Der Landesstreik 1918 im Theater: Das Volk gegen General Wille

Mit einem Grossaufgebot an Darstellern mit und ohne Theatererfahrung wird in Olten der Landesstreik von 1918 in Szene gesetzt – mit allerdings zwiespältigem Resultat.

Rolf App
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Wie sich die Zeiten ändern. Damals, 1918, hat Olten dagegen protestiert, dass das «Aktionskomitee Olten» den Namen dieser Stadt trägt. Heute ist sie stolz darauf, dass hier in der Alten Hauptwerkstätte der SBB eben dieses Aktionskomitee im Zentrum eines Theaterstücks mit rund hundert Mitwirkenden steht, zu dem weitere Theatergruppen aus allen Landesteilen Szenen beisteuern.

Damals hat Bundespräsident Felix Calonder ultimativ den Abbruch des Landesstreiks gefordert. Heute lässt Bundespräsident Alain Berset seine besten Grüsse ausrichten. Der Landesstreik ist in der Mitte der ­Gesellschaft angekommen, SVP- Übervater Christoph Blocher hat es schon Anfang Jahr befürchtet. «Schon jetzt ist abzusehen, dass die Ereignisse um den Generalstreik als harmlose, demokratische Demonstration für soziale Verbesserungen dargestellt werden, welche durch die Sicherheitskräfte von Polizei und ­Armee brutal niedergeschlagen wurden», hat er geschrieben.

General Ulrich Wille fährt vor

In der Tat spielt General Ulrich Wille eine prominente Rolle in ­jenem Szenenreigen, den die künstlerische Leiterin Liliana Heimberg mit ihrem Team erarbeitet hat. Der Abend startet draussen im Hof, mit auf dem Dachfirst postieren Grenzsoldaten, und setzt sich in der düsteren Werkstätte fort. Dort fährt der General protzig im Oldtimer vor, neben ihm wirken sowohl Bundespräsident Calonder wie Streikführer Robert Grimm eher schmächtig.

Doch darum geht es auch nicht. Denn Willes Gegenpart sind nicht Politiker oder Gewerkschafter, es ist das Volk. Es sind Soldaten, die an der Grenze stehen, während die Ihren zu Hause hungern. Es sind die Arbeiter, die zehn, elf Stunden am Tag arbeiten und mit ansehen müssen, wie die Reichen immer reicher werden. Es sind die Frauen, die, in der Kriegswirtschaft wichtig ­geworden, ihre Unzufriedenheit vehementer artikulieren. Und dann ist da noch, im fernen Russland, die von einem Mann angeführte Revolution, der bis 1917 in der Schweiz gelebt und hier seine Anhänger hat. In den Plan eines landesweiten Streiks fliesst gerade in Zürich auch ein gutes Mass an Revolutionssehnsucht ein – es ist auch ein Abend voller Parolen.

Wie Liliana Heimberg die komplexen Vorgänge des Novembers 1918 mit dem Sturz der Monarchien in Deutschland und Österreich-Ungarn und mit der Krise der Eidgenossenschaft in manchmal sehr stille, oft aber turbulent-überraschende Szenen fasst, das ist beeindruckend. Beeindruckend ist auch das Engagement ihrer Darsteller mit und ohne Theatererfahrung. Und beeindruckend ist, wie Geschichte sich in einzelnen Schicksalen kristallisiert. Die Not der Menschen, sie bekommt Gesichter.

Tiefe Gräben tun sich auf - auf beiden Seiten

Allerdings liegt gerade hier auch die eine Gefahr. Man verliert in der Fülle der Szenen und Themen den Überblick, es fehlt ein Bogen, der die Geschehnisse erst verständlich macht. Vielleicht hätte eine Figur geholfen, die durch den Abend führt. Oder zwei: Warum nicht Wille und Grimm? Grimm hätte dann auch erzählen können, wie er sich an die Spitze einer Bewegung hat setzen können, in der er mehr Getriebener war als Treibender.

Hier nämlich liegt die historische Schwäche des Abends: Dass er zu wenig deutlich macht, wie tief der Graben innerhalb von Arbeiterschaft und Bürgertum war. Da gab es, auf der einen Seite, Revolutionsromantiker im Leninschen Geist neben sozialpolitischen Realisten, und auf der ­andern bürgerliche Hetzredner neben Politikern, die schon an ­sozialpolitischen Kompromissen arbeiteten – und die im Bundesrat das Sagen hatten.

Übrigens war auch der General besser als sein Ruf. Als in Bern die Bauern drohten, in die Stadt zu marschieren und selber für Ordnung zu sorgen, wehrte er ab: Wenn wieder Ruhe eingekehrt sei, seien Arbeiter und Bauern wieder aufeinander angewiesen.

«1918.CH – 100 Jahre Landesstreik» wird noch bis 23. September in der Alten Hauptwerkstätte Olten gezeigt.