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Er sang mit einer Engelsstimme – und litt an Depressionen

Heute wäre Marvin Gaye 80 Jahre alt geworden. 35 Jahre nach dem Tod des wohl grössten Soulsängers ist jetzt das vergessene Album «You’re The Man» veröffentlicht worden.
Stefan Künzli
1974: Soulsänger Marvin Gaye. (Bild: Jim Britt/Michael Ochs Archives/Getty Images)

1974: Soulsänger Marvin Gaye. (Bild: Jim Britt/Michael Ochs Archives/Getty Images)

Es geschah am 1. April 1984. Im Verlauf eines Familienstreits wurde Marvin Gaye von seinem Vater, einem Prediger der konservativen «Church of God», erschossen. Jetzt, 35 Jahre nach seinem Tod, ist «You’re The Man» erschienen, ein Album mit Songs von 1972, das bis heute unveröffentlicht blieb. Das vergessene Album. Bei «You’re The Man» handelt es sich nicht um ein verschollenes Album wie beim letztjährigen Sensationsfund von «Both Directions At Once» von John Coltrane. Denn die einzelnen Songs sind nicht neu entdeckt, sondern in anderem Kontext, als Singles oder auf Kompilationen, schon vorgestellt worden.

Als gesamtes Album schlummerte «You’re The Man» aber im Archiv des berühmten Labels «Motown». Das Album wurde damals zwar angekündigt, doch nie veröffentlicht. Man wundert sich, denn Marvin Gaye war damals auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Die Veröffentlichung respektive damalige Nicht-Veröffentlichung lässt einige spannende Rückschlüsse auf das turbulente und dramatische Leben und die Arbeit des sensiblen Grossmeisters des Soul zu.

Von Schnulzen zu Protestsongs

Die frühen 70er-Jahre standen im Zeichen des Umbruchs und Marvin Gaye wandelte sich vom Schnulzensänger zum Protestsänger. Sein epochales, quasi-sinfonisches Konzeptalbum «What’s Goin On» von 1971 setzte künstlerisch und inhaltlich neue Standards. Über hochkomplexe Arrangements mit Elementen aus Gospel, Jazz, Funk und Klassik sang Gaye mit sanfter Engelstimme politische Texte über Obdachlosigkeit, Drogensucht, Umweltschutz, Korruption, Rassismus und Vietnamkrieg. Das Album bildete die soziale und politische Realität ab und wurde zu einem erstrangigen Zeitdokument. Der britische «Guardian» krönte das Werk sogar zum «besten Album aller Zeiten», noch vor dem Gesamtwerk der Beatles.

Der Erfolg erhöhte den Erwartungsdruck. Wie ein Besessener arbeitete Gaye am Nachfolge-Album. Doch als die Vorab-Single «You’re The Man» floppte, stellte er alles infrage, zweifelte an sich, dem neuen Material und fiel in eine Depression. Marvin Gaye sei «ein chronisch zögerliches Genie» gewesen, schreibt sein Biograf David Ritz im Begleittext zu «You’re The Man». Immer wieder habe er sich gefragt, ob sein Werk den eigenen oder fremden Ansprüchen genüge. Marvin Gaye zog die Notbremse und stürzte sich noch 1972 in die Arbeit für den Soundtrack zum Film «Trouble Man».

So kann «You’re The Man» heute als Dokument für die Zerrissenheit von Marvin Gaye gelesen werden. Der Sänger sprach denn auch immer wieder vom «Krieg im Innern meiner Seele». Ein Konflikt, dessen Ursachen in seiner Kindheit begründet ist. Sein Leben lang litt Gaye unter den Folgen des Missbrauchs durch seinen Vater, kämpfte mit Depressionen und Schicksalsschlägen. Kokain, Marihuana, Pornografie und Frauen beherrschten sein Leben.

«Sexual Healing» wurde zur Katastrophe

Das vergessene Album enthält ­einige Perlen, verdeutlicht aber auch die Verwirrung des Sängers. War «What’s Goin On» noch aus einem Guss, so fällt «You’re The Man» uneinheitlich aus. Gaye pendelt zwischen Schmusebarde und Politaktivist. Mal lässt er seine Verachtung für die Frauenbewegung durchblicken, mal propagiert er eine Frau als Präsidentin. Schon ein Jahr später ist auf dem Album «Let’s Get It On» sein Wandel zum Sex-Priester abgeschlossen. Chartsmässig toppte er damit sogar noch «What’s Goin On?» und legte die Basis für langsamen Neo-Soul von Interpreten wie D’Angelo.

Gleichzeitig besiegelt es sein Schicksal. Sein Leben geriet aus den Fugen. Sein Seelenzustand benötige eine sexuelle Heilung, meinte er. «Sexual Healing» wurde 1984 zu seinem grösster Single-Hit, doch für ihn endete es in der Katastrophe. Die Ehe zerbrach, er floh vor der Steuerbehörde und wohl vor sich selbst. Nach Selbstmordversuchen suchte er bei seinem Vater Unterschlupf. Dann fielen die Schüsse. Der Prediger, so hiess es, habe den haltlosen Lebensstil des Sohnes nicht mehr ertragen.

Marvin Gaye – You’re The Man (Motown/Universal)

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