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Der Chor des Zorns: Die Junge Garde des Soul ist radikaler und aggressiver

Die alte Garde des Soul ist immer noch aktiv. Doch sie wird von einer neuen Generation von afroamerikanischen Sängerinnen und Rapperinnen herausgefordert. Die Jungen sind politisierter – und sie sind auf den Schweizer Bühnen zu hören.
Stefan Künzli
Diana Ross: Die 75-jährige Soul-Diva hat nach 13 Jahren ein Album-Comeback angekündigt. Stimmt auch sie in den Chor des Zorns ein? (Bild: Getty Images)

Diana Ross: Die 75-jährige Soul-Diva hat nach 13 Jahren ein Album-Comeback angekündigt. Stimmt auch sie in den Chor des Zorns ein? (Bild: Getty Images)

Der Ton ist wieder härter geworden. Der grossen Ernüchterung während der Obama-Jahre, wo schon sichergeglaubte emanzipatorische Errungenschaften in Frage gestellt wurden, ist mittlerweile grosser Wut gewichen.

Dabei ist es eine junge Generation von schwarzen Sängerinnen und Rapperinnen, die den aktuellen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Diskurs in Trumps Amerika bestimmt, anfeuert und Forderungen stellt.

Dabei geht es um Identität und Akzeptanz, um Rassismus und Sexismus. Alicia Keys zeigt sich mit Afrolook und verzichtet auf bleichendes Make-up. Kelela und Solange Knowles fordern schwarze Frauen auf, sich von der Deutungshoheit des (weissen) Mannes zu befreien und «Big sister» Beyoncé hat die Geschichte sogar gleich umgeschrieben und für den Superbowle-Final eine weibliche Black-Panther-Armee rekrutiert.

In den weiblichen Chor des Zorns stimmen auch Janelle Monaé, Lizzo und Rapperin Cardi B ein, die in diesen Tagen in der Schweiz Halt machen. In «Dirty Computer», einem der wichtigsten Alben von 2018, hat Monaé ganz unverblümt den Rassismus und die Ausbeutung in der amerikanischen Gesellschaft angeprangert.

In der Tonalität wird Monaé nur noch von Cardi B übertroffen, die sich in diesen Tagen auch vor Gericht verantworten muss, weil sie zwei Bardamen tätlich angegriffen haben soll. Um die eigene Identität in einer von weissen Männern dominierten Welt geht es auch bei der Sängerin und Rapperin Lizzo. In ihren Liedern singt sie gegen die Schönheitsnormen und für Selbstachtung von dicken Frauen. Dabei hat ihr Kampf auch eine starke kulturelle Komponente.

«Vor allem weisse Menschen haben ein Problem mit dem Wort fett. In meiner Kultur ist es ein Kompliment, wenn du einen fetten Arsch hast». Lizzo, Rapperin

Die grossen Diven wollen nicht von den Bühnen

Es ist diese neue Generation, die die mediale Aufmerksamkeit heute auf sich zieht. Dabei geht es aber auch um Positionsbezüge nach dem Tod der grossen Soul-Queen Aretha Franklin, die sich wie keine andere auch für Bürger- und Frauenrechte einsetzte. Ein Generationenwechsel im Soul ist im Gange. Die 61-jährige, achtfache Grammy-Gewinnerin Anita Baker wird am 10. Juli in Montreux ihr Schweizer Abschiedskonzert geben.

Die grossen Diven Diana Ross, 75, Mavis Staples, 80, Dionne Warwick, 79, und Gladys Knight, 75, also jene Sängerinnen, welche die grosse Zeit des klassischen Soul in den 60er- und 70er-Jahren geprägt haben, denken aber nicht daran, von der Bühne abzutreten. Die Hallen sind zwar nicht mehr ganz so gross wie zu ihren besten Zeiten, doch alle sind noch aktiv und kreativ.

Allen voran Mavis Staples, die in diesem Jahr mit «We Get By» ein tolles Album mit Ben Harper aufgenommen hat und sich auf grosser Tour (leider nicht in der Schweiz) befindet. Oder Dionne Warwick, die sich in diesem Jahr mit dem Album «She’s Back» zurückgemeldet hat.

Aber auch Diana Ross hat für das kommende Jahr, nach einem Unterbruch von dreizehn Jahren ein neues Album mit dem Hit-Produzenten Mark Ronson angekündigt. Zunächst gibt es aber in Zürich ein Wiedersehen mit Gladys Knight. Zuletzt hat die 75-Jährige bei der Superbowl im Februar bewiesen, dass sie noch sehr gut bei Stimme ist.

Die Schranken werden freiwillig wieder hochgezogen

Zwei Generationen von Soul-Sängerinnen stehen sich gegenüber. Heute wie damals steht Soul für den Kampf für Gleichberechtigung in der amerikanischen Gesellschaft. Interessant ist aber, dass sich die Mittel zum Erreichen dieses Ziels grundlegend verändert haben. Annäherung und Anpassung lautete damals die Strategie des prägenden Labels Motown in den 60er-Jahren.

Mit Künstlern wie Diana Ross oder Gladys Knight richtete sich Motown ganz bewusst auch auf einen weissen Markt und ein weisses Establishment aus. Noch einen Schritt weiter ging Dionne Warwick. In der Musik der Pionierin des schwarzen Mainstream-Pop, die mit Songs des bedeutenden US-Komponisten Burt Bacharach berühmt wurde, sind afroamerikanische Elemente kaum noch hörbar.

Zumindest auf musikalischer Ebene hatte diese Strategie durchschlagenden Erfolg. Erstmals erreichte afroamerikanische Musik den weissen Mainstream und prägt die Hitparaden bis in die heutigen Tage. Diana Ross & Co. haben mit ihrer Musik einen wichtigen Beitrag zur Emanzipation, Gleichberechtigung und Integration der Schwarzen in die amerikanische Gesellschaft geleistet. Für eine farbenblinde Gesellschaft.

Ob ihre Strategie der Anpassung und Integration heute noch etwas taugt, ist fraglich. Denn 50 Jahre danach steht die amerikanische Gesellschaft vor einem Scherbenhaufen. Der Wind hat gedreht und die heutige Generation von Soul-Sängerinnen geht den umgekehrten Weg. Statt sich anzugleichen, distanzieren sie sich und betonen die eigene afroamerikanische Identität.

Immer mehr schwarze Künstlerinnen und Künstler wehren sich gegen die kulturelle Aneignung durch Andersrassige. Radikale gehen sogar so weit, ihre Musik exklusiv für Afroamerikaner zu beanspruchen. Aretha Franklin, Diana Ross und Gladis Knight haben für eine farbenblinde Gesellschaft gekämpft, für eine schrankenlose Gesellschaft.

Jetzt sollen die Schranken wieder aufgebaut werden. Freiwillig. «Es hat sich nichts geändert», sagt die 80-jährige Soul-Sängerin Mavis Staples und beklagt den Untergang des amerikanischen Traums. Armes Amerika.

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