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«Il traditore» im Stattkino: Der Ehrenmann unter den Mafiosi

«Wieso tut er das?», fragt Marco Bellocchio in seinem Spielfilm über den Mafia-Kronzeugen Tommaso Buscetta.

Regina Grüter
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Aus Freunden werden Feinde: Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino, links) und Pippo Calò (Fabrizio Ferracane).

Aus Freunden werden Feinde: Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino, links) und Pippo Calò (Fabrizio Ferracane).

Bild: Filmcoopi

Die Mafiosi öffnen eine Flasche Champagner. Im Fernsehen wird über das Attentat auf den Mafia-Richter Giovanni Falcone durch die Cosa Nostra berichtet. Die Männer spucken auf den Fernseher, auf Falcone. Derweil hängen Frauen weisse Leintücher aus den Fenstern, mit Parolen wie «Schluss mit der Mafia». Das war 1992.

Im Spielfilm «Il traditore» des grossen italienischen Regisseurs Marco Bellocchio, 80, bleibt Falcone blass. Er ist nur eine Randfigur. Wie auch die italienische Zivilgesellschaft, die die weissen Tücher symbolisieren. Im Zentrum steht der titelgebende «Verräter», Tommaso Buscetta alias Don Masino, dessen Aussagen gegenüber Falcone als Mafia-Kronzeuge zu 475 Anklagen und 360 Verurteilungen führten. Mit seiner Hilfe vermochte der Staat der sizilianischen Mafia erstmals einen entscheidenden Schlag zu versetzen.

Mit dem Heroin kommt ­ das grosse Geld

Die Handlung setzt 1980 in Palermo ein. Die Cosa Nostra begeht den Festtag der heiligen Rosalia gemeinsam, als eine grosse Familie. Nebenbei wird auf den Heroinhandel angestossen, den die alteingesessenen Familien und die neu erstarkten Corleonesi unter Totò Riina gerecht unter sich aufteilten. Der Frieden ist eine Farce. Buscetta kehrt nach Brasilien zurück, kehrt dem Mafia-Krieg den Rücken. Und der tobt. Bald schon sind seine beiden ältesten Söhne aus erster Ehe dran, die Don Masino dem Schutz Pippo Calòs anvertraute, ein enger Freund und langjähriger Weggefährte. Eine Uhr am linken unteren Bildrand zählt die Todesopfer. Vincenzo und Benedetto Buscetta sind Nummer 156 und 157.

Regisseur und Co-Autor Marco Bellocchio interessiert sich in seinem jüngsten Werk, das im Wettbewerb von Cannes uraufgeführt wurde, für das Thema des Verrats. Wieso tut Tommaso Buscetta das? Während das Sujet im zeitgenössischen Film häufig auf das Motiv der Rache reduziert wird, handelt Buscetta aus weit vielschichtigeren Gründen. «Il traditore» ist Mafia- und Gerichtsfilm sowie Biografie und Psychogramm auf der einen Seite. Auf der anderen ist es Porträt einer historischen Epoche, in der auch die intensiven Beziehungen der Cosa Nostra zur Politik teilweise öffentlich wurden.

Bellocchio ist politisch und sozialkritisch, seit seinem Début «I pugni in tasca» über den Niedergang einer italienischen Adelsfamilie, das in den 1960er-Jahren den Anstoss zur Erneuerung des italienischen Kinos gab. Er hat Filme über die Entführung Aldo Moros («Buongiorno, notte») gemacht, über den Aufstieg Mussolinis («Vincere»). Der Altmeister arbeitet unermüdlich. Seit dem Familiendrama «Fai bei sogni» aus dem Jahr 2016 hat er auch noch drei Kurzfilme gedreht.

Verräter sind ­ die anderen

Auch hier geht es um individuelle und kollektive Erinnerungen, die unter der Regie von Bellocchio zu epischem, kraftvollem und leidenschaftlichem Schauspielkino werden. Der Erzählfluss ist ruhig und bezieht aus gezielten Rückblenden und Schauplatzwechseln Spannung. Manchmal ist es auch theatralisch und, durch klassische Musik verstärkt, pompös. In den Maxi-Prozessen halten sich die angeklagten Mafiosi hinter einem Gitter auf wie Raubtiere im Käfig.

Don Masino ist eine faszinierende Persönlichkeit, sehr glaubhaft gespielt von Pierfrancesco Favino. Ein Mann, der natürliche Autorität ausstrahlt, seine Frau und seine Kinder liebt, der vor nichts Angst hat und nie etwas bereut. Sein Standpunkt: Der Cosa Nostra unter Riina gehe es nur noch um Macht und Geld. Das Heroin habe alles kaputtgemacht, auch die eigenen Kinder. Kann man ihm glauben? Bellocchio fragt: «Kann ein Mensch sich wirklich ändern? Oder hat er seine eigene Gerechtigkeit geschaffen?»

«Il traditore», ab Freitag im Stattkino, Luzern.