Das schwül-heisse Grauen des Kolonialismus

Hansruedi Kugler
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Abenteuer Es sind die letzten Worte des todkranken, wahn­sinnig gewordenen Kurtz: «Das Grauen. Das Grauen.» Als Stationsleiter einer britischen Kolonialgesellschaft unter dem Schutz der belgischen Kolonialherrschaft ist er der erfolgreichste Elfenbeinplünderer im Herzen Schwarzafrikas, am Kongo- Fluss, mitten im feucht-heissen Dschungel. Allerdings hat sich der ehemals bewunderte, hochintelligente Europäer die Eingeborenen mit einem blutrünstigen Kult gefügig gemacht. Skrupel­losigkeit zeigt hier unter der sengenden Sonne ihr wahres Gesicht: Die entmenschlichte Ausbeutung entlarvt sich als purer Wahnsinn. Im vermeintlich finsteren Kontinent wird die barba­rische Seele des europäischen ­Kolonialismus sichtbar. Joseph Conrads Roman gehört zu den wichtigsten Antikolonialromanen der Weltliteratur. Seine in eine Abenteuergeschichte gepackten präzisen Schilderungen lesen sich ohne direkte Anklage wie ein fiebriger Albtraum: Der Erzähler sieht als Schiffskapitän auf der Suche nach Kurtz das gleichermassen Dahinsiechen der Versklavten und der Kolonialisten. Conrad war selbst Schiffskapitän auf dem Kongo. Seine pessimistische Weltsicht: Zivilisation ist blosse Augenwischerei.

 

Hansruedi Kugler

Joseph Conrad: Herz der Finsternis. Reclam