Depots und Lager quellen über mit Kunst – doch was tun mit den Werken, die niemand will?

Der Boom an Gemälden führt zu einem Luxusproblem mit ernsthaften Auswirkungen: Es gibt viele Werke, für die ­niemand eine Verwendung hat.

Christian Mensch
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Der chinesische Künstler Ai Weiwei macht die Kunstzerstörung zur Kunst. (Bild: Daniel Azoulay/Keystone, 18. Februar 2014, Perez Art Museum)

Der chinesische Künstler Ai Weiwei macht die Kunstzerstörung zur Kunst. (Bild: Daniel Azoulay/Keystone, 18. Februar 2014, Perez Art Museum)

Still und leise ploppen sie auf: Kunstlager, in denen Museen, Sammler oder Firmen jene Tausende von Werken aus- und einlagern, für die sie selbst keinen Platz haben. Fehlkäufe wie Meisterwerke dämmern hinter Hochsicherheitsschleusen in klimaoptimierten Räumen – in der Hoffnung, eines Tages wieder ans Licht geholt zu werden.

Auch für Logistiker ist Kunst zum Big Business geworden. In keiner Zeit wurde mehr Kunst produziert oder wurden mehr Künstler ausgebildet als heutzutage. Doch wohin damit? Die Lager quellen über.

Im Gleisdreieck östlich von Zürich entsteht nun ein neuer «Kunsttresor», der weitere 25'000 Quadratmeter Fläche anbieten wird, um eng gedrängt Kunst zu horten. Die Baubewilligung liegt vor, Baustart ist im kommenden Jahr. Er wird die Reihe der Depots in unscheinbaren Gewerbegebieten ergänzen, die bereits im Raum Zürich, in Basel wie in Genf Milliardenwerte in Kunstform bunkern.

Doch was geschieht, wenn das Geld zur professionellen Lagerung fehlt? Auch niemand die Werke abkaufen, sie nicht einmal geschenkt haben will? Was ist mit den unzähligen Nachlässen von Künstlern, deren Schöpfungen schon zu Lebzeiten kaum verkäuflich waren und die nun auf Estrichen und in ­Scheunen den Nachkommen schlaflose Nächte bereiten?

Sammler und Museen nutzen speziell schonende Gitter für die Lagerung ihrer Schätze. (Bild: Keystone)

Sammler und Museen nutzen speziell schonende Gitter für die Lagerung ihrer Schätze. (Bild: Keystone)

Entsorgung wäre die naheliegende Lösung. Doch die Kunst des Wegwerfens, als eine Tugend des Alltags propagiert, gilt nicht für die Kunst selbst. Kunstwerke zu zerstören, ist ein Tabu. Kulturelle Werte zu erhalten, ist eine zivilisatorische Errungenschaft, die keine Ausnahmen duldet.

Die öffentlichen Kunstmuseen stehen unter besonderem Druck

Das Thema der überquellenden Depots beschäftigt die Kunstbranche jedoch gleichermassen, wie sie ihm ausweicht. Vor sechs Jahren bereits hat der schweizerische Verein der Kuratoren von institutionellen Kunstsammlungen eine Tagung mit dem Titel «Darf man Kunst entsorgen?» abgehalten, um sich gleichzeitig um eine konkrete Antwort zu drücken. Denn was die Praxis einhellig fordert, verhindert die Ethik.

Auch in der Schweizerischen Bundestkunstsammlung lagern eine Menge Bilder, die nie ausgestellt und trotzdem aufbewahrt werden. Bild: Keystone

Auch in der Schweizerischen Bundestkunstsammlung lagern eine Menge Bilder, die nie ausgestellt und trotzdem aufbewahrt werden. Bild: Keystone

Unter besonderem Druck stehen die öffentlichen Museen. Sie haben einen expliziten Bewahrungsauftrag, wehren sich aber rigoros dagegen, als «Rettungsanstalt» für überflüssig gewordene Kunstwerke missbraucht zu werden. Entsprechend zurückhaltend nehmen sie Schenkungen an.

Auch ohne diese haben sie einen kostspieligen kuratorischen Aufwand für ihre ­Depotkunst zu leisten, deren Anteil am Gesamtbestand immer grösser wird; schliesslich lassen sich nicht beliebig neue Kunstmuseen eröffnen. Doch gemessen werden die Museen an ihren Ausstellungen und dem touristisch verwertbaren Publikumsaufmarsch, den sie damit auslösen.

Der «International Council of Museums» hat die ethischen Richtlinien im Umgang mit Kunstwerken formuliert. Die Instanz schlechthin für museale Good Governance schliesst nicht mehr grundsätzlich aus, dass Museumsgut auch vernichtet werden darf. Jedoch nur als Ultima Ratio und nach der Bewältigung von Hürden, die beinahe unüberwindbar hoch liegen.

Kunst- und Museumswissenschafter haben in den vergangenen Jahren einen eigenen Forschungsschwerpunkt begründet, der sich mit der «Entsammlung» oder der «Deakzession» von institutionellen Sammlungen beschäftigt. Faktisch haben sie damit aber verunmöglicht, richtig aufräumen zu können. Denn in der Vergangenheit wurde durchaus entsorgt. Allerdings auf diskretem Weg und vor allem, was zuvor nicht richtig inventarisiert worden war. Da jedoch die Lehre besagt, dass jedes Werk inventarisiert gehört, ist damit praktisch unterbunden, dass ein Werk vom Depot auf die Deponie wandert.

Auch für Grosskonzerne, die sich mittels Kunst kulturell aufgerüstet haben, werden die Sammlungen zur Last. Ähnlich wie die Immobilien belasten sie als nicht produktives Kapital die Bilanz. Reagiert hat nun etwa der Ringier-Konzern. Dessen Verleger Michael Ringier gehört weltweit zu den Topsammlern zeitgenössischer Kunst. Was er im Namen des Medienkonzerns erwarb, gehört per Anfang 2020 zur ausgegliederten Ringier Art & Immobilien AG.

Egal wie effizient die Gemälde gelagert werden: Am Schluss sind es manchmal einfach zu viele. (Bild: Keystone)

Egal wie effizient die Gemälde gelagert werden: Am Schluss sind es manchmal einfach zu viele. (Bild: Keystone)

Die flacheren Hierarchien, denen Tausende von Chefbüros zum Opfer ­gefallen sind, sowie die Mode der Grossraumbüros sind weitere natürliche Feinde der Firmensammlungen. Es fehlen die weissen Wände, die dekorativ behängt werden können.

In diesem Monat diskutiert im neuen Basler Roche-Hochhaus der Verein der Kuratoren über die Folgen der Open-­Space-Büros für die Sammlungen. Es werde schwierig bis unmöglich, die Kunstwerke im Arbeitsumfeld auszustellen, heisst es in der Ausschreibung für die Tagung mit dem schönen Titel «Quo vadis, arte?». Die Folge für die Firmensammlungen sind absehbar: Die Werke verschwinden im Depot und wie vermehrt zu beobachten ist: direkt zur Gant in die Auktionshäuser.

Über eine der grössten Firmensammlungen verfügt die UBS. Gerüchte besagen, mindere Ware sei im grossen Stil auf die Abfallhalde gebracht worden. Nach zwei Wochen interner Recherche dementiert die Grossbank eine entsprechende Anfrage:

«Kunstwerke zu entsorgen widerspricht den UBS-Richtlinien.»

Gelegentlich würden Werke verkauft, die nicht mehr ins Konzept passen oder beschädigt seien. Die Sammlung organisiere zudem ein- bis zweimal pro Jahr einen Mitarbeiterverkauf, an dem Werke von tiefem Wert zugunsten einer wohltätigen Organisation verkauft würden. Mit dieser «Entsammlungs»-Strategie hält sich die Grossbank exakt an die erwähnten ethischen Richtlinien. Schliesslich gehört nach der Entsorgung zum zweitschlimmsten Vorwurf, eine Firma würde sich durch den Verkauf ihrer Kunst bereichern.

Brauchen noch mehr Lagerplatz als Gemälde: Statuen und andere dreidimensionale Werke. Bild: Keystone

Brauchen noch mehr Lagerplatz als Gemälde: Statuen und andere dreidimensionale Werke. Bild: Keystone

Private Sammler haben die grösste Freiheit, mit ihrer Kunst zu machen, was ihnen beliebt. Was von Wert ist, kann leicht über Auktionen abgestossen werden. Um wertvolle Kollektionen buhlen Museen noch zu Lebzeiten der Sammler, die mit einem ­Zuschlag in den Status der Mäzene aufsteigen. Doch nur ein kleinerer Teil der Sammlungen hat diese Exzellenz. Deshalb ist das Problem meist aufgeschoben, bis es gilt, den Nachlass zu bewältigen.

Die schwere Erbschaft der künstlerischen Nachlässe

In diesem Monat tritt ein neuer Akteur auf den Plan. Ein Zentrum für künstlerische Nachlässe stellt sich in Zürich an einer Eröffnungskonferenz vor. Das Zentrum will sich nicht nur um Nachlässe bildender Künstler, sondern auch von Sammlern, Schriftstellern und Musikern kümmern.

Im Blick steht das High End der Kunstproduktion. Ein Kunstversicherer, ein Kunstlagerist sowie ein Auktionshaus sponsern. Denn es ist ein gutes Geschäft, solange die Nachlässe finanziell gut unterfüttert sind. Eine Entsorgung überflüssiger Werke ist dann keine Option. Die Regel ist eine andere.

Verschiedene, meist regional organisierte Vereine kämpfen ohne oder mit wenig Geld um den Erhalt von künstlerischen Nachlässen, die sonst mangels Alternative den direkten Weg in die Mulde nehmen. Bereits 1998 gründete sich in Bern die «Gesellschaft zur Nachlassverwaltung schweizerischer bildender Künstlerinnen», die heute als geschlechtsneutraler ­Verein «Archiv Arte» um Sichtbarkeit ringt. In Zürich hat sich die «Art Dock» gebildet, in Pully die «Fondation Ateliers d’Artistes». In Basel versucht aktuell eine Initiative «Archiv regionaler Künstler» die Finanzierung für ein «Kunstlagerhaus» zu stemmen.

Die Initianten, die als Freiwillige arbeiten und häufig selbst eines Tages ein künstlerisches Erbe hinterlassen werden, verweisen auf den niederländischen Impressionisten Vincent van Gogh. Dessen Wert für die Kunstgeschichte wurde erst nach seinem Tod erkannt, was den Preis seiner Werke postum beflügelte. Gleiches könnte doch – zumindest theoretisch – auch allen anderen künstlerischen Nachlässen widerfahren. Einmal vernichtet, wäre die Hoffnung dahin.

Mit einem weiteren Depot und einem zusätzlichen, wenn möglich staatlich finanzierten Kunstlager wäre zumindest Zeit gewonnen.