Nach sexuellen Übergriffen: derbe Witze und sexistische Sprüche – den Männern gefiel’s

Der seit dem #MeToo-Skandal umstrittene US-Comedian Louis C.K. trat in Basel auf – und beglückte das Publikum mit derben Witzen.

Silvana Schreier
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In Basel trat US-Comedian Louis C.K. nicht im Anzug, sondern im Schlabberpulli auf. Bild: Getty (New York, 22. September 2017)

In Basel trat US-Comedian Louis C.K. nicht im Anzug, sondern im Schlabberpulli auf. Bild: Getty (New York, 22. September 2017)

Zwei Männer rauchen vor dem Eingang des Congress Centers noch eine Zigarette. In einer halben Stunde ist Showbeginn. Sie sind für den einzigen Auftritt von Louis C.K. im deutschsprachigen Raum angereist. «Er ist einer der besten Stand-up-Comedians der Welt», sagt der eine.

Darum wollen sie ihm nochmals eine Chance geben. Eine Chance, seine in Scherben zerbrochene Karriere neu aufzubauen. Dies versucht der amerikanische Comedian gerade auf seiner Europatournee. Am Dienstagabend machte Louis C.K. mit seinem Team Halt in Basel. Zweimal nacheinander stand er im Congress Center auf der Bühne.

In den Nullerjahren machte sich Louis Székely, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, mehrerer sexueller Übergriffe schuldig. Im Rahmen der #MeToo-Recherchen im Jahr 2017 wurde sein Fall publik. Fünf Frauen traten mit ihren traumatisierenden Erlebnissen an die Öffentlichkeit: Louis C.K. habe vor ihnen masturbiert.

Interview

Gabriel Vetter: «Louis C.K. inszeniert sich jetzt selbst als Opfer»

Gabriel Vetter wollte sich das Comeback des amerikanischen Comedians Louis C.K. nicht entgehen lassen. Der in Basel wohnhafte Schriftsteller und Kabarettist besuchte am Dienstagabend beide Shows im Con­gress Center. Im Gespräch berichtet er von seinen Eindrücken aus dem «seltsam mit dumpfem Testosterondunst» gefüllten Saal.
Silvana Schreier

Der Comedian gestand die sexuellen Belästigungen im Anschluss und zog sich zurück. Eine Entschuldigung blieb jedoch aus. Und so wird es auch weiter bleiben.

Bewaffnetes Sicherheitspersonal im Eingangsbereich

Im Publikum sitzen mehrheitlich Männer. Meist in Gruppen. Frauen sind klar in der Unterzahl und – wenn überhaupt – mit ihrem Partner unterwegs. Zwei Freundinnen wollen sich den Abend aber nicht entgehen lassen. «Ich habe widersprüchliche Gefühle.

Einerseits finde ich Louis C.K. brillant, ich liebe seine Witze. Gleichzeitig verurteile ich seine Taten, vor allem als Frau», meint eine der beiden. Ihre Freundin sagt: «Ich habe kein Bedürfnis danach, ihn zu verurteilen. Kunst und Künstler ­sollte man sowieso klar voneinander trennen.»

Kritisch eingestellt gegenüber dem Comedian sind an diesem Abend die wenigsten Zuhörer. Vielmehr freuen sie sich ungemein über die Möglichkeit, Louis C.K. live zu erleben. «Ich bin schon seit Jahren ein Fan. Aber dann passierte ihm halt diese #MeToo-Sache», sagt ein junger Mann beiläufig vor der Show. Dass «diese #MeToo-Sache» von ihm verursacht wurde und den unschuldigen Frauen «passierte», blieb unbeachtet.

Im Congress Center werden die Zuhörer von bewaffnetem Sicherheitspersonal empfangen. Das Team von Louis C.K. kontrolliert die Tickets und wünscht «a pleasant evening». Danach heisst es Abschiednehmen vom Smartphone: Die Comedyshow soll eine «phone-free experience» sein.

Oder befürchtet der amerikanische Comedian etwa, sein Programm könnte zu verletzend und anstössig sein, um weiterverbreitet zu werden? Schliesslich sind auch Notizen verboten. Und wer den Künstler direkt zitiert, dem wird mit einer Klage gedroht.

