Ausstellung im Kulturzentrum in Pfäffikon: Das Versprechen des Marlboro-Mannes

Die neue Ausstellung im Vögele Kulturzentrum in Pfäffikon SZ zeigt, wieso Unabhängigkeit nicht existiert – und weshalb das in Ordnung ist.

Kelly Spielmann
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Die Installation «Coffee seeks its own level» von Allan Wexler wurde für die Ausstellung von Esther Kempf reproduziert. (Bild: Courtesy Ronald Feldman Gallery, New York City, 1990)

Die Installation «Coffee seeks its own level» von Allan Wexler wurde für die Ausstellung von Esther Kempf reproduziert. (Bild: Courtesy Ronald Feldman Gallery, New York City, 1990)

Der Wecker am Morgen, die Kaffeemaschine nach dem Aufstehen, die SBB für den Arbeitsweg: Bereits in den ersten ­Stunden des Tages sind wir auf diverse technische und materielle Dinge angewiesen. Abhängig sozusagen. Und neben diesen Beispielen gibt es unzählige andere Abhängigkeiten, denen wir im Alltag bewusst oder unbewusst begegnen. «Mit dieser Ausstellung möchten wir diese Dependenzen aufzeigen», sagt Monica Vögele, Leiterin des ­Vögele Kulturzentrums, bei der Medienführung durch «abhängig? wer, wie, von wem oder ­wovon». Die neuste Ausstellung hat am Sonntag begonnen.

Vögele benutzt das Wort «Dependenz» bewusst anstelle von «Abhängigkeit». Denn dieses habe eine negative Konno­tation. Mit Sucht, beispielsweise, oder Einschränkungen. Aber gerade im zwischenmenschlichen Bereich seien Abhängigkeiten mit positiven Ausdrücken verbunden: Vertrauen, Bindung und Verantwortung machen Abhängigkeiten ebenso aus.

Durch Abhängigkeit verbunden

Dies thematisiert das erste Werk, das einem beim Betreten der Ausstellung begegnet: zwei Stühle, die jeweils nur über zwei Beine verfügen, und sich gegenseitig mit einem Seil aufrechthalten. Das Werk stammt von Studierenden der F+F Schule für Kunst und Design in Zürich, welche die Entwicklung der Ausstellung seit einem Jahr mit einem Rechercheteam be­gleiten. Doch sind die beiden Objekte abhängig voneinander, weil sie verbunden sind? Oder führt die Abhängigkeit zu Verbundenheit? Die Frage lassen die Studierenden offen.

Noch stärker als in anderen Ausstellungen scheint der Besucher im Vögele Kulturzentrum geleitet zu werden. Das Auge wandert nach den Stühlen sofort zu einer Wand, an der Werbeplakate prangen und Freiheit versprechen. Blauer Himmel, weite Leere und unberührte Natur werben für ein Reisebüro, der Marlboro Man verspricht Freiheit, wie er mit einer glühenden Zigarette zwischen den Fingern lässig auf einem Pick-up-Truck sitzt. Doch während die Firmen mit Unabhängigkeit werben, kauft man das Gegenteil.

Eine ganze Wand zeigt diverse Werke zur (Un-)Abhängigkeit in der Werbung und führt den Besucher weiter in die nächste der Abteilungen, in welche die Ausstellung gegliedert ist: Der Bereich Zugang und Bewegungsfreiheit zeigt den «Welt-Pass», der allen Menschen als Weltbürger zusteht, bevor ein langer, grün leuchtender Gang weiter zu «Abhängigkeit und Machtverteilung» führt. Die Gänge erstrecken sich durch den gesamten ersten Raum und sind bewusst so gebaut. Denn auch die Szenografinnen waren abhängig: non den Wänden, Formen und Strukturen, von Statik und Fluchtwegen. Von Letzteren liessen sie sich für die Ausstellung inspirieren. Die Gänge sind, wie bei Fluchtwegen vorgesehen, 1,2 Meter breit und leuchten grün wie ein Fluchtwegschild.

Wovon ist der Besucher selber abhängig?

Die Ausstellung in Pfäffikon führt durch die Gänge und von Holzwänden geleitet durch die weiteren Bereiche: «Konsum, Rausch, Regulierung und Sucht», «Auswählen und Konsumieren» sowie «Wenn Unsichtbares sichtbar wird». Von direkten Werken wie einem Handy, einem Schlüsselbund und einem Portemonnaie in einer Glasbox bis hin zu weiter interpretierbaren Zeichnungen schmücken die Wände diverse Aspekte der Abhängigkeit. Je länger man sich zwischen den Objekten aufhält, desto bewusster wird einem, in wie vielen Bereichen des Lebens man mit Abhängigkeit konfrontiert wird.

Es kann mit einem Schmunzeln sein, wenn man die Flecken auf dem Tischtuch in der reproduzierten Installation von Allan Wexler, «Coffee seeks its own level», betrachtet. Aber es geschieht auch durch das bedrückende Gefühl, das einen überkommt, wenn man durch Briefe von Ärzten und Krankenkassen die Geschichte eines Heroinsüchtigen erfährt. Die Ausstellung zwingt den Besucher, sich tiefer mit der Thematik auseinanderzusetzen, darüber nachzudenken, wo die Abhängigkeiten im eigenen Leben versteckt sind – oder auch die Dependenzen.

abhängig? wer, wie, von wem oder wovon bis 22. 3., Vögele Kulturzentrum, Pfäffikon SZ.