Das vorläufig letzte Konzert im KKL: «Medizin» für das Risikogebiet

Im Luzerner KKL fand für Wochen das letzte Konzert statt: Die Accademia Barocca Lucernensis erhielt auch dafür Standing Ovations.

Urs Mattenberger
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Das vorgezogene Passionskonzert war für lange Zeit das letzte im KKL: Mauro Peter in der Johannes-Passion der Accademia Barocca Lucernensis.

Das vorgezogene Passionskonzert war für lange Zeit das letzte im KKL: Mauro Peter in der Johannes-Passion der Accademia Barocca Lucernensis.

Bild: Manuela Jans (12. März)

Das Konzert der Accademia Barocca Lucernensis am Donnerstag war in mehrerer Hinsicht ein aussergewöhnliches Ereignis. Zum einen natürlich wegen der besonderen Lage infolge des Corona-Virus (siehe Box ganz unten). Dazu gehörte, dass man beruhigt zur Kenntnis nahm, dass es im Publikum nur einzigen Huster gab – und diesen dennoch wie ein Alarmsignal wahrnahm.

Zum andern war es ein besonderes Konzert für das Ensemble selbst. Dessen Gründungsmitglieder hatten vor fünf Jahren im Rahmen eines Barock-Projekts der Musikhochschule Luzern zusammengefunden. In den letzten Jahren hat sich die junge Truppe durch Barock-Programme in historischer Aufführungspraxis einen vorzüglichen Ruf erarbeitet.

Höchste Ansprüche

Dass die Akademie jetzt mit Bachs Johannes-Passion erstmals im KKL auftrat, und das erst noch mit dem international tätigen Luzerner Tenor Mauro Peter in der Rolle des Evangelisten, ist ein markanter nächster Schritt. Die Aufführung der Johannes-Passion signalisierte in der Tat höchste Ansprüche. Ohne jeden Abstrich eingelöst wurden diese durch die Leistung des Chores.

Der kernige Vokalklang der 16 Sängerinnen und Sänger steigerte sich schon im Eröffnungschor zu einem grossen Ton von durchdringender, ja gebieterischer («Herr!») Strahlkraft. Die Präsenz aller Register brachte nicht nur die Vielstimmigkeit von Bachs Chorsätzen von innen heraus zum leuchten («Ruht wohl»), sondern ermöglichte vitale Gestaltungsmöglichkeiten bis in feinste Details. Da wurden im Stimmendialog einzelne Phrasen dynamisch herausmodelliert, spien die Volkschöre Hohn und Gift, und wo die Kriegsknechte um Jesu Rock losen, flatterten die Soprane wie Stoff im Wind. In der Bass-Arie «Eilt, ihr angefochtnen Seelen» ragten diese gespenstisch-gläsern in die Höhe, wo die Musik fragend innehält.

Vibrierend bis in die Bässe hinein

Das kam selbst den Chorälen zugute, obwohl Dirigent Javier Ulisses Illan diese aus dem dramatischen Geschehen heraushob und auf eine meditative, mitunter allzu gemächliche Gangart festlegte. Illan machte sie freilich auch zum besinnlichen Zentrum dieser Passion, indem er sie einmal gar nicht, einmal nur kammermusikalisch begleiten liess. «Ich, ich und meine Sünden», vorgetragen nur mit menschlichen Stimmen, war ein mystischer Moment.

Ähnlich vielgestaltig und lebendig begleitete das Orchester, auch wenn hier solistisch besetzte Passagen etwas asketisch klangen. Aber wie der Kontrabass das leidenschaftliche Wogen der Violinen im Eingangschor weiter swingen liess oder der Cellist wie ein Signalhorn das Geschehen anfeuerte, liess diese Passion bis in die Bässe hinein vibrieren.

Starke Alternative und Konkurrenz

Die unausgeglichene solistische Besetzung lag auch an der Starbesetzung des Evangelisten durch Mauro Peter. Er setzte den Massstab so hoch, dass ihm nur der glänzende Sopran von Julia Doyle oder der majestätische Jesus von Flurin Caduff ebenbürtig zur Seite standen. Anderseits war unverkennbar, dass sich Peters Stimme von der kantablen Linie hin zur Deklamation bewegt – ergreifend da, wo er als Liedsänger aus der Betroffenheit ebenfalls eines Ich heraus gestaltete und das Weinen endlos pulsieren liess. Der Schmelz bis in hohe Lagen und die sinnliche Wärme dieser Stimme rückten den Erzähler ins Zentrum und ab von den weiteren Rollen. Am ehesten passte dazu, wie Tenor Remy Burnens umgekehrt aus deklamatorischer Erregung heraus die Tenor-Arien mit Spannung erfüllte.

Dass sich ein Teil des Publikums zu Standing Ovations erhob, galt einem Ensemble, das als Alternative zum Bach Ensemble Luzern und als Konkurrenz zum Ensemble Corund die Luzerner Chorszene markant bereichert. Es galt aber auch dem Mut, in Corona-Zeiten dieses vorgezogene Passionskonzert zu spielen, als Ersatz für die abgesagten Konzerte zu Ostern. «Die reinste Medizin», begeisterte sich ein Zuhörer.

Staunen über die Normalität

Der Dirigent hatte am Schluss per Fingerzeig Solisten, Orchestermusiker und den Chor gebeten, sich zu erheben, um den persönlichen Sonderapplaus des Publikums zu empfangen. Alles wie gewohnt und aus sicherer Distanz.

Aber dann bat er den Dirigenten Pascal Meyer auf die Bühne, der den Chor der Accademia Barocca Lucernensis so fabelhaft vorbereitet hat. Es dürfte für viele eine Art Schock gewesen sein, wie sich die beiden Männer herzhaft die Hände schüttelten und umarmten. Und es war gerade die Verwunderung über so viel Normalität, die einem bewusst machte, unter welch besonderen Umständen das Konzert am Donnerstag im KKL über die Bühne ging. Und wie schwierig es ist, Distanz zu bewahren – gerade bei körperintensiven und emotional so überwältigenden Aktivitäten wie in der Kultur oder im Sport.

Im auffällig jungen Publikum hatte das gut geklappt. Ellbogengrüsse oder das Abklatschen mit den Füssen unterstrichen die «besondere Lage», lockerten sie aber auch auf. Wie bewusst Besucher damit umgingen, zeigten zwei Frauen, die sich vor dem Konzert das Getränk an einen reservierten Tisch bestellten, um das Pausen-Gedränge an der Bar zu meiden. Nur bei der Garderobe war an den Sicherheitsabstand von zwei Metern nicht zu denken und der Reflex, rasch wieder nach Hause zu kommen, stärker als jedes Gefahrenbewusstsein. Kurios wirkte, dass der Veranstalter vor dem Konzert darauf hinweisen musste, dass nicht zugelassen war, wer sich in Risikogebieten aufgehalten hatte. Denn Risikogebiete sind inzwischen nicht mehr nur China oder Norditalien, sondern die paar Quadratmeter gleich rund um uns herum. Die konnte man gestern tatsächlich freihalten. Weil die Besucherzahl auf 900 beschränkt und Balkone geöffnet wurden, verteilten sich die Zuhörer locker im Saal – mit vielen leeren Plätzen rundherum. (mat)