Bevor die Hauptperson des Abends die grosse Bühne im «San Francisco»-Saal betritt, wärmen drei Vor-Acts das Publikum auf. Die Stand-up-Comedians entlocken den Zuhörern erste Jubelrufe. Die letzte Wortkünstlerin meint als Überleitung, sie habe die einfachere Aufgabe, da sie das Publikum ja nur «heiss machen» müsse. Es sei dann Louis C.K.s Job, die Leute «zum Kommen» zu bringen.

30 Demonstranten blockierten den Eingang

Am Dienstagabend fanden im Congress Center in Basel gleich zwei Shows des amerikanischen Comedians Louis C. K. statt. Während die Besucher der ersten Veranstaltung das Gebäude verlassen wollten, kam es zur Blockade. Etwa 30 Demonstranten hinderten die Besucher der zweiten Veranstaltung am Eintreten. Die vorwiegend männlichen Besucher buhten die Demonstranten aus und rempelten sie teilweise an. Vor Ort waren rund 15 Polizisten. Nach etwa einer halben Stunde löste sich die Kundgebung wieder auf.

Anspielungen auf die sexuellen Übergriffe, die Louis C.K. vorgeworfen werden, ziehen sich durch die Show. Immer wieder machte er eindeutige Gesten, etwa wenn er vorführt, wie er sich sein Ableben vorstellt: Eine 21-Jährige soll den dann über 70-jährigen Louis mit einem Blowjob ins Jenseits befördern. Das Publikum grölt.

Der Comedian holt die jungen Männer ab, sie werfen ihre Hände in die Luft, klatschen kräftig in die Hände, halten sich den Bauch vor Lachen. Die Begleiterinnen auf dem Stuhl daneben schauen abwechselnd zu Louis und ihrem Partner. Sie lachen, rutschen manchmal nervös auf dem Stuhl hin und her.

Vergleich mit Sklaven und allumfassende Rechtfertigung

Nach etwa vierzig Minuten setzt Louis C.K. zum Höhepunkt an. Von der Frage, wie viele Sexpartner die eigene Mutter wohl gehabt hat, leitet er über zu seinem eigenen Sexleben. Gewisse Menschen hätten es halt gerne, wenn der Sex ein bisschen «fucked up» sei. Dabei zeigt der Comedian auf sich selbst und lacht spitzbübisch ins Mikrofon. Das Publikum applaudiert und jubelt. Damit hat sich Louis C.K. warmgelaufen.

Nun setzt er zur Kür an. Er sagt: Heutzutage könne man fast nicht mehr wissen, ob eine Frau beim Sex Spass habe, wenn sie stöhne. «Frauen wissen, wie sie so tun können, als sei alles in Ordnung, obwohl es das nicht ist.» Darum könne man sich nicht darauf verlassen. Schliesslich hätten «Sklaven, die bei der Arbeit singen, auch keine gute Zeit».

Weder der Comedian selbst noch sein Publikum in Basel schienen verstanden zu haben, wo die Grenzen zu ziehen sind. Kritische Zuhörer hätten während der Show liebend gerne das Smartphone gezückt, die Kamera geöffnet, eine Videoaufnahme gestartet.

Das wäre der Beweis für die grenzüberschreitenden, sexistischen und verherrlichenden Witze, die Louis C.K. an diesem Abend gleich zweimal auf der ­Bühne als Comedy verkaufen konnte. Als Frau fühlte man sich mehr als einmal unwohl, eingeklemmt zwischen männlichen Zuhörern, die frenetisch jubelten – je derber der Spruch, umso lauter.

Ein Mann sagt nach der Veranstaltung im Foyer: «Ich mag seinen Humor eigentlich, aber heute ging er zu weit.» Mit dieser Meinung scheint er in der Minderheit zu sein. Nach den Standing Ovations zum Schluss betritt Louis C.K. die Bühne nochmals, scherzt ein paar Minuten mit dem Publikum, verabschiedet sich lässig – die Leute haben sich bereits wieder von ihren Stühlen erhoben.

Die meisten Zuhörer verlassen das Congress Center mit einem Hochgefühl. Noch auf der Rolltreppe nach unten wiederholen sie Sprüche von Louis C.K. und klatschen sich ab. «He’s the best», sagt einer.