DER FILM «ST. VINCENT» MIT BILL MURRAY STARTET IN UNSEREN KINOS: «Als ich anfing, machten wir Filme aus Spass»

Charaktere mit zynischer Schale und empfindlichem Kern sind das Markenzeichen Bill Murrays. Im Gespräch verrät er, wie viel von seinem Grossvater in seiner neusten Rolle steckt.

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Der Junge (Jaeden Lieberher) wirbelt kräftig Staub auf. Vincent (Bill Murray) ist davon sichtlich unbeeindruckt.PD

Der Junge (Jaeden Lieberher) wirbelt kräftig Staub auf. Vincent (Bill Murray) ist davon sichtlich unbeeindruckt.PD

Der alte Mann, den Bill Murray in der Tragikomödie «St. Vincent» spielt, ist alles andere als heilig. Der mürrische Rentner frönt dem Alkohol, neigt zum Glücksspiel, und zu seinem Bekanntenkreis gehört eine «Dame der Nacht». Als er auf einen 12-Jährigen aufpassen soll, entdeckt der Misanthrop Gefühle in sich.

Mr. Murray, Sie gehören zu den zurückgezogensten Schauspielern Hollywoods. Warum meiden Sie die Öffentlichkeit?

Bill Murray: Ich weiss es nicht. Ich denke, ich hatte schon immer ein bisschen Angst vor Ruhm und allem, was damit zusammenhängt. Ich bin ein normaler Mensch, der in der Filmbranche für seinen Lebensunterhalt arbeitet. Nicht mehr und nicht weniger.

Was bedeutet Ihnen Ruhm?

Murray: Er bedeutet mir nichts. Er hilft einem, einen besseren Tisch in einem Restaurant zu bekommen. Doch warum brauche ich einen besseren Tisch? Jeder andere möchte auch in einem Restaurant essen, oder nicht? Das Beste am Berühmtsein ist, dass man hoffentlich keinen Strafzettel bekommt. Da haben Sie es: Es hilft einem, Geld zu sparen.

«Ghostbusters» hat dafür gesorgt, dass Sie weltberühmt wurden. Inwiefern hat der Film Ihr Leben verändert?

Murray:«Ghostbusters» hat das College meiner Kinder finanziert. Zumindest sind sie damit früher fertig geworden, als wenn sie es selbst bezahlt hätten. Der Film war für mich eine grossartige Erfahrung. Vielleicht war ich eine Zeit lang ein wenig zu gross.

Was meinen Sie damit?

Murray:«Ghostbusters» hatte einen zu grossen Einfluss auf mein Leben, es war irgendwann zu viel für mich. Irgendwann habe ich das Land verlassen müssen. Ich musste mich auf andere Bereiche meines Lebens konzentrieren. Andererseits bin ich dem Film bis heute dankbar. Er sorgte dafür, dass ich neben der Schauspielerei auch andere Sachen machen konnte.

Schauen Sie sich den Film heute noch an?

Murray: Machen Sie Scherze? Der läuft bei mir zu Hause in Dauerschleife. Nein, im Ernst. Hin und wieder wird er im Fernsehen gezeigt, und wenn ich zufällig darauf stosse, dann schaue ich mir bestimmte Passagen an. Ich mag die Sachen, die wir während der Dreharbeiten improvisierten. Als wir die Uniformen anzogen, dachte die Polizei von New York, dass wir einen höheren Rang hätten als sie. Unsere Uniform sah einfach cooler aus. Wir hielten nie an, wenn die Ampel auf Rot geschaltet war, wir machten, was wir wollten. Wir hatten damals sehr viel Freiheit.

Inwiefern hat sich Hollywood seit Ihren Anfängen verändert?

Murray: Als ich anfing, war die Filmbranche nicht so ein ernstes Geschäft. Wir machten Filme aus Spass. Man konnte vieles ausprobieren. Wir spielten eigentlich nur für uns selbst. Das war grossartig. Ausserdem war die Industrie tatsächlich in den Händen von Filmleuten. Heute ist das anders. Heute ist alles ein grosser Ernst.

Denken Sie mit dem Älterwerden an die Menschen, mit denen Sie Zeit verbracht haben, die heute aber nicht mehr unter uns weilen?

Murray: Interessante Frage. Je näher man dem Tod rückt, umso öfter denkt man an die Menschen, die um einen waren, einen beeinflusst haben und nun tot sind. Mit meiner Arbeit erweise ich ihnen meine Reverenz.

Inwiefern?

Murray: Bei «St. Vincent» dachte ich etwa an meinen Grossvater. Von ihm steckt viel in diesem Film. Zum Beispiel die Tatsache, wie mein Charakter läuft und spricht. Mein Grossvater war jemand, der eine Fliege trug und damit gut aussah. Er war sehr lustig. Einfach grossartig. Er hatte falsche Zähne und brachte kleine Kinder zum Weinen. Ein fantas­tischer Kerl.

