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Der Agnostiker, der Weihrauch liebt

Porträt Den traditionellen Heiligen Geist hat Ivo Ledergerber hinter sich gelassen, das Schreiben deftiger Gedichte nicht. Ein Gespräch über Kirche und Religion, über Lyrik und Kunst, Dogmen und das Leben.
Dieter Langhart
Ivo Ledergerber gestaltet jedes Jahr eine Fensterkrippe. Bild: Urs Bucher

Ivo Ledergerber gestaltet jedes Jahr eine Fensterkrippe. Bild: Urs Bucher

In seiner Wohnung hat Ivo Ledergerber ganz knapp Platz, denn da gibt es keine freie Wand. Er hat die Bücher einmal für seinen Enkel gezählt. Siebentausend. Und wo keine Regale stehen, da hängen Bilder, dicht an dicht. Des Dichters unendlicher Raum aber ist sein Kopf, darin bündelt er Gedanken zu Worten, bevor er sie niederschreibt als «Fromme Gedichte» oder, druckfrisch, «Alltagsgrübeleien» (siehe unten). Und wenn dieser Dichter redet – und er tut es gern –, dann kommen solche Sätze heraus: «Als Lyriker ist man wie eine Prostituierte – wenn du dich nicht anbietest, anbiederst, passiert fast nichts.» Nicht wie in Frankreich, das neben dem Écrivain auch den Poète kennt. In Algerien oder Tunesien reagiere man auf Lyrik anders als hier.

Zu klagen aber liegt Ivo Ledergerber fern. Er erwähnt manche Glücksfälle in seinem Leben. Dass er als Mittelschullehrer schon mit 60 in Pension gehen konnte. Er zieht aus dem Regal drei Bände über jene Tage in Rom, die er halb schreibend, halb zeichnend verbrachte. Oder dass sich Komponisten wie Francisco Obieta «getrauten, meine Texte zu vertonen». Er meint das «Kremser Requiem», das «Steiner Requiem» und das «Jan-Hus-Oratorium».

Man muss doch auch anders ­denken können

Ivo Ledergerber hatte erst Theologie studiert, war auch einmal Pfarrer. Dennoch habe ihn der Auftrag der Stadt St. Gallen erstaunt, ein Buch über die Kathedrale zu schreiben. «Meine Distanz zur Kirche ist über die Jahre gewachsen. Und ich habe noch einige böse Texte in der Maschine, die noch nicht fertig sind.» Warum? «Sie ist eine bornierte Gesellschaft geworden, unfähig zu erkennen, was auf der Welt geschieht.» Er wird ein wenig lauter: «In einer aufgeklärten Welt muss man doch keine Sekunde überlegen, dass Frauen gleichberechtigt sind – das muss man einfach machen.» Glaubensbekenntnisse sind für ihn schöne Texte, wie Mantras – aber ihren Inhalt könne man nicht mehr glauben. «Man redet stets über Dinge, die man nicht weiss. Dennoch beugt man sich davor.» Er hüte sich davor, über Dinge zu reden, die er nicht für gesichert hält, hat die Dreifaltigkeit begraben, bezeichnet sich als ­Agnostiker.

«Ich habe in ­meinem Leben ein paar
tolle ­Bögen machen dürfen.»

Ivo Ledergerber, 80, weiss, dass bei seinem Tod «etwas nicht verloren geht», aber er weiss nicht, was und wer «der Macher dahinter» ist. «Ich habe ihn schon oft angesprochen und gebeten, er solle sich endlich outen. Wir wissen schlicht nicht, was hinter der Göttlichkeit ist.» Diese Distanz hat ihn viel gekostet. «Ich bin in einer ganz ­barocken katholischen Familie in Gossau aufgewachsen – und das war auch schön.» Er lacht: «Ich rieche heut noch gern Weihrauch.» Er war Ministrant und wusste seit der ersten Klasse, dass er Pfarrer werden wollte. Eine Tradition in der Familie: Einer sollte Geistlicher werden. Also kein Druck auf ihn? «Ich bin so eingespurt worden, aber das störte mich nicht. Gewundert hat mich nur, weshalb mich Sexualität so interessiert, wozu zum Teufel sie gut sei.» Später, im Fach Philosophie, wurde ihm klar: Man muss doch auch anders denken können.» Er seufzt: «Da musst du fünfzig werden, bis du merkst, man kann auch anders denken.»

«Ich kann als alter Mann auf ein glückliches Leben zurückblicken», sagt Ivo Ledergerber. Er wird nachdenklicher und leiser, erwähnt seine Scheidung und sagt: «Ich bin ein empfindlicher Mensch, manchmal auch nachtragend. Und feig bin ich auch. Ich habe in meinem Leben ein paar tolle Bögen machen dürfen wie den Austritt aus dem Klerikerstand. Das war auch mutig.» Er betet nach wie vor: «Ich brauche das Gebet.»

«Den Sinn schenkt meinem Leben niemand von aussen»

«Manchmal drehen sich Dinge im Kopf.» Ivo Ledergerber fragt sich, wie mit der 1700-jährigen Kirchengeschichte umzugehen sei, die Grossartiges hervorgebracht habe: Architektur, Kunst, Organisation von Gemeinschaften. Er rät zu respektvollem Umgang mit einem anderen Zugang. In seinem Kathedralen-Buch zeigt er auf eine Tapete. «Sehen Sie? Lauter Granatäpfel. Sie stehen für inneren Reichtum und sind – wie die Mutter Gottes – Bilder, die über die christliche Kultur hinausgehen.» Er blendet zurück zum Leben: «Ich muss meinem Leben ­einen Sinn geben, den schenkt mir niemand von aussen, auch nicht die Religion.» Sie ist ein Machtinstrument, das zwischen richtig und falsch entscheide, statt uns zu helfen, uns in der Gesellschaft so zu bewegen, dass es für andere auch stimmt. Deshalb sind Ivo Ledergerber und seiner Frau soziale Kontakte so wichtig.

