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Lucerne Festival: Der Boulez-Geist ist zurück

Die Lucerne Festival Academy präsentierte am Sonntag nicht weniger als zehn Uraufführungen und drei (künftige) Klassiker der Moderne.
Katharina Thalmann
Das Orchester der Lucerne Festival Academy unter dem Dirigenten George Benjamin mit dem Solisten Reinhard Friedrich (Trompete). Bild Lucerne Festival/ Priska Ketterer)

Das Orchester der Lucerne Festival Academy unter dem Dirigenten George Benjamin mit dem Solisten Reinhard Friedrich (Trompete). Bild Lucerne Festival/ Priska Ketterer)

Durchs Foyer an der Seitengalerie vorbei, zwei Treppen unter den Seespiegel – und über einhundert Leute fanden sich in einem KKL-Probensaal wieder. Dort fand der erste, ursprünglich im Kunstmuseum geplante, Teil der Composer-Seminar-Werkschau statt. Nicht nur wegen des grossen Publikumsinteresses, sondern auch, weil junge Komponistinnen und Komponisten gerne Elektronik – und somit meterweise Kabel – verwenden.

Aus über 250 Bewerbungen wählten die Dozenten Wolfgang Rihm und Dieter Ammann acht Teilnehmende für das Composer Seminar aus. «Um eine Kompositionsklasse entwickeln zu können, müssen ganz verschiedene Positionen vertreten sein», so Rihm unlängst. Das sei nicht leicht, weil doch eine gewisse Uniformität festzustellen sei.

Knusperstücke und Habitusgymnastik

«Knusperstücke» oder «Habitusgymnastik» nennt Rihm diese uniformen Würfe: verträumte Kratzgeräusche der Streicher und ein Hang zum Pianissimo-Bereich sind zwei der beliebtesten Stilmittel. Die Werkschau löste das Versprechen der verschiedenen Positionen ein. Nicht nur waren je vier Frauen und Männer vertreten. Auch die musikalischen Resultate der Aufgabe, für Streichquartett zu schreiben, hätten heterogener kaum sein können.

Ein überraschendes Leitmotiv waren verschiedenste Blautöne: Alessandro Baticcis «Ultramarine» war als traditionsbewusstes Concerto Grosso angelegt, Sarah Lewis’ «the blue and the dim and the dark» als Erkundungstour durch Dämmerzustände. Nicht nur ohren- sondern auch augenfällig wurde das Blau in Polina Korobkovas «E-lec-tri-ci-ty: mystical thriller fort he ears». Eine Geigerin hatte eine knallblaue Perücke zu tragen, basierte das Werk doch auf David Lynchs «Mulholland Drive». In diesem Filmklassiker von 2001 trägt eine ominöse Zuschauerin im «Club Silencio» eine blaue Rokoko-Perücke.

Stilistische Vielheit wird zu einem Ganzen

Abgesehen davon und von bruchstückhaft gestöhnten «Silencio»-Ausrufen erschloss sich der Zusammenhang zu Lynch jedoch nicht ohne Umwege. Trotzdem: Performative Versuchsanordnungen gehören zu den Interessen der jungen Generation, und das ist gut. So auch beim Obwaldner Komponist Christoph Blum im zweiten Teil der Werkschau (die dann im Kunstmuseum stattfand). Für «Grümpelturnier» statteten sich die Musiker mit Trillerpfeifen aus und es entstand zwischen schwergewichtigen Lavater-Porträts ein leichtfüssig-ironischer Musik-Match. Die makellosen Interpretationen durch das Jack- und das Mivos-Quartett machten die stilistische Vielheit zu einem Ganzen; Rihm und Ammann parlierten und kalauerten als Talkmaster durch den Nachmittag.

Mit breitem Pinsel gemalt

Dauerte das Composer Seminar nur zwei Wochen, spielte die Lucerne Festival Academy am Abend neue Werke, die über einen Zeitraum von zwei Jahren entstanden sind. Im Rahmen der Roche Young Commissions schrieben Marianna Liik und ­Josep Planells Schiaffino je ein neues Werk für Orchester. Wie ein Konzentrat des am Nachmittag Gehörten, repräsentierten die zwei Werke die Pole des zeitgenössischen Kompositionsschaffens. Liiks «Kurzschluss» würde nach Rihms Logik zu den «Knusperstücken» gehören: Die Streicher spielten über weite Strecken mit Plektrum; flirrend und prekär entlud sich diese Musik. «Kurzschluss» (dirigiert von Ruth Reinhardt) überzeugte mit seiner verletzlichen Authentizität. Während Liik mit ihrem Material zu ringen schien, rührte Schiaffino lustvoll darin. Sein «Torna» (dirigiert von David Fulmer) klang selbstbewusst und mit breitem Pinsel gemalt. Flankiert wurden die Uraufführungen von Werken von Rihm, Ammann und Sir George Benjamin, der die selbigen auch dirigierte.

Da war zunächst Rihms «Marsyas», das auf der gleichnamigen griechischen Mythenfigur basiert. Marsyas verliert einen musikalischen Zweikampf gegen Apollon und wird lebendig gehäutet. Repräsentierte die Perkussionistin Robyn Schulkowsky vielleicht den Apollon, mit dem süffig-schwelgenden Academy-Orchester auf ihrer Seite, während der Trompeter Reinhold Friedrich als Solist den ­Marsyas verkörperte? Besonders überraschte eine Jazzpassage – war das die dionysische Marsyas-Musik des 20. Jahrhunderts?

Sushi und ein Rolls Royce

Der Titel «Palimsests» von Benjamins eigenem Werk bezeichnet die mittelalterliche Technik zum Papiersparen, indem mehrere Schichten von Noten oder Texten auf eine Seite geschrieben werden. So ergab sich ein irisierender Klang, der wie ein exquisites Sushi-Menü jede Geschmacksknospe einzeln ansprach. Dank Benjamins Dirigat durfte man endlich wieder hören und sehen, wozu das Academy-Orchester fähig ist: zu glasklarer Präzision und zu begeisternder Hingabe zur zeit- genössischen Musik.

Das Orchester hat mit Benjamin geklungen, wie es bislang nur mit Pierre Boulez und Susanna Mälkki klang. Und so glaubte man, Ammanns «glut» zum ersten Mal zu hören; die Aufführung des Luzerner Sinfonieorchesters im April 2018 erreichte nicht annähernd diese hohe Auflösung. Wie eine 17-minütige Dominante entfaltete sich das Stück, sechs Perkussionisten schaufelten am hinteren Bühnenrand Kohle in den Kessel, während Benjamin am vorderen Bühnenrand die ­Lokomotive wie einen geschmeidigen Rolls Royce steuerte.

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