Die besten Jahre von Annie Leibovitz und 500 Blicke aus Orhan Pamuks Fenster

13 Jahre arbeitet Annie Leibovitz für das Magazin «Rolling Stone». Für ein Fotobuch hat sie die besten Aufnahmen aus ihrer Zeit mit Roman Polanski, John Lennon oder Tom Wolfe zusammengestellt. 

Christina Genova
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Erst 21 Jahre alt war Annie Leibovitz und noch Kunststudentin, als sie 1970 für die legendäre Zeitschrift «Rolling Stone»zu arbeiten begann. 13 Jahre sollte sie die drei Jahre zuvor gegründete Publikation mit ihren Fotos prägen. Für das Fotobuch «The early ­years» hat Leibovitz eine persönliche Auswahl zusammengestellt. Ihr grosses Talent, die Persönlichkeit eines Menschen einzufangen, ist schon bei ihren ersten Fotos zu erkennen. Sie war am Puls der Zeit: fotografierte Roman Polanski oder Joan Baez und schuf das ikonische Bild der Umarmung von John Lennon und Yoko Ono. Zweimal begleitete die Fotografin die Rolling Stones auf ihren Tourneen, war beim letzten Start eines Apollo-Raumschiffs dabei und bei Richard Nixons Rücktritt. Beim «Rolling Stone» arbeitete Leibovitz mit so renommierten Journalisten wie Tom Wolfe oder Hunter S. Thomson zusammen, die ihrerseits die ­junge Fotografin beeinflussten: «Hunter half mir, das Sehen zu lernen», schreibt sie in der Rückschau.

Annie Leibovitz: The early years, Taschen, 180 S., Fr. 54.–

8500 Fotos hat Orhan Pamuk im Winter 2013 vom Balkon seines Ateliers im Istanbuler Stadtteil Cihangir geschossen. Der türkische Autor und Nobelpreisträger hat es ausgerechnet: Im Durchschnitt alle acht Minuten stand er vom Schreibtisch auf, um zu fotografieren. 500 Bilder sind nun in einem Band vereint. Es ist für einmal keine literarische, sondern eine fotografische Liebeserklärung an seine Stadt. Tatsächlich ist die Aussicht auf den Bosporus atemberaubend: Trotz des immer gleichen Standortes staunt man ob der Vielfalt der Lichtstimmungen, über die wechselnde Beschaffenheit des Meeres und die zahlreichen Schiffe, welche die Meerenge befahren. Zauberhaft ist die mit Schnee überzuckerte Stadt, eine vorwitzige Möwe hat sich auf den Halbmond gesetzt, welcher die Kuppel der Cihangir-Moschee krönt. Sie befindet sich direkt hinter Pamuks Balkon. Der Eifer, den der Autor beim Fotografieren an den Tag legte, hatte einen einfachen Grund: seinen Schreibstau. Einen ganzen Winter lang wollte es mit dem neuen Roman nicht recht vorwärtsgehen. Der Frühling brachte neuen Elan, das Fotografieren machte wieder dem Schreiben Platz.

Orhan Pamuk: Balkon, Steidl, 199 S., Fr. 47.–