Theaterstück über zeitgemässe Männlichkeit: Don Juan hat in diesem Stück die Unterhosen an

Die Aargauerin Julia Haenni ist eine Nachwuchshoffnung des Schweizer Theaters. Ein Gespräch über Männerklischees vor der Premiere ihres «Don Juan» in der Tuchlaube Aarau.

Julia Stephan
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Julia Haenni in der Bar des Theater Tuchlaube: Die Regisseurin inszeniert erstmals in Aarau.

Julia Haenni in der Bar des Theater Tuchlaube: Die Regisseurin inszeniert erstmals in Aarau.

Bild: Chris Iseli

Im Aargau findet dieser Tage ein historisches Ereignis statt. Es kam noch nicht oft vor, dass eine Frau dem «Don Juan», dem berühmtesten Frauenverführer der Weltliteratur, als Dramatikerin und Regisseurin in Personalunion mit messerscharfem Verstand zu Leibe rückt, anstatt ihm blindlings in die Arme zu fallen. Die Frau, die das vorhat, kommt ursprünglich aus Baden und heisst Julia Haenni. Schon als Schülerin war sie von diesem Stoff derart fasziniert, dass sie sich an ihrer Maturprüfung zu Tirso de Molinas spanischem Ur-Stoff aus dem 17. Jahrhundert auf Herz und Nieren prüfen liess. Ihre diesen Mittwoch in der Tuchlaube Aarau uraufgeführte Inszenierung «Don Juan. Erschöpfte Männer» ist also eine Herzensangelegenheit. Und der Versuch, die Identitätskrise des Mannes entlang der literarisch bis in unsere Gegenwart transportierten Männerklischees zu befragen.

Dem Klischee entkommt man nicht

Die freie Regisseurin, Performerin und Dramatikerin, die schon in Bern mit verrückten Aktionen wie Geldgeschenken ans Publikum auf sich aufmerksam gemacht hat, könnte die Schweizer Theaterszene in den nächsten Jahren noch gehörig aufmischen. Am Konzert Theater Bern hat ihr grossartiges Stück «Frau verschwindet (Versionen)» (Regie: Marie Bues) über Frauenklischees in der Dramatik letztes Jahr die laufende Theatersaison eröffnet. Darin versuchen drei Frauen, jedem Bühnenklischee der Dramatik konsequent aus dem Weg zu gehen. Und stolpern von einem Klischee ins nächste. Denn den im weissen Nachthemd über die Bühne torkelnden Frauen entkommt man nicht. Auch nicht den Müttern. Und schon gar nicht den Geliebten, diesen Kopfgeburten männlicher Dramatiker. «Es gibt nur wenige Stücke mit Frauen im Zentrum, und die sind entweder Opfer oder haben einen Schaden», erklärt Haenni in der Bar des Theater Tuchlaube.

Dafür sensibilisiert hat Haen­ni während ihres Regiestudiums eine Dozentin. «Es gibt so wenige Texte mit grossen Frauenrollen, die heute modern und zeitgemäss rüberkommen. Denk’ mal darüber nach», hatte sie zu ihr gesagt. Und Haenni dachte nach. Sie schuf einen Text, in dem die von Frauen dominierte Schauspielklasse einen Jahrgang unter ihr aus dem Vollen schöpfen konnte. Ihre Diplominszenierung wurde zum Ausgangspunkt gleich mehrerer Texte, in denen Frauen das Sagen haben. Auch das Stück «Frau im Wald», das vor zwei Jahren vom Aargauer Theater Marie inszeniert wurde. Eine Frau mit Gedächtnisschwund kommt darin sich selbst abhanden – mit spannenden dramatischen Konsequenzen für die fünf Darstellerinnen, darunter Haenni selbst.

«Wir nudeln die Klischees erstmal durch, bis alle warm sind.»
Julia Haenni, Regisseurin, Dramatikerin, Performerin

Julia Haennis vielstimmige und rhythmische Dramatik ist humorvolles und bühnenreifes Brainstorming. Da denkt jemand frisch von der Leber offen in alle Richtungen. Bühnenszenen werden angedeutet und wieder verworfen, der rätselhafte Kern einer Geschichte umkreist, was ihren Texten eine Aura des Geheimnisvollen gibt. Weil Haenni sich intensiv mit Körper, Identität und Geschlechterrollen auseinandersetzt und gerne mit Jugendlichen arbeitet, vergleicht man sie oft mit der Hausregisseurin des Schauspielhauses Zürich, Suna Gürler. Von Haennis im letzten Jahr an der Schauburg München uraufgeführter Arbeit «Bodybild!» über die digitale Inszenierung von Körpern war die «Süddeutsche Zeitung» regelrecht hingerissen. «Bei der Arbeit mit Jugendlichen merke ich, dass ich denen wirklich noch etwas vermitteln kann», sagt Haenni. Auch deshalb hat sie seit 2019/20 die Co-Leitung des Jugendtheaters Junge Marie in Suhr übernommen.

Aufräumen mit toxischer Männlichkeit

Zurück zum «Don Juan», wo Haenni als Regisseurin die Hosen anhaben wird, während die fünf Männer auf der Bühne gerade noch auf ihre Unterhosen warten müssen – denn die haben Lieferverzögerung. Die Unterhosen werden in den ersten Stückminuten gebraucht, denn Haenni will ihren «Don Juan» zunächst völlig ironiefrei als Pantoffelheld auf die Bühne bringen. «Wir nudeln die Klischees erstmal durch, bis alle warm sind», erklärt sie. Und weil die Profischauspieler privat ganz unterschiedliche Lebensrealitäten besitzen– manche sind verheiratet, andere leben allein, manche sind heterosexuell, andere homosexuell, manche tief religiös, andere überzeugte Atheisten  – führt diese Klischee-Parade in eine grosse Identitätsverwirrung.

Als Haenni im letzten Jahr für das Projekt zu recherchieren begann, löste ein Gillette-Werbespot eine Debatte über toxische Männlichkeit auf. Der Rasierapparathersteller hatte mit seinem berühmten Slogan «Für das Beste im Mann» dafür geworben, dass ein Mann auch verletzliche Seiten zeigen darf. Genau diese Debatte will Haenni anstossen. «Letztendlich geht es in diesem Stück aber um Identität», sagt sie. Und das wird Männer wie Frauen interessieren.

«Don Juan. Erschöpfte Männer.» Theater Tuchlaube, Aarau. Premiere: 12.2. Weitere Termine: 14./15./19.2. www.tuchlaube.ch 20./21./22.2. im Schlachthaus Theater Bern. www.schlachthaus.ch