Es scheint, dass Sie heute mehr Emotionen zeigen als früher. Würden Sie dem zustimmen?

Murray: Ja, das könnte sein. Ich bin gerührt, wenn ich positive Reaktionen auf meine Arbeit bekomme. Ich weinte regelrecht, als ich «St. Vincent» schaute. Irgendwann dachte ich: Wenn das Licht angeht und man mich beim Heulen erwischt, dann bin ich erledigt.

Zu Ihrem Freundeskreis gehört auch George Clooney, mit dem Sie nicht nur zusammengear­beitet haben, sondern auch viel Zeit verbringen. Was schätzen Sie an ihm am meisten?

Murray: Er brauchte jemanden an seiner Seite, der genauso gut aussieht wie er. So hat er mich ausgewählt (lacht). Nein, George ist einfach ein Kerl, mit dem man gut auskommt. Er hat eine grosszü­gige Seele. Das schätze ich sehr. Ich fühle mich zu Menschen mit einem grossem Herzen hingezogen. Das müssen übrigens keine Prominenten sein.

Was ist die grösste Freiheit, die Sie geniessen?

Murray: Ich mache einfach, was ich will – auch wenn das jetzt egoistisch klingt. Ich folge keinem Plan. Das ist sehr befreiend. Ich liebe es, Zeit auf dem Golfplatz zu verbringen, und ich mag es, wenn ich nicht 24 Stunden am Tag erreichbar bin. Jeder ist heute jederzeit erreichbar. Ich bin mir nicht sicher, ob das Handy eine gute Erfindung ist. Die Menschen sprechen nicht mehr miteinander. Jeder ist in sein Handy versunken.

Sie wurden für Ihre Leistung in «Lost in Translation» für einen Oscar nominiert. Nun werden Sie auch für «St. Vincent» als Kan­didat gehandelt. Werden Sie für den Film werben?

Murray: Nein, das habe ich noch nie gemacht. Ich möchte mich nicht wegen etwas aufregen, um am Ende enttäuscht zu werden. Ich vermute, tief in mir gibt es einen Wettkämpfer, der nicht gerne verliert. Heute bin ich einfach nur glücklich, dass die Menschen meine Arbeit schätzen. Es ist besser, als von jedem gehasst zu werden.

Wollten Sie schon immer Schauspieler werden?

Murray: Nein, ich wollte Baseball spielen. Dann hatte ich diese grossartige Idee, Arzt zu werden. Ich wusste nicht, dass damit viel Lernen einhergeht.

Während der Dreharbeiten zu «St. Vincent» sollen Sie jeden Tag 15 Kilometer Rad gefahren sein. Stimmt das?

Murray: Ja, das ist wahr. Ich liebe das Radfahren. Es gibt mir die Möglichkeit, die Umgebung zu erkunden und zu sehen, wo ich mich befinde. Ausserdem kommt man nach einer Weile in Form. Vor allem nach einem Monat Dreharbeiten.

Julia Manfredi/Ricore

Und immer wieder Jarmusch und Anderson

Bild: PD

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Bill Murray beginnt zunächst ein Medizinstudium, das er sich mit Drogengeschäften (Marihuana) finanziert. Er wird erwischt und bekommt eine Bewährungsstrafe. Seine Schauspielkarriere startet 1977, als Murray ins Ensemble der legendären TV-Sendung «Saturday Night Live» aufgenommen wird. Er bekommt seinen ersten Emmy. Zu seinen bekanntesten Rollen gehören die des Geisterjägers in «Ghostbusters» (an der Seite von Harold Ramis und Dan Aykroyd, Bild 1, von links) sowie der Part des zynischen Wetteransagers in «Und täglich grüsst das Murmeltier» (1993).

Bild: PD

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Für seine Rolle eines alternden Schauspielers, der in Sofia Coppolas Drama «Lost in Translation» (2003, mit Scarlett Johansson, Bild 2) nach Tokio reist, um Whiskey zu vermarkten, erhält er einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung. In die Filmgeschichte schreibt er sich auch mit den Independent-Filmen von Jim Jarmusch – «Broken Flowers», «The Limits of Control» – und Wes Anderson – «Die Tiefseetaucher», «Moonrise Kingdom», «Grand Budapest Hotel» – ein. Von roten Teppichen, öffentlichen Ausschweifungen und Homestorys hält der 1950 in Wilmette, Illinois, als viertes von neun Kindern geborene Schauspieler wenig. Bill Murrays Ehen scheitern – von 1981 bis 1996 ist er mit Margaret Kelly und von 1997 bis 2008 mit Jennifer Butler verheiratet. Immerhin sechs Kinder sind die Frucht der Beziehungen auf Zeit. Seine Geschwister John Murray, Joel Murray und Brian Doyle-Murray sind ebenfalls Schauspieler.

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