Dramatisches Piano, verträumte Gitarren: Bruce Springsteen ist zurück als vitaler Rock-Senior – so tönt sein neues Album

Bruce Springsteen hat mit «Letter To You» einen klingenden Brief verfasst. Darin geht es auch um Sterblichkeit.

Olaf Neumann
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Bruce Springsteen ist mit 71 Jahren immer noch fit und vital.

Bruce Springsteen ist mit 71 Jahren immer noch fit und vital.

Bild: Taylor Hill

Bruce Springsteen erschrak, als er Musik von sich von 1975 hörte: «Das liegt sieben oder acht Leben zurück. Vielleicht schlummert in mir ja gar keine grossartige Musik mehr», fragte er sich. Am Anfang der Studioaufnahmen war der Zweifel. Sieben Jahre sind es her, seit er seinen letzten Rocksong für die E Street Band geschrieben hatte. Dazu hatte er sich auf seiner letzten Platte «Western Stars» dem Pop, mit üppigem Orchester, zugewandt.

Doch dann geschah Magisches. Ein italienischer Junge schenkte ihm eine selbst gebaute Gitarre. Springsteen fing wieder an, zu Hause auf dieser akustischen Gitarre Rocksongs zu schreiben. Wie aus dem Nichts entstand das autobiografische «Last Man Standing», und auch die restlichen acht Titel liessen nicht lange auf sich warten. Manche Instrumente haben magische Wirkung.

Auf einmal war alles so selbstverständlich. «Wir haben das Album in nur fünf Tagen eingespielt», sagt er. Ungewohnt für Springsteen, denn die stürmischen Sessions der 1970er- und 1980er-Jahre dauerten viel länger. «Es war alles live, keine Vocal-Overdubs und auch nur sehr wenige nachträglich hinzugefügte Instrumente», so Springsteen über die Sessions. «Es ist die erste wirklich live im Studio eingespielte Platte der E Street Band. Es war eine der grossartigsten Studioerfahrungen meines Lebens», so Springsteen.

Er beschwört die Geister der Verstorbenen

Ein klingender Brief, hinausgeschickt in die weite Welt. So will Springsteen «Letter To You» verstanden wissen.

Die schnörkellosen Songs kommen mit dramatischem Piano und verträumten Gitarren daher. Sie drehen sich um Leben, Tod, Vergangenheit und Zukunft. Mit 71 werden die Geheimnisse des Lebens für ihn immer interessanter. Der Tod und das Leben nach dem Tod beschäftigen ihn. In «I’ll See You In My Dreams» heisst es:

«Tod ist nicht das Ende/Ich sehe dich in meinen Träumen.»

Er lebe mit den Toten, sagte er dem «Rolling Stone». «Ihr Echo und ihr Spirit sind in der physischen Welt noch immer zu hören. Das ist das ­Schöne am Leben.» Auch die Hymne «Ghots» beschwört die Geister von Verstorbenen wie den E-Street-Band-Mitgliedern Clarence Clemons und Danny Federici, seinem Vater und seiner Mutter. Sie alle geistern in Springsteens Vorstellung durch die Nacht.

Auch wenn er sich in den Songs mit Sterblichkeit auseinandersetzt, ist der Rock-Senior noch äusserst vital und mit verschiedenen Projekten beschäftigt. So schlummern mehrere «verlorene» Alben in seinem Archiv. Von der Qualität dieser Schätze zeugen die drei alten Kompositionen, die es aufs neue Album geschafft haben. Allein in den letzten drei Jahren haben sich bei ihm 40 unveröffentlichte Songs angesammelt, die jetzt überarbeitet werden

Das sind Bruce Spingsteens Meilensteine:

 Born To Run (1975)  Durchbruch. Dicht, episch, euphorisch. Stimmung eines endlosen Sommerabends.
6 Bilder
Born In The USA (1984) Das Erfolgreichste. Titelsong wird missverstanden. Keine patriotische Hymne!
Darkness On The Edge Of Town (1978) Album ohne Hit. Trotzdem eines der erfolgreichsten und besten Werke.
Live in New York City (2001)So müssen Livekonzerte sein. Ein Ereignis. Eine Lektion.
Tunnel of Love (1987) Einblicke in die Seele des Bosses. Emotionale Songs über Liebe und Vertrauen. (sk)
Letter To You (Sony). Erscheint am 23. Oktober.


Born To Run (1975)
Durchbruch. Dicht, episch, euphorisch. Stimmung eines endlosen Sommerabends.

Bild: Getty

Wer will schon ein Anti-Trump-Album?

Die letzten vier Jahre erlebte der Sänger aus New Jersey als eine sehr verstörende Zeit. «Ich habe ein wenig das Vertrauen verloren», sagte er. Auch wenn das Thema Politik bei dieser Platte nicht im Fokus steht, konnte er sich einen Seitenhieb auf Donald Trump nicht verkneifen. In «The House Of Thousand Guitars» bezeichnet er den Präsidenten als «kriminellen Clown», der den Thron gestohlen habe. Es bleibt der einzige Hinweis. Er erzählt:

«Ich wollte niemanden mit einem Album voller Anti-Trump-Songs langweilen.»

In dieser Hymne imaginiert der «Boss» von einem Rock-’n’-Roll-Himmel auf Erden, einem Ort der Gemeinschaft, an dem die Musik niemals aufhört zu spielen. Springsteen scheint sich aber selbst nicht sicher zu sein, ob solche versöhnlichen Stücke dazu beitragen können, die gespaltenen Staaten von Amerika wieder zu vereinen. Der Song verströmt denn auch melancholische Zweifel. «Der Song dreht sich um die spirituelle Welt, die ich mir in den letzten fünfzig Jahren erschaffen habe», erklärt er. Und fügt an:

«In diese Welt möchte ich mein Publikum und meine Band einladen. Der Song reflektiert irgendwie das spirituelle Leben der Nation.»
Bruce Springsteen, Rockstar

Bruce Springsteen, Rockstar

Bild: Keystone

Wie könnte seine Vision von Amerika real werden? «Indem wir das System stark in Richtung links drehen», sagt der Anhänger der Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders und Elizabeth Warren. Jetzt steht er hinter Kandidat Joe Biden. Dass die einst mächtige amerikanische Idee aufgegeben wurde, sei eine Schande. Das Land brauche jemanden, der sie wieder zum Leben erwecke. «Wenn Biden die Wahl gewinnt, können wir unseren weltweit bedeutenden Status langsam zurückgewinnen. Das Land als strahlendes Licht der Demokratie wurde von der Trump-Regierung demoliert.»

Schon vor zwanzig Jahren hat Springsteen mit «American Skin» einen Song über Polizeigewalt gegen Schwarze geschrieben. Doch erst die Black-Lives-Matter-Bewegung öffnete ihm die Augen über den wirklichen Rassismus in Amerika.

«Lange Zeit hielt ich Rassismus, weisse Vorherrschaft und weisse Privilegien für Venen in unseren Extremitäten, aber nun ist mir klar geworden: Rassismus ist die Hauptschlagader, die durch das Herz unserer Nation fliesst.» Deshalb hält er eine Gesellschaft ohne Rassismus für utopisch. Immerhin sei vielleicht eine Gemeinschaft möglich, in der sich alle als gleichberechtigte Bürger ansehen.

Dokfilm «Bruce Springsteen’s Letter To You». Premiere 23. Oktober exklusiv auf Apple TV+. Der Film zeigt den Sänger bei Studioaufnahmen.

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