Der grosse Test: Welches der 8 Schweizer Streaming-Portale kann es mit Netflix aufnehmen?

Der grosse Test: Welches der 8 Schweizer Streaming-Portale kann es mit Netflix aufnehmen?

Vom Lockdown profitieren die Streaming-Anbieter. Wir haben zwei Wochen auf Netflix und Co. verzichtet und Schweizer Plattformen besucht. Eine Kritik.

Daniel Fuchs
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Die Kinos sind zu, Coronafrühling 2020. Endlich habe ich Zeit, ein paar Filme zu streamen, die ich noch nicht gesehen habe. Der Vorsatz: Netflix, Sky Show und Co. für die beiden nächsten Wochen links liegen lassen, dafür die Schweizer Streaming-Anbieter abklappern. Artfilm.ch ist eines dieser Portale. Bis zur Pandemie habe ich nie davon gehört, nun gab es das gesamte Angebot für einen Monat gratis.

Die Aktion sprach sich schnell herum. Schweizer Erfolgsfilme wie «Die Schweizermacher», «Home» oder «Das Fräulein» sind darauf zu finden. Ich stosse auf «Chrieg» von 2014. Die Gelegenheit, den düsteren Erstling von Simon Jaquemet über ein aus dem Ruder gelaufenes Bootcamp für Jugendliche auf einer Alp zu sehen.

Funktioniert tadellos. Ich schaue mir den Film auf dem Laptop an. Streaming kann kein Kinoerlebnis ersetzen, so ehrlich muss man sein. Doch «Chrieg» zieht den Zuschauer auch auf dem kleinen Schirm in Bann, mitten hinein in einen Krieg, den die Jugendlichen mit sich selbst und ihren Familien führen. Erstes Fazit: Gut gemacht, schön auch, bleibt ein Film wie «Chrieg» dank einer Plattform wie Artfilm in Erinnerung.

Streaming-Erlöse gehen auch an die gebeutelten Kinos

«Bruno Manser – die Stimme des Regenwalds» steht als Nächstes an. Über den Film wurde genug geschrieben, einiges wurde kritisiert. Die Gelegenheit, mir selbst ein Bild davon zu machen. Ich steuere den virtuellen Saal eines meiner Lieblingskinos an und lande auf dem Portal Cinefile.ch. Schweizer Verleiher und Kinos haben solche virtuellen Säle eingerichtet, als die richtigen Kinos wegen der Pandemie ihre Türen schlossen. Der Vorteil: Hier geht der Erlös nicht nur an die Produktionen, ein Teil davon kann den mitmachenden Kinos zugeordnet werden. Nicht viel, aber besser als nichts.

Los geht’s mit der Registrierung, ein kurzer Dämpfer, wir kennen es ja von Netflix. Aber es gibt einen Vorgeschmack auf all die Registrierungen, die noch folgen werden auf den Schweizer Portalen.

«Jedem Kantönli sis Spitäli, jedem Kinöli sis Portäli»

, denke ich mir.

Der Registrationsprozess ist wegen des verschlungenen Wegs via Kino etwas langwierig. Bezahlt wird mit Kreditkarte. 7.50 Franken bucht es für die Ausleihe von «Bruno Manser» ab. Nach Abspielbeginn muss ich den Film innert 48 Stunden fertigschauen, ansonsten verfällt die Miete. Man kennt es von Angeboten wie bei iTunes. Die Steuerung des Abspielprogramms bei Cinefile dann ist einfach und nutzerfreundlich.

Wer auf ein eigenes System setzt, schneidet besser ab

Auf Filmbringer.ch finde ich einen Titel, der hervorragend zur aktuellen Diskussion über den Wert von Menschenleben passt. «Lasst die Alten sterben» von Juri Steinhart. Kevin, gespielt von Max Hubacher, ein wohlstandsverwöhnter Vorstädter, wird zum Punk und wirft seinem Vater im Jahr 2017 den Satz an den Kopf, der in der Coronapandemie 2020 eigentlich Geschichte schreiben müsste. «Ihr habt 5-Tage-Woche, Altersvorsorge, weder Kriege noch Seuchen erlebt und alles kaputtgemacht, und wir sollen es hinterher aufräumen.»

Der Film ist eine Freude, die Ausleihe kostet 4.50 Franken, technisch ist das Angebot jedoch leider ein Ärgernis. Das kleine Filmbringer-Portal kooperiert mit dem Video-on-Demand-Angebot des Youtube-Konkurrenten Vimeo. Wer den Film auf der Vimeo-VoD-Plattform verlässt, um ihn später fortzusetzen, kommt nicht an derselben Stelle wieder rein, nein, muss manuell vorspulen. «Kevin ist nicht nur ein Name, Kevin ist eine verdammte Diagnose», schliesst Kevin. Und wir diagnostizieren: Das Video-on-Demand-Angebot von Vimeo, auf das eine Reihe weiterer Schweizer Streaming-Anbieter setzen, mag zwar pfannenfertig sein und kann von Anbietern einfach übernommen werden, doch die Nutzerfreundlichkeit tendiert gegen null.

Wildwuchs bei Angebot, Preisen und Abos

Da lohnt sich der Besuch auf Myfilm.ch, dem Streaming-Angebot der Basler Kult-Kino-Kette. «Mare» von Andrea Štaka ist darauf zu sehen, im Kino war er nur ein paar Tage vor dem Lockdown. Das Portal ist seit einem Jahr auf Sendung und war deshalb wie andere Etablierte, darunter Cinefile und Filmingo, in Poleposition, als das Virus uns heimsuchte. Und so bietet der Player immerhin eine Memoryfunktion: Muss das Schauen unterbrochen werden, wird beim nächsten Besuch nahtlos angedockt. Dafür schlagen die Preise mit bis zu 18 Franken ein bisschen gar hoch zu Buche für einen Leihfilm zu Hause.

Auf Filmingo.ch des Schweizer Sparten-Verleihers Trigon schaue ich mir endlich «For Sama» an, das Kriegstagebuch eines syrischen Paars in Aleppo, der im Bürgerkrieg heftig umkämpften Stadt. Es zeigt: Corona ist nichts gegen das, was andere Menschen anderswo durchmachen.

Fazit nach zwei Wochen Netflixen weitab von Netflix: Punkto Nutzerfreundlichkeit könnten gewisse Portale mehr von den grossen abschauen. Das Tolle: Wer ein bisschen sucht, findet eine immense Breite an Filmen. Und je nach Vorliebe wird sich ein Lieblingsportal herauskristallisieren. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach einem Portal, das sämtliche Angebote vereint.


Für den Schweizer Film:
Artfilm.ch

In der Westschweiz gegründet mit dem Ziel, den Schweizer Film sichtbarer zu machen. Seit 2014 hat das Portal sein eigenes Video-on-Demand-Angebot (VoD). Filme wie «Home» von Ursula Meier können gestreamt werden. Ein Tagespass etwa kostet 5 Franken.

Lokal kuratiert: Myfilm.ch

Ein Angebot der Basler Kult-Kino-Kette. Das Portal ging 2019 online, und die Kette will ihre kuratorische Leistung auch nach der Spielzeit im Kino sichtbar machen. Grosse Auswahl, darunter die Schweizer