Den Lockdown als Kreativpause genutzt: Faber, Sophie Hunger und Dino Brandao verzaubern gemeinsam

Sophie Hunger, Faber und Dino Brandao sind in der Coronakrise zu einer musikalischen Gemeinschaft geworden. Sie spielen Lieder von tiefer Schönheit.

Michael Graber
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Faber, Sophie Hunger und Dino Brandao beim Konzert in Zürich.

Faber, Sophie Hunger und Dino Brandao beim Konzert in Zürich.

PD

Mitten im Stillstand standen Faber, Sophie Hunger und Dino Brandao am Zürichsee bei der Roten Fabrik. Angezählt vom Lockdown. «Wir haben da zusammen den Kopf etwas hängen lassen», sagt Hunger. Aus dem gemeinsamem Trübsalblasen wurde schliesslich gemeinsames Arbeiten: Musik machen, Lieder schreiben, ausprobieren. Seither sind ein paar Wochen ins Land gegangen. Zeit für eine kleine Werkschau. Drei Mal haben sie Einblick gegeben. Immer ausverkauft. Zuletzt am Montagabend.

Da sitzen sie im Halbkreis auf der Bühne der Roten Fabrik. Gitarren, ein Klavier, Wein und die entstandenen Songs. Oft wird die Liebe besungen. Sie ist längst nicht immer glücklich. Teils unerwidert, teils kräfteraubend. Mal geht es um die Liebe zu einem Menschen, mal zu einer Stadt. Es ist eine wolkenverhangene Sicht auf die Liebe, aber die lichten Momente fehlen nicht. Denn wenn die Liebe dann wirklich gut ist, wird sogar Rapperswil zum Paradies, wie Hunger unnachahmlich schön singt. Wie sie das Suchen nach Halt und Liebe musikalisch umsetzt, ist grossartig. Es bleibt stets luftig und doch immer fassbar.

Stimme strahlt viel Sanftheit aus

Die drei spielen nacheinander, miteinander, nebeneinander. Nicht immer greift alles ineinander. Meistens aber schon. Brandao, der auch als Frank Powers unterwegs ist und bei Sophie Hunger in der Liveband spielt, ist der zurückhaltende Bandleader: Gibt Einsätze, führt durch den Abend und sitzt in der Mitte. Faszinierend ist die Mischung. Faber ist der Brummbär, Hunger schwebt locker drüber, und Brandao sorgt für die Feinheiten mit seiner schönen Stimme, die selbst in den druckvollsten Momenten noch viel Sanftheit ausstrahlt.

Berührend poetisch sind die Songs geworden. Besonders, wenn sie zu dritt im Wechselgesang vorgetragen werden. «Ich liebä dich» ist wunderschön. «Döfi di hebe», ganz zum Schluss, erinnert in seinen besten Momenten an einen Song zwischen Mani Matter und Stephan Eicher und bleibt dabei doch stets eigenständig. Die Lieder sind dezent begleitet. Vor dem Zugabeblock singt Sophie Hunger unverstärkt vom Bühnenrand zum sitzenden Publikum. Der Abend hat unheimlich viel Kraft. Er muss sie aber nicht rauspressen. Er hat sie einfach.

«Zwüsche hie und itz ligt aues, wo nid isch gsi», singt Hunger in einem ihrer Songs. Der Abend ist Seelenbalsam für all die Wochen ohne Konzerte, all die Entbehrungen und Abstandsregeln. Livemusik ist ein Seelenstreichler. Sie bringt hängende Köpfe zumindest für ein paar Minuten nach oben. Bei den Zuhörern wie beim Trio auf der Bühne. Man habe aus einer «beschissenen Zeit» das Beste gemacht, sinniert Faber. Alle berichten auch über ihre kleinen Freuden im Leben. Brandao ist eben Onkel geworden («der Rocco wird mal der Chef von euch allen»), Hunger wird Gotti eines Kindes («unfassbar schön»), und Faber ist «erwachsen geworden» («wie jeder anständige erwachsene Italiener wohne ich wieder bei meiner Mutter»).

Sophie Hunger.
3 Bilder
Dino Brandao.
Faber.

Sophie Hunger.

Keystone

«Dihei wartet nüt uf mich»

Auf die Momente als Trio folgen immer wieder mal Solostücke. Faber besingt, dass er jetzt «megahappy» sei, einfach, weil er aufgehört habe, sich selbst sein zu wollen. Brandao spielt einen wunderschönen Song mit dem Arbeitstitel «s’Pflaschter» (zur Auswahl standen auch «Subtext» und «Fudispaut») über ein verwachsenes Liebespaar. Und Hunger schüttelt einen tieftraurigen Song so locker aus dem Klavier («Dihei wartet nüt uf mich»), dass man wirklich nur noch ungläubig staunen kann.

Da entstand was. Oder besser: Da entsteht was. Man werde die Songs wohl noch aufnehmen gehen, sagt das Trio fast schon beiläufig. Das sind gute Nachrichten. Sehr gute.

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