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Ausgequalmt? Im Appenzellerland steht die bekannte Lindauerli-Pfeife vor dem Aus

Die Appenzeller Pfeife qualmt nicht mehr: Im ganzen Appenzellerland sind keine Alltags-Lindauerli mehr erhältlich – fast keine mehr.
Daniel Wirth
Appenzeller Landwirte und Sennen am «Bäklen». (Bild: Regina Kühne/KEY (Rehetobel, 25. September 2009))

Appenzeller Landwirte und Sennen am «Bäklen». (Bild: Regina Kühne/KEY (Rehetobel, 25. September 2009))

«Ausverkauft», sagt Roger Dörig, der an der Poststrasse in Appenzell in vierter Generation in einem heimeligen Sennensattler-Büdeli Kunsthandwerk betreibt. «Leider», kommentiert er das drohende Aussterben eines qualmenden, ins Appenzellerland importierten Kulturguts: das Lindauerli. Das kleine schwarze Pfeifchen, dessen Brennkammer mit einem Deckel versehen ist und beim Rauchen nach unten hängt, gehört seit Jahrhunderten zur Appenzeller Männertracht. Bald könnte es heissen: Gehörte.

Denn wer sich unlängst bei der Vorbereitung auf den Schwägalp-Schwinget eine schmucke kleine Pfeife aus gebeiztem Birnenholz mit Weissblechbeschlägen kaufen wollte, der brannte an. «Es gibt im ganzen Alpstein keine Lindauerli mehr zu kaufen», bedauert Dörig.

Erich Wenk macht noch Einzelanfertigungen

Eine Ausnahme seien in Handarbeit von Spezialisten angefertigte Einzelstücke. Einer dieser letzten Lindauerlibauer ist Erich Wenk, der Inhaber der Silberschmiede Wenk im ausserrhodischen Speicher. Er sagt, bei ihm koste ein Lindauerli mit ziselierten Silberbeschlägen gut 1000 Franken. Er verwendet für seine Pfeifen nach eigenen Angaben kostbares Wurzelbruyèreholz aus dem Mittelmeerraum. Seines Wissens ist er der Letzte im Appenzellerland, der noch Lindauerli baut.

Die fingerhutgrossen Brennkammern seiner reich und kunstvoll verzierten Pfeifchen würden von Sennen und Bauern nur an Festtagen in Brand gesteckt: an der Landsgemeinde und bei Alpaufzügen und Alpabfahrten oder bei der Viehschau. Und im Gegensatz zum Alltagslindauerli luge der Pfeifenkopf beim Festtagsexemplar nach oben, sagt Wenk. Der Kenner des Appenzeller Brauchtums muss es wissen. Er sagt, heute rauchten Bauern und Sennen Tabak, früher seien es Kräutermischungen gewesen. Und einheimischer Hanf kam in die Brennkammer.

Zöösliböchs und Pfiifestier

Die Lindauerli, die Roger Dörig bis vor kurzem in Appenzell in seinem Laden und im Internet feilbot, gab’s von 42 bis 68 Franken. Den Preis bestimmte die Menge der Weissblechbeschläge und versilberter Kettchen. Dörig sagt:

«Jetzt muss ich die Lindauerli aus dem Internetshop kippen.»

Der einfache Grund: Sein treuer Lieferant, die Drechslerei Stich im solothurnischen Kleinlützel, könne nicht mehr liefern, bedauert der Kunsthandwerker, der in seinem Geschäft auch Baksäckel (Lederbeutel für Tabak), Zöösliböchsä (Zündholzschachteln) und Pfiifestier (Pfeifenputzer) verkauft. Klar scheint: Wenn dem Baksäckel das Lindauerli abgeht, geht dem gesamten Appenzeller Raucher-Equipment demnächst das Feuer aus.

Alex Meier ist Geschäftsführer der Drechslerei Stich. «Es stimmt, wir haben unlängst die letzten Lindauerli ausgeliefert», sagt er auf Anfrage. Vor zehn Jahren seien Teile seiner Drechslerei ein Raub der Flammen geworden. Unter anderem die Werkzeuge und Maschinen, die bis 2008 für die Herstellung der Lindauerli gebraucht worden waren.

Glücklicherweise hätten ein paar Hundert Rohlinge die Feuersbrunst überlebt. Diese gedrechselten Pfeifenrohlinge seien im Lauf der Jahre fertiggestellt und ausgeliefert worden. «An vier bis fünf Kunden in der Ostschweiz und an die Souvenirshops der Flughäfen Zürich-Kloten und Basel-Mulhouse», sagt Alex Meier. Jetzt ist der gesamte Vorrat weg. Meier möchte die Lindauerli-Produktion nicht neu lancieren. Der Geschäftsführer der Drechslerei Stich sagt:

«Davon könnten wir nicht leben.»

Ihm sei auch niemand in der Schweiz bekannt, der die Lindauerli-Nische ausfüllen wolle.

Thomas Portmann von der Urs Portmann Tabakwaren AG mit Läden in Kreuzlingen und St.Gallen, spitzt Meiers Aussage noch zu: «Es gibt in der gesamten Schweiz keine Pfeifenbauer mehr». Auch er müsse Kunden, die ein Lindauerli kaufen wollten, enttäuschen.

Aus dem Bodenseeraum ins Appenzellerland importiert

Walter Frick ist Kurator am Appenzeller Brauchtumsmuseum in Urnäsch. Er weiss um das drohende Aussterben des Lindauerli und er weiss auch, weshalb das Appenzeller Sennenpfeifchen Lindauerli genannt wird. Im 18. und im frühen 19. Jahrhundert war Lindau eine bedeutende Handelsstadt an der Handelsstrasse Augsburg-Mailand. Händler aus dem Appenzellerland verkauften auf dem Markt in Lindau Leinen, und Appenzeller Bauern boten ihre landwirtschaftlichen Produkte auf dem Markt der Bodensee-Inselstadt an. Auf dem Markt kauften sich die Bauern und Tuchmacher die kleinen schwarzen Pfeifen, die später daheim mit Silber- oder Weissblechbeschlägen mit Motiven des Senntums verziert wurden.

Ob das Lindauerli, das mit der Ulmer Pfeife verwandt ist, tatsächlich in Lindau hergestellt wurde, ist unklar. Sicher ist: Es stammt aus dem süddeutschen Raum. Im «Innerrhoder Geschichtsfreund» aus dem Jahr 1968 heisst es, einer der Lindauerli-Produzenten war in Reicholzried bei Kempten im Allgäu daheim. Im Jahr 1966 sei der grösste Umsatz nach dem Zweiten Weltkrieg mit 15000 Exemplaren erzielt worden, man habe es früher aber schon einmal auf mehr gebracht. In der gleichen Publikation wird die Drechslerei Stich in Kleinlützel als Lindauerli-Herstellerin erwähnt.

Roger Dörig sagt, er bäkle nicht. Er sei auch kein Pfeifenbauer. Aber er halte das Appenzeller Brauchtum hoch und pflege es. Darum werde er möglicherweise mit der Drechslerei Stich im Kanton Solothurn Kontakt aufnehmen um zu retten, was es noch zu retten gibt. Es dürfe nicht sein, dass das Lindauerli aus dem Alpstein verschwinde.

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