Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

DEBATTE: Literaten und Politiker

Literatur und Politik – kann, will und darf das zusammengehen? Im Hotel Schweizerhof Luzern ergriffen Moritz Leuenberger, Literaturwissenschafter Peter von Matt und die Autorin Dorothee Elmiger das Wort.
Julia Stephan
«Schriftsteller können Wörter wieder lebendig machen.» Peter von Matt, Literaturwissenschafter. (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

«Schriftsteller können Wörter wieder lebendig machen.» Peter von Matt, Literaturwissenschafter. (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Als Bundesrat war Moritz Leuenberger berühmt für seine mit Literaturzitaten gespickten Reden. Als er 2005 nach der Hochwasserkatastrophe, von der die Zentralschweiz besonders stark betroffen war, mit einer Botschaft vors Parlament tritt, verwendet er zur Einordnung der Lage den ersten Teil von Friedrich Dürrenmatts «Die Panne», um ein Bild für die aus den Fugen geratene Natur zu finden. Doch die Zeilen wurden ihm wieder gestrichen. Vielen Parlamentariern kam die Passage angesichts des Ernsts der Lage zu schöngeistig vor. «Die Leute wollen Geld, nicht Literatur», soll der Kanton sich dazu geäussert haben.

Streiten wie noch zu Dürrenmatts Zeiten

Die Anekdote, die Leuenberger am Donnerstagabend im Luzerner Hotel Schweizerhof erzählt, macht deutlich, wie wenig man der Literatur auf der konkreten politischen Handlungsebene immer noch zutraut. Was kann Literatur von der Politik, und was Politik von der Literatur lernen? Und sind die Zeiten vorbei, als man sich noch wie einst Böll, Dürrenmatt oder Frisch als Autor engagiert über politische Themen streiten durfte?

Diese Fragen wirft Moderator Erwin Koller in die Runde, die sich neben Moritz Leuenberger aus dem Literaturwissenschafter Peter von Matt und der Autorin Dorothee Elmiger zusammensetzt. Letztere hat mit ihrem Roman «Schlafgänger», welcher migrantischen Bewegungen zu verschiedenen Zeiten und über verschiedene Kontinente hinweg nachgeht, 2014 einen Roman nah am Zeitgeist geschrieben.

Ja, die Literatur habe teilweise sein politisches Handeln mitbestimmt, ist Leuenberger überzeugt. Friedrich Dürrenmatts Tragikkomödie «Der Besuch der alten Dame» sei ihm bei vielen politischen Entscheidungen vor Augen gestanden. Dort fordert eine schwerreiche Dame in ihrem Geburtsdorf im Tausch gegen eine Milliarde den Tod des Jugendfreundes. «Sobald die Dorfbewohner das Angebot überhaupt theoretisch in Erwägung ziehen, ist der Mann verloren», so Leuenberger. Bei der Eröffnung der A5-Teilstrecke Biel–Solothurn 2002, als man zum Schutz dänischer Zugvögel einen 150 Millionen teuren Tunnel baute, fand Leuenberger in der «Alten Dame» rechtfertigende Zeilen für die teure Massnahme.

Mit Literatur gegen schematische Politphrasen

Für den Literaturwissenschafter Peter von Matt steht fest: «Die Literatur kann im Gegensatz zur schematischen Sprache der Politik die Kompliziertheit der Welt aufzeigen. Schriftsteller können Wörter wieder lebendig machen.» Das Unruhestiften gehöre mitunter zu ihrer Aufgabe.

Zugleich sei es aber auch die politische Wetterlage, die mitbestimme, wie sich Autoren politisch zu Wort melden, findet von Matt. Während des Kalten Krieges, als die Welt in Gut und Böse aufgeteilt war, sei es für Autoren reizvoll gewesen, zwischen den Fronten ihre Stimme zu erheben. Allgemein könne man zwei Typen politischer Schriftsteller ausmachen: Diejenigen, die das Geschehen distanziert beobachten und einmal im Leben der Dringlichkeit wegen aus ihrer Klause hervorkommen, wie es etwa ein Carl Spitteler (1845–1924) mit seiner Rede «Unser Schweizer Standpunkt» im Jahr 1914 getan habe. Oder dann solche wie Günter Grass (1927–2015), die sich zu fast allem zu Wort melden.

Für die wesentlich jüngere Diskussionsteilnehmerin Dorothee Elmiger geht es beim Politisch-Sein gar nicht so sehr um die Frage des Sich-Exponierens. «Nachdenken über politische Fragen findet für mich statt, wenn ich mich hinsetze und schreibe. Wie schreibe ich über eine Person? Über ihr Geschlecht? Über ihr Alter?»

Dem pflichtet Leuenberger bei. «Wenn sich Autoren politisch einmischen, betrachte ich sie als Politiker, wie ich selbst einer bin, und nicht als Autor.»

Einig ist man sich bei den grenzüberschreitenden Qualitäten von Literatur. Peter von Matt verwendet das Beispiel des Weltklassikers «Don Quijote», der im 17. Jahrhundert über alle Sprachgrenzen Verbreitung fand, während man sich in Europa die Köpfe einschlug. Bei allem engagierten Nachdenken über politisch aufgeladene Begriffe wie Identität, Heimat und Grenzen, oder über das Wandeln in den Fussstapfen von Heinrich Böll, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, vermisste man ein wenig den entgrenzten Blick auf die globalisierte Literaturgemeinschaft und die Frage, welche Möglichkeiten politischer Wortergreifung sich für Autoren des 21. Jahrhunderts bieten und wie die Stimmen der Gegenwart – wie die eines Lukas Bärfuss – einzuordnen sind.

«Nachdenken über politische Fragen findet statt, wenn ich schreibe.» Dorothee Elmiger, Autorin (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

«Nachdenken über politische Fragen findet statt, wenn ich schreibe.» Dorothee Elmiger, Autorin (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.