Er erzählt vom Semi in Rorschach, von der Arbeit als Hilfspfleger in Landschlacht, vom Studium der Deutschen Literatur und Erziehungswissenschaft in Konstanz. Er war gern Lehrer, führt gern Interessierte durch die Stiftsbibliothek. «Ich habe ein schönes Leben gehabt.» Und dann dieser selbstbewusste Satz: «Ich bin nicht Goethe, aber ich habe ­einige gute Texte geschrieben, die mich vielleicht überleben.»

Was wünscht er sich vor dem Achtzigsten? «Bei einigen Texten noch einen Strich drunter machen – ich will abschliessen. Philosophieren, das Leben nachdenkend abrunden.» Folgt noch ein Buch nach «Alltagsgrübeleien»? Er schliesst es nicht aus. Was hat er mit seiner Bibliothek vor? Sie ist sein Stolz, er zeigt auf all die Nachschlagewerke, seine Jahresbücher, die Bücher, die er selber verlegt hat. In allen klebt ein Exlibris. Sie müssten einen ebenso wissens- und lebensdurstigen neuen Besitzer finden.

Inbrünstig wie die Fliege auf Drei Weieren

Buchbesprechung von Bettina Kugler

Lyrik  Er braucht den Sonntag nicht, um fromm zu sein. Und seine Frömmigkeit hat ohnehin nie etwas Frömmlerisches. Doch sie ist spürbar da: ob Ivo Ledergerber eine tote Fliege über dem Pissoir auf Drei Weieren entdeckt («auf dem Rücken / die Beine gereckt / betend / voller Inbrunst») oder morgens durch sein Quartier spaziert. Ob er den Schlüssel im Türschloss dreht oder an einer Ampel wartet. Im Unscheinbaren kann ihm da ein Licht aufgehen, ein tieferer Sinn aufleuchten. Zwischen den Zeilen wird dieser erkennbar, doch niemals explizit.

Es wäre auch schade um das zarte Funkeln in Ivo Ledergerbers Gedichten, um dieses Sonnenblinzeln auf der ruhigen Oberfläche der Worte. «Alltagsgrübeleien», wie er den neuesten Gedichtband nennt, sind sein Metier – seit langem. Die Texte stammen aus den letzten fünfundzwanzig Jahren; sie haben sich laufend angesammelt: unterwegs oder am Denk- und Schreibtisch. Sie sind bislang unpublizierte Restposten, gemischt mit Neuigkeiten eines wachen Beobachters, eines bekennenden Alltagsmenschen und kritischen Schwärmers. Bei Ivo Ledergerber war das nie ein Widerspruch und ist es auch in den «Alltagsgrübeleien» nicht.

Unfromme Schwärmerei für die Muttergottes

Da gibt es etwa die «Marienstrophen», in denen er die Muttergottes auf seine Art bekniet. Man hört in ihnen den Sound der Kindheit im katholischen Gossau nachhallen: die süsslichen Marienlieder und Metaphern; Gebetzeilen, hundertfach wiederholt, monoton gemurmelt – und hier zärtlich nachgesprochen. Wobei der Alltagsgrübler nicht zur Ruhe kommt; er kann den Mund nicht halten, muss ab und zu dazwischenspötteln. Maria, «wundervolles / Wunderwerk / wunderlicher Dichter» und «aller Mutter», ist eben auch «Liebesplacebo / für Mönche und Nonnen», das weiss der Theologe Ledergerber nur allzu gut.

Und betet trotzdem, so inbrünstig wie die Fliege auf Drei Weieren: dass unter Marias Mantel auch Tunichtgute und Versager, auch Heimatlose und Versprengte ein Zelt finden. Dass Maria nicht nur mit dem toten Sohn weint, sondern über alle Ermordeten dieser Welt. «Mary / wirf das Lasso / sammle die Deinen / fange die Andern»: Das wäre doch mal etwas für eine Maiandacht 2019.

Welterkenntnis offenbart sich im Staunen über die Natur und ihre Vielfalt, über das Spektrum an Farben; «nicht zu zählen sind sie», wie Sand am Meer. Den Alltagsgrübler bringt das in Verbindung mit dem Kind, das lauteren Herzens «Weisst du, wie viel Sternlein stehen» singen kann. Mit dem Unterschied, dass der nun Achtzigjährige um die Vergänglichkeit weiss: darum, dass für jeden, auch für das Kind, die Tage gezählt sind.

Schaben nach dem, was unter dem Verputz der Dinge liegt

Elf der rund fünfzig Gedichte kreisen um den Tod, um das Ende, dem man nur eine Weile davontänzeln kann. Doch ebenso beharrlich und tapfer kreisen sie um die Anfänge, die nach Sprache suchen – dem Ende zum Trotz. So wird Ivo Ledergerber das Grübeln auf Schritt und Tritt, in Gedanken wie in leichtgewichtigen Wortspielereien, auch weiterhin nicht lassen können – das unruhige Schaben am «Verputz» der Dinge, im alltagsfrommen Glauben, «dass etwas darunter liegt». Bestenfalls ist es etwas Erhellendes, sehr Kostbares.

Buchvernissage: 2.4., 19 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St. Gallen
Ivo Ledergerber: Alltagsgrübeleien, Waldgut, 96 S., Fr. 24.–

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