Kino
Der eine ein Nichtsnutz, der andere ein Versager: Ein Dokumentarfilm inszeniert Menschen am Rande der Gesellschaft auf Sizilien

Die schweizerisch-italienische Koproduktion «Il mio corpo» verknüpft die Schicksale eines jungen Sizilianers und eines Migranten.

Regina Grüter
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Eine spezielle Magie: Oscar auf dem Velo.

Eine spezielle Magie: Oscar auf dem Velo.

Sister Distribution

«Ich tausche ihn gegen einen Schwarzen ein», sagt Marco über seinen Sohn Oscar. Der ist fast noch ein Kind. Die Familie sammelt Schrott abseits der Landstrassen. Stanley wäre so ein «Schwarzer». Der Nigerianer hilft gegen Naturalien, die Kirche sauber zu halten; der Priester vermittelt ihm Gelegenheitsjobs bei der Traubenernte oder als Schafhirt.

Es gibt Spielfilme, die kommen daher wie Dokumentarfilme. Wie etwa der Oscargewinner «Nomadland», wo sich Frances McDormand und ein paar andere Schauspieler nahtlos einfügen in das Ensemble aus Arbeitsnomaden, die sich selbst spielen. Was entsteht, ist der Eindruck von Glaubwürdigkeit. Und Dringlichkeit. Regisseur Michele Pennetta geht in «Il mio corpo» den umgekehrten Weg. Auch er interessiert sich, wie auch in den ersten beiden Teilen der Sizilien-Trilogie, für «Menschen am Rand der Gesellschaft, die eher unsichtbar bleiben».

Seine Protagonisten sind echt und sein Film eine «Mischung aus Naturalismus und Fiktion», wie er selbst sagt.

Der fiktionale Touch liegt grösstenteils in der Form begründet. Die Geschichten von Oscar und Stanley werden parallel erzählt, und die jeweiligen Sequenzen immer kürzer, bis die beiden an einem symbolischen Ort zusammentreffen: in einem verlassenen Schwefelbergwerk.

Starke Präsenz und ­ Kamera

Über das Religiös-Symbolische, das immer wieder hineinspielt, kann man geteilter Meinung sein. Auch darüber, wie weit das Publikum die gewollte Inszenierung abseits des Formalen spüren soll. Aber «Il mio corpo» gelingt es, die beiden körperlich extrem präsenten Protagonisten in ihrer Einsamkeit zu vereinen.

So scheint die Perspektive auf ein gutes Leben für Oscar nicht viel besser als für Stanley. Es sei auch für Italiener schwer, eine Arbeit zu finden, ein anständiges Einkommen zu haben, sagt der Priester.

Mehr zu schaffen aber als die materielle Not macht ihnen die emotionale Kälte, die ihnen seitens der Familie, seitens der Gesellschaft entgegenschlägt.

Dieses Gefühl vermag die Kamera (Paolo Ferrari) einerseits nah an den Pro­tagonisten bei ihren alltäglichen Verrichtungen, andererseits in Aufnahmen der unter der Sommerhitze ächzenden Landschaft – und hier sind wir wieder bei «Nomadland» – einzufangen.

Wer Sizilien besucht, sieht sehr wohl die Abfallberge am Strassenrand, die wunderschönen, blitzblanken Kirchen. Die Armut ist zwar nicht im Dorfzentrum, aber gleich um die Ecke. Da, wo Oscar und Stanley leben, wenn auch an entgegengesetzten Enden.

«Il mio corpo»: Donnerstag, 13. Mai, 19 Uhr, Premiere im Stattkino Luzern in Anwesenheit des Regisseurs Michele Pennetta.

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