalltrennung an jeder Stellschraube gedreht.

Zum Verkauf: Bühnenbilder fürs Wohnzimmer

Die meisten Häuser in der Schweiz versuchen den grossen Energieräubern wie Heizung, Beleuchtung und Bühnentechnik den Garaus zu machen. Man installiert energiesparende LED-Scheinwerfer. Kostümabteilungen achten auf Ökostandards beim Bezug ihrer Textilien. Das Flugzeug wird nur selten genutzt. Die aus Platzgründen keine Inszenierung überlebenden Bühnenbilder werden an Materialmärkte abgegeben, einzelne Elemente für neue Arbeiten recycelt. Wer zu Hause genügend Stauraum hat, der kann am Theater Basel am diesen Samstag stattfindenden Theaterfest neben Kostümen erstmals auch Requisiten und Bühnenbilder erstehen.

Dass Reisen ein Energieräuber ersten Grades sind, stellt die Theater, die sich als Teil einer globalen Kulturszene verstehen, vor Probleme.«Eine der grössten Herausforderungen sehen wir darin, unsere Ökobilanz zu verbessern und gleichzeitig Produktionen auf hohem Niveau mit internationalen Gastkünstlerinnen und Gastkünstlern zu programmieren», sagt denn auch der kaufmännische Direktor des Konzert Theaters Bern, Anton Stocker. Gastspielhäuser sprechen deshalb Termine ab, wenn sie einen internationalen Gast auf den Spielplan setzen. Auch Koproduktionen könnten Abhilfe schaffen, doch der Abgrenzungswille vieler Häuser ist nach wie vor stark.

«Eine am einzelnen Projekt ausgerichtete Förderung ist nicht nachhaltig.»

Philippe Bischof, Pro-Helvetia-Direktor

Wie der neue Co-Intendant des Schauspielhauses Zürich, Benjamin von Blomberg, bestätigt, provoziert die Angst vor Zuschauerschwund bei den Intendanten einen pausenlosen und wenig nachhaltigen Premierenmarathon, den er mit Nicolas Stemann auf einen Halbmarathon herabbremsen will, indem er enger mit anderen Häusern zusammenarbeitet. Getreu dem Motto, nachhaltig bedeutet auch, dass etwas länger nachhallt, stellt man am Eröffnungsfestival in Zürich Anfang September die neuen Hausregisseure mit Inszenierungen vor, die anderswo bereits gespielt wurden. Denn dem Publikum in Zürich ist es herzlich egal, dass der Abend schon in München Stadtgespräch war.

Hier zeichnet sich eine andere Dimension von Nachhaltigkeit ab, nämlich die der nachhaltigen Programmierung. Kleinere Produktionen aus der Freien Szene sind trotz enormem menschlichen Energieaufwand viel zu schnell abgespielt, Gastspielhäuser setzen Gruppen aus anderen Regionen aus Angst vor Publikumsschwund nur ungern aufs Programm. Die dürftige Tourneeförderung einzelner Kantone erschwert es den Gruppen zudem, über Kantonsgrenzen hinaus sichtbar zu sein.

Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia denkt nicht zum ersten Mal darüber nach, wie man innerhalb des riesigen Ausstosses an Kulturproduktionen im föderalistischen Fördersystem der Schweiz nachhaltig unterstützen kann. Wo Ex-Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel 2012 als Co-Autor der Streitschrift «Kulturinfarkt» eine radikale Schliessung von Institutionen forderte, will sein Nach-Nachfolger Philippe Bischof dieses Missverhältnis zwischen Kulturproduktion und deren Verbreitung über eine Förderkultur wieder ins Lot bringen, die verstärkt in der Wirkungskette denkt.

Die vielen Hochschulabgänger, die jedes Jahr neu auf den Kulturplatz strömen, hätten die Überproduktion auch im Theaterbereich verschärft, sagt der Pro-Helvetia-Direktor. Die jungen Leute bewegten sich zudem in einem globalisierten Umfeld. Die Förderung in der Schweiz sei jedoch auf Produktion ausgerichtet, nicht auf Verbreitung. «Das Konzept zum nächsten Stück muss schon vor der Dernière eingereicht sein. Sonst gehen einem die Mittel aus», so Bischof.

Kein Wunder, hätten die Gruppen kaum noch Zeit, ein Projekt langfristig aufzugleisen, also genügend Zeit in eine vertiefte Recherche zu investieren und mit Koproduzenten in verschiedenen Städten zusammenzuarbeiten. «Diese am einzelnen Projekt ausgerichtete Förderung ist nicht nachhaltig», ist Bischof deshalb überzeugt. Sie führe zu einer hohen Premierendichte, die nicht zwingend einer künstlerischen Notwendigkeit geschuldet sei.

Bei Pro Helvetia führt man derzeit Diskussionen mit Kantonen und Städten, wie man eine nachhaltigere Kulturförderung und eine bessere Verbreitung der Projekte erreichen könne. «Denkbar wäre zum Beispiel, priorisiert Projekte zu fördern, die eine bestimmte Zahl an Koproduktionspartnern finden, die diese Arbeiten so auch einem grösseren Publikum zeigen können.» Zudem setzt sich eine Arbeitsgruppe damit auseinander, ob und wie sich die Kulturförderung grundsätzlich ökologisch nachhaltiger gestalten lässt.

An einem Ort bleiben ist das neue Reisen

Kein Wunder, ist das künstlerische Nomadentum angesichts dieser Debatten plötzlich nicht mehr sexy. Die international erfolgreiche Künstlerin Wu Tsang hat, um nicht mehr Teil des Kultur-Jet-Sets zu sein, entschieden, für mindestens drei Jahre als Hausregisseurin am Schauspielhaus Zürich zu arbeiten. Der weltweit bekannte Avantgardechoreograf Jérôme Bel schreibt neuerdings unter die Agenda seiner Webseite: «Aus ökologischen Gründen reist die R. B./Jérôme Bel Company nicht mehr mit dem Flugzeug.» Beide nutzen hier allerdings das Privileg der Arrivierten, die sich nicht mehr in den Hotspots der internationalen Szene beweisen müssen.

Benjamin von Blomberg ist überzeugt, dass die Nachhaltigkeitsdebatte das Theater verändern wird. «Ich bin sicher, dass es bald immer mehr aufregende Aufführungen geben wird, in denen Nachhaltigkeitsgedanken nicht nur inhaltlich dramatisch verhandelt, sondern auch zu neuen formalen und ästhetischen Setzungen führen werden.»

Der britische Regisseur Peter Brook hat einmal geschrieben: «Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen». Ein Satz, der bald eine neue Dimension gewinnen könnte.

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