Der eingemittete Landesstreik im Landesmuseum

Für die Streikenden ist «zum Heulen», was sich vor hundert Jahren in der Schweiz abspielt. Doch bleibt der Landesstreik trotz seines Scheiterns nicht ohne Folgen. Im Landesmuseum werden sie sichtbar.

Rolf App
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Viele zerreissen in diesem aufgewühlten November 1918 ihr Parteibuch und denken daran, die Sozialdemokratische Partei der Schweiz zu verlassen. Andere sind emotional tief erschüttert. Wie der Berner SP-Politiker Fritz Marbach, der im Auftrag von Streikführer Robert Grimm und von dessen Oltener Aktionskomitee die Lage in der Armee beobachtet hat. Er habe zusammen mit seiner Frau geheult, als er am 14. November 1918 vom Abbruch des Landesstreiks gehört habe. Marbach erzählt dies in einem der alten Filmdokumente, die in der neuen, gestern vom Bundespräsidenten eröffneten Ausstellung im Landesmuseum Zürich gezeigt werden. Damals habe er diesen Schritt nicht verstanden, sagt Marbach. Später aber habe er «erkannt, dass er der einzig richtige war».

Nie sei schmählicher ein Streik zusammengebrochen, meint auch Marbachs Zürcher Parteikollege Ernst Nobs. Ein ­Militärgericht verurteilt ihn 1919 wegen seiner Beteiligung am Landesstreik zu vier Wochen ­Gefängnis, gleichwohl wählt ihn das Volk im selben Jahr in den Nationalrat. 1943 wird er als erster Sozialdemokrat in den Bundesrat gewählt, und Robert Grimm wird 1946 Nationalratspräsident.

Die Niederlage wird zum Erfolg

So vollendet sich als Erfolg, was eine Niederlage war. Und: So wird eine typisch schweizerische Geschichte zu Ende erzählt. Heute, kurz vor dem hundertsten Jahrestag, eröffnet die Ausstellung, die die Historiker Christian Koller und Pascale Meyer vom Landesmuseum gemeinsam erarbeitet haben, einen Blick zurück. Auf Kollers Initiative geht auch die neueste Aufarbeitung zahlreicher Aspekte des Landesstreiks in Gestalt eines grossformatigen Sammelwerks zurück (siehe «Lesbar» rechts). Die Ausstellung verzichtet auf viele Details, setzt klare Schwerpunkte und bemüht sich um eine unaufgeregte Darstellung jener Ereignisse, die bis heute gern auch politisch instrumentalisiert werden. Der anhaltenden Polarisierung setzen sie ihre «eingemittete» Darstellung des Landesstreiks entgegen.

An deren Anfang steht der Erste Weltkrieg. Er bedeutet für immer mehr Menschen eine schwere Belastung. Während die Männer an der Grenze stehen, sind ihre Familien von den Almosen der öffentlichen Hand abhängig. «Erst spät führt man die ­Rationierung ein», sagt Christian Koller, «und zur selben Zeit bricht die Spanische Grippe über das Land herein.» All diese Missstände bilden den Nährboden für den Protest einer selbstbewusster werdenden Arbeiterschaft. Und auch die Frauen wollen ernst genommen werden, deshalb ­gehört das Frauenstimmrecht zu den Forderungen des Oltener Aktionskomitees.

General Wille rechnet mit Revolution

Ihm gegenüber steht ein Bürgertum, das in der Endphase des Kriegs mehr und mehr von Revolutionsängsten heimgesucht wird. Es sind jene Ängste, denen General Wille in einem Memorial in drastischen Worten Ausdruck gibt, indem er erklärt, die Streikführer hätten «die ihnen willenlos untergebenen Massen meisterhaft organisiert». Die Generalprobe vom 1. Oktober 1918, als in Zürich das Bankpersonal streikte, lasse daran keinen Zweifel.

Auch wenn der Bundesrat den General immer wieder bremst: Am Ende stehen 250'000 Streikenden 95'000 ­bewaffnete Soldaten gegenüber. Dass diese Situation nicht unkontrolliert eskaliert, ist darauf zurückzuführen, dass auf beiden Seiten besonnene Geister die Regie übernehmen. Robert Grimm laviert und gibt schliesslich nach. Und der freisinnige Bundespräsident Felix Calonder brandmarkt zwar, was er für eine bolschewistische Verschwörung hält, verspricht dann aber eine bessere Lebensmittelversorgung und die Schaffung der AHV.

Da hat auch das Volk schon ein Wörtchen mitgesprochen, indem es kurz vor dem Ausbruch des Landesstreiks gegen Bundesrat und Parlament das Proporzwahlrecht beschlossen hat. Die Zeit der Kompromisse bricht an. Schon bald wird die 48-Stunden-Woche durchgesetzt, und die ­Sozialpartnerschaft macht einen tüchtigen Schritt nach vorn. «Seither hat der Bundesrat nie mehr so rasch gearbeitet», beschreibt der spätere SP-Bundesrat Max Weber die heilsamen Folgen des Landesstreiks.

Teil der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung

Trotzdem bleibt diese grösste politische Erschütterung des 20. Jahrhunderts bis heute umstritten. Immer wieder wird die Revolutionsgefahr beschworen, wenn auch nicht immer so plakativ wie in «Die Rote Pest». Der 1938 auf Initiative von alt Bundesrat Jean-Marie Musy mit Geld aus Nazideutschland gedrehte Film erklärt den Landesstreik zum Teil einer jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung.

Landesmuseum Zürich, bis 20. Januar

Landesstreik 1918: Als eine Viertelmillion Nein sagte

1918 eskalierten die sozialen Gegensätze in der Schweiz, 250000 organisierte Arbeiter und Arbeiterinnen streikten. Ein Theaterereignis in Olten erinnert an die Auseinandersetzung, und alle Ostschweizer Kantone machen mit.
Dieter Langhart