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Interview

Soziale Netzwerke:
Das Spiel der Selbsterfassung

Machen wir uns online kollektiv zu gläsernen Menschen, ohne das genug zu reflektieren? Einer, der sich darüber viele Gedanken gemacht hat, ist heute an der Universität Luzern zu Gast.
Susanne Holz
Per Smartphone entblössen wir uns selbst – und es macht uns gar nichts aus. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (Zürich, 9. November 2017))

Per Smartphone entblössen wir uns selbst – und es macht uns gar nichts aus. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (Zürich, 9. November 2017))

In den sozialen Netzwerken rücken sich Millionen Menschen anhand ihres «Profils» ins rechte Licht – freiwillig. Dass diese Form der ge­nauen Kenntlichmachung ihren Ursprung im «psychiatrischen Profil» oder gar im «Täterprofil» von Serienmördern hat, daran ­erinnert der deutsche Autor und Wissenschafter Andreas Bernard in seinem Buch (siehe Box und Hinweis).

Andreas Bernard, sind Sie selbst auf Facebook, Twitter und Co. präsent?

Ich habe lediglich einen Facebook-Account, auf dem ich so gut wie nie etwas schreibe.

Absichtlich so wenig ­«Profilierung»?

Klar!

Weil Sie kein gläserner Mensch sein wollen?

Mehr aus Trägheit oder weil ich im Gegenteil sonst zu viel Zeit mit der digitalen Bewirtschaftung meiner Person verbringen würde.

Halten Sie Menschen, die sich in den sozialen Medien offensiv präsentieren, für dumm?

Ich glaube nicht, dass die Entscheidung für die sozialen Medien Rückschlüsse auf die Intelligenz der User zulässt. Ich glaube aber, dass die Herkunftsgeschichte ­solcher Profilierung vergessen wurde – mein Buch soll sie sichtbar machen.

Soziale Medien – Ja oder Nein?

2,5 Milliarden Menschen nehmen diese Dienste in Anspruch – im Grunde jeder. Diese Frage braucht man sich folglich nicht mehr zu stellen. Man muss sich vergegenwärtigen, welche unglaubliche Transformation hier in rasender Geschwindigkeit stattgefunden hat. Vor 30 Jahren gingen in Deutschland noch Hundert­tausende auf die Strasse, um sich gegen die Volkszählung stark zu machen. Und innerhalb eines Vierteljahrhunderts ändert sich die Disposition dann so, dass die Erfassung des Selbst zur frei­willigen Tätigkeit wird, die notwendig ist, um ein erfülltes soziales Leben oder eine berufliche Biografie zu haben.

Wie schützt man sich, nutzt man die sozialen Medien?

Dazu wurden ganze Bücher geschrieben, aber nicht von mir.

Was genau sind die Vorteile der Profilierung im Netz?

Man bleibt sichtbar, vernetzt sich, nutzt Kontakte. Zudem ging die technologische Entwicklung mit der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt einher: Hatte man früher seinen Job bis zur Rente, findet man sich heute oft in einer Reihe befristeter Verträge wieder – das macht eine berufliche Profil­pflege unverzichtbar.

Die Kernfrage Ihres Buchs dreht sich um den Weg vom «Täterprofil» zum freiwilligen sozialen Profil …

… jahrzehntelang kannte man das Profiling nur, um Mörder und Irre dingfest zu machen. Heute gibt es Bewerbungsprofile und Online-Dating. Und: Die Digitalisierung selbst verbindet ein Netz von Daten miteinander. Für jeden Menschen werden Daten zusammengetragen.

Aber es ist auch sehr viel Show dabei bei heutigen Bewerbungs- und sonstigen Profilen?

Klar, das gehört dazu. Verlangte vor 30 Jahren in der Wissenschaft jemand nach einem Publikationsverzeichnis, schrieb man zähneknirschend eines. Heute beschäftigen sich die Leute oft in der Hauptsache mit derlei Dingen.

Sie thematisieren auch die Gefahren moderner Selbst­ortung und -vermessung.

Jeder trägt heute seinen Bewegungsmelder mit sich herum. Man denke an den Dienst «Häufige Orte» beim iPhone. Der listet alle Orte auf, an denen man sich die letzten sechs Wochen aufgehalten hat. Oder man denke an ein Fitnessarmband, das persönliche Daten sammelt. In Deutschland gibt es seit 2016 das «Vitality»-Programm der Generali-Krankenversicherung – per Fitnessarmband werden der Versicherung Daten mitgeteilt, je nachdem, wie «gut» die sind, gibt es einen ­Rabatt. Mit im Boot ist Lebensmittel-Grosshändler Rewe, der ebenfalls Daten an die Versicherung weitergibt, darüber, wie gesund man sich ernährt.

Sie weisen zudem darauf hin, dass eine völlige Absenz in sozialen Netzwerken heute schon als befremdlich gilt.

In Europa wohl weniger als in den USA. Aber tatsächlich erhält man in vielen grossen Unternehmen nur noch einen Job, hat man ein Linked-in-Profil. Um in einer bestimmten Welt Fuss zu fassen, muss man das Spiel der Selbsterfassung mitmachen.

2006 Facebook, 2007 Smartphones, 2008 App-Stores. Die digitale Kultur entwickelt sich rasant. Wie geht es ­weiter?

Mit Prognosen liegt man meist falsch. Doch derzeit scheint ein kollektives Misstrauen gegenüber den sozialen digitalen Diensten zu entstehen – was zu mehr politischer Regulierung führt. Eine Diskussion wie aktuell wegen des Facebook-Datenskandals hätte es vor drei, vier Jahren noch nicht gegeben. Spannend, wie sich das Verhältnis von Politik und Techno­logiekonzernen, die sich teils wie Regierungen gebärden, weiterentwickelt.

Forschungsobjekt Kultur

Prof. Dr. Andreas Bernard (geboren 1969) ist Kulturwissenschafter und Sprecher des Centre for Digital Cultures der Leuphana-Universität Lüneburg. Er hat in München Literatur- und Kulturwissenschaften studiert. Seine wissenschaftliche Laufbahn führte ihn bislang nach Weimar, Konstanz und Berlin. Von 1995 bis 2014 war Bernard Re­daktor und Autor bei der «Süd­deutschen Zeitung». Seit 2014 ist er Autor bei der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Sein neuestes Buch «Komplizen des Erkennungsdienstes: Das Selbst in der digitalen Kultur» erschien 2017. (sh)

Hinweis

Andreas Bernard hält heute, 18.15 Uhr, an der Universität Luzern einen Vortrag. Ort: Raum 3.B58.

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