Glauben
Gedanken auf Allerheiligen hin: «Dem Tod ist die Religion einerlei»

Menschen haben sehr unterschiedliche Einstellungen zum Tod. Und Trost bieten nicht nur Religionen. Im Folgenden einige Gedanken von jemandem, der durch seine Arbeit mit vielen Leuten über den Tod spricht.

Reto Hans Bühler*
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Werden wir nach dem Tod wieder ins grosse Ganze aufgenommen? Eine mögliche Vorstellung.

Werden wir nach dem Tod wieder ins grosse Ganze aufgenommen? Eine mögliche Vorstellung.

Bild: Getty

Als ich die Stelle als Leiter des Friedhof Forums Zürich antrat, kam es in meinem Freundeskreis zu interessanten Reaktionen. Weshalb ich mich denn täglich mit dem Tod beschäftigen wolle, war die häufigste Frage. Nach gut einem Jahr kann ich sagen: Ich beschäftige mich eigentlich gar nicht mit dem Tod. Dieser ist absolut und nicht zu diskutieren. Natürlich lässt sich darüber streiten, ab wann ein Mensch wirklich tot ist. Medizinisch betrachtet besteht Einigkeit. Bertolt Brecht meinte hingegen: «Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.»

Interreligiöse Plattform

Dieser Text wurde gekürzt von einer Artikelserie übernommen, die auf der interreligiösen Plattform www.religion.ch gestartet ist. Diese fördert den Meinungsaustausch über Religion und Gesellschaft. Die Serie «Der Tod im Leben» thematisiert in wöchentlich neuen Beiträgen den Umgang mit Sterben und Trauer. Neben dem Text von Reto Hans Bühler sind bereits zu lesen: Meditationslehrerin Hildi Thalmann über buddhistische Vorbereitungen auf den Tod und Jenseitskonzepte. Und Islamwissenschafterin Rifa’at Lenzin über muslimische Vorstellungen zum Tod. (are)

Mehr interessiert, wie Angehörige mit einem sterbenden Menschen umgehen. Wie sie den Tod verarbeiten, ihn für sich begreifbar machen. Philosophie hilft weiter. Für manche auch Mystik oder Religion. Und die sterbende Person? Was geht in ihr vor? Nicht nur physisch, denn das ist weitgehend bekannt. Was passiert auf psychischer Ebene? Wie erlebt man das eigene Sterben? Stirbt der Gläubige «besser» als der Atheist? Wo endet die Selbstbestimmung? Was bedeutet «Palliative Care»?

Alle interessieren sich für den Tod

In meiner Arbeit im Friedhof Forum, das mit kulturellen Ausdrucksmitteln Menschen den Umgang mit dem Tod näherbringt, komme ich jeden Tag mit dem Tod und der Trauer in Berührung. Im Gegensatz zu unseren Bestatterinnen oder Krematoriumsmitarbeitenden ist mein Umgang mit dem Tod rein theoretisch, kulturell, geistig. Die Gespräche mit den Besucherinnen und Besuchern unseres kleinen Museums hallen mir oft lange nach, jeder hat eine eigene Geschichte zu erzählen, hadert mehr oder weniger mit dem Thema. Allen gemein ist das grosse Interesse am Tod, diesem faszinierenden Unbekannten.

Wie das Werden ist das Vergehen eins der grossen Mysterien des Lebens. Wieso haben «alle Dinge ihre Zeit», wie das Michel de Montaigne sagte? Das Zitat lautet übrigens «Alle Dinge haben ihre Zeit, auch die guten», was uns zur Theorie des Nichtexistierens von Gerechtigkeit im Weltenlauf bringt: Das Schlechte wie das Gute endet irgendwann. Endet somit auch Gott? Solche Gedanken kommen mir, wenn ich via Tod über Religion und Glauben an eine göttliche Kraft nachdenken muss.

Unsterblichkeit durch Abgabe von Energie

Wenn man dem Tod etwas Positives abgewinnen mag, dann ist es meiner Meinung nach, dass er keine religiösen Unterschiede macht. Ich würde so weit gehen zu behaupten, dass der Tod komplett areligiös ist. Doch durch die postmortalen Heilsversprechen der diversen Religionsgemeinschaften wird der Tod oft zum religionspolitischen Druckmittel: Lebst Du einer Religion konform, winkt Dir nach Deinem Ableben das Paradies. Falls nicht, könnte es düster werden.

Ich denke, dass Religiosität helfen kann, in einer komplexen Welt einfache Antworten zu finden. Auch im Mystischen auf alles eine Erklärung zu haben, scheint für viele tröstlich. Und der Mensch braucht Trost. Jeder Taucher kennt die eigene Verletzlichkeit nur ein paar Meter unter Wasser. Das Gleiche gilt in vertikaler Richtung, also gegen oben, himmelwärts. Wir können nur hier leben, nirgends sonst.

Beide Konzepte haben ihre Richtigkeit

Dieses Vergehen im Grossen, das Weitergeben von Millionen Jahre alten Molekülen, Atomen… – es beruhigt mich. Die Unsterblichkeit erlangen durch die Abgabe von Energie, die wir während unseres Lebens angehäuft haben. Diese Energie wird nach unserem Tod wieder im grossen Ganzen aufgehen. Diesen Lebenszyklus kann ich akzeptieren. Das wiederum gibt mir Halt. Bei üblichen Religionen verhält es sich anders. Ich muss glauben, dass alles einen Sinn und eine Vorbestimmung hat. Dass am Ende alles gut kommt. Dass ich Erlösung finde.

Ich denke, beide Konzepte haben ihre Richtigkeit. Denn ich kann ebenso wenig beweisen, dass nach dem Tod das «Nichts» ist, wie religiöse Menschen ihre Paradiesvorstellungen. Es bleibt Hoffen und Bangen. «Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, aber für den Fall, dass es doch passiert, nehme ich mir trotzdem ein zweites Paar Unterhosen mit», sagte Woody Allen. Im Nichtwissen halten wir uns die Optionen offen. Dieser Ansatz ist für mich der schlüssigste.

* Reto Hans Bühler (55) ist Leiter des Friedhof Forums Zürich und langjähriger Kulturveranstalter.