Interview

Luzerner Galerist Urs Meile zur Situation in der Kunst: «Das Virus trifft uns doppelt»

Er ist mit seinen Galerien in China wie in Luzern präsent. Urs Meile hat neue Strategien gegen die Krise entwickelt.

Susanne Holz
Drucken
Teilen
In Peking ist in der Galerie Urs Meile bis 31. Mai die Ausstellung «Empty / Not Empty» mit Qiu Shihua zu sehen. Auch hier gilt derzeit noch: Zu viele Besucher auf einmal darf es nicht geben. Zudem gibt es Pässe für Gesunde.

In Peking ist in der Galerie Urs Meile bis 31. Mai die Ausstellung «Empty / Not Empty» mit Qiu Shihua zu sehen. Auch hier gilt derzeit noch: Zu viele Besucher auf einmal darf es nicht geben. Zudem gibt es Pässe für Gesunde.

Bilder: Privat/Franca Pedrazzetti

Die 1992 gegründete Galerie Urs Meile arbeitet von zwei Standorten aus: Luzern (Schweiz) und Peking (China). Die Galerie präsentiert und vermittelt zeitgenössische Kunst in den Medien Malerei, Skulptur, Installation, Fotografie und Video. Während sich das operative Zentrum in der Schweiz befindet, hat sich die Pekinger Dependance zu einem internationalen Treffpunkt für Sammler, Kuratoren und Kunstinteressierte etabliert. Wir sprachen mit Urs Meile über die aktuellen Herausforderungen angesichts des Coronavirus.

Galerist Urs Meile.

Galerist Urs Meile.

Herr Meile, wie geht es Ihnen?

Urs Meile: Wir sind zum Glück gesund und munter und aktiv. Natürlich entfallen uns Galeristen momentan alle regulären Kanäle wie Ausstellungen und Messen. Trotzdem sind wir derzeit mehr beschäftigt als sonst.

Wie das?

Weil wir jetzt sehr vieles digital machen. Die Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus haben uns zum Umdenken gezwungen – bleiben die Galerien geschlossen, muss man sich neue Kanäle der Kunstpräsentation erschliessen.

Und die wären?

Natürlich die verschiedenen Social-Media-Kanäle. Vermehrt nutzen wir auch «Privat Online Viewing Rooms» oder das Video-Konferenz-Tool Zoom für Livebegegnungen zwischen Sammlern und Künstlern oder für Rundgänge durch geschlossene Museums- und Galerie-Ausstellungen mit Künstlern und Kuratoren. Wir laden Sammler aus aller Welt dazu ein.

Wie muss man sich diese virtuelle Präsentation vorstellen?

Als Gastgeber der Galerie nimmt man Fragen der zugeschalteten Besucher entgegen, der Gast sieht die Ausstellung am Bildschirm, auf Wunsch können die Kunstwerke rangezoomt werden. Es ist ein direkter Kontakt mit Livebildern. Das gibt sehr viel zu tun. Und obwohl der Markt ruhig ist, sind wir in der Folge sehr beschäftigt.

Sie unterhalten die Galerie in Luzern und jene in Peking. Wie ergeht es Ihnen momentan hier wie dort?

Für uns ist die Situation speziell, weil wir das, was wir seit einem Monat in der Schweiz erleben, zuvor schon zwei Monate lang in Peking erlebt haben. Insofern treffen uns die Massnahmen zur Eindämmung des Virus doppelt. Wir erleben live und parallel den Umgang zweier Kontinente mit dem Virus.

Was sagt Ihnen die Erfahrung mit der Entwicklung in China für die Situation hier?

Es gibt Licht am Ende des Tunnels. Hält man die Massnahmen bezüglich Isolation und Hygiene strikt ein, flacht die Welle ab. Und es geht Schritt für Schritt zurück zur Normalität. In Peking konnten wir vor zwei Wochen die Ausstellung mit dem chinesischen Landschaftsmaler Qiu Shihua eröffnen, die wir früher gestartet hätten, wäre uns das Coronavirus nicht in die Quere gekommen.

Dann ist in China schon wieder alles beim Alten?

Nein, wir konnten die Galerie in Peking zwar schon wieder öffnen, aber grosse Ansammlungen von Besuchern sind nach wie vor zu vermeiden. Galeriebesuche sind auf Voranmeldung möglich, und es gibt Pässe für Gesunde. Unsere Leute arbeiten wieder, und unsere Galerie ist besetzt. Das öffentliche Leben kehrt zurück, vorerst natürlich mit der gebotenen Vorsicht.

Das hört sich gut an.

Ja. Ein Wermutstropfen war aber leider, dass im März das Gallery Weekend in Peking ausfallen musste, das alljährlich vor der Art Basel Hongkong stattfindet. Für uns der wichtigste Termin im Jahr, der aber im Mai nachgeholt wird.

Dürfen Sie schon wieder nach China reisen?

Im Moment sind die chinesischen Grenzen noch dicht, und auch mein Sohn René, der die Galerie in Peking leitet, kann nicht vor Ort sein.

Stimmen eigentlich die von China präsentierte und die tatsächliche Lage im Reich der Mitte aktuell überein?

Dazu kann ich sagen, dass die Infos in der Presse jenen entsprechen, die wir von unserem Team in Peking, unseren chinesischen Künstlern, Sammlern und Galeristenkollegen erhalten. Ich gehe davon aus, dass die offiziellen Infos über den Verlauf der Epidemie in China im Grossen und Ganzen stimmen.

Wie haben Sie den Umgang Chinas mit der Epidemie wahrgenommen?

Der autoritäre Kommunismus erleichtert natürlich die Umsetzung konsequenter Massnahmen zur Eindämmung der Krankheit. Diese superstrikte Regulierung der Gesellschaft hat in diesem Fall substanziell geholfen.

Mit welchen wirtschaftlichen Konsequenzen rechnen Sie nun als Galerist?

Mit unseren Galerien sind wir schon sehr betroffen, das ist klar. Auch Kunstinteressierte mit den entsprechenden finanziellen Möglichkeiten befassen sich im Moment wohl vorrangig mit anderen Dingen als mit Kunst. Wie in anderen Branchen auch, haben die Einnahmen schlagartig nachgelassen. Nun kommt es auf die Reserven an und darauf, wann der Markt zurückkehrt.

Welche Massnahmen haben Sie getroffen?

Bei gewissen Mitarbeitern haben wir Kurzarbeit eingeführt. Es braucht ein präzises Management und Analysieren der Situation. Entlassungen möchten wir vermeiden. Und Homeoffice führten wir bereits vor der Direktive des Bundes ein – Teile unserer Belegschaft arbeiten von zu Hause aus. Unsere Techniker wiederum erledigen im Lager gerade Dinge, für die man sonst eher keine Zeit hat.

Wie sieht es um die Verluste chinesischer und Schweizer Künstler aus?

Die sind hier wie dort gleich. Es wird überall bedeutend weniger verkauft. Arrivierte Künstler verfügen natürlich über ein anderes Polster als junge Künstler.

Für junge Künstler ist es krass: Oft fallen substanziell benötigte Einnahmen weg. Mit Künstlern in Not suchen wir nach Lösungen für diese, über die Runden zu kommen.

Zum Beispiel?

Wir sprechen spezifisch Kunden an, wir versuchen, den einen oder anderen Verkauf vorzuziehen. Oder wir finanzieren vor. Klar ist für uns, dass wir Künstler unterstützen in dieser Situation.

Wie sieht es aus mit der Art Basel und der Galerie Meile?

Die Art Basel wurde ja auf den September verschoben, und wir werden da, wie sonst auch, vertreten sein. Dass jetzt mit der Art Basel und der Art Basel Hongkong zwei der weltweit wichtigsten Kunstmessen nicht stattgefunden haben, wird auf längere Sicht einschneidende Konsequenzen haben. Umsätze brechen weg, Kommunikation und Networking entfallen beziehungsweise entfielen.

Wie geht es nun weiter mit der Galerie Urs Meile hier?

Die Galerie ist immer besetzt. Besuche auf Voranmeldung sind möglich – für wenige Personen auf einmal und mit Umsetzung der hygienischen und sonstigen Massnahmen. Virtuell bieten wir die eingangs erwähnten Möglichkeiten der Ausstellungsbesichtigung. Der digitale Kanal ist zu einem sehr wichtigen Element geworden, und wir achten hier auf eine möglichst realitätsnahe Präsentation.

Kann ein virtueller Besuch mit dem physischen Besuch mithalten?

Nein, selbstverständlich nicht. Aber für den Moment ist es eine sehr gute Alternative.

Rechnen Sie mit einem Wiederöffnen Ihrer Luzerner Galerie am 27. April?

Wird der Lockdown zu diesem Zeitpunkt beendet, werden auch wir wieder öffnen. Aber das wissen wir momentan einfach nicht, das hängt von der weiteren Entwicklung ab. Unsere Leute jedenfalls sind gesund und stehen in den Startpflöcken.

www.galerieursmeile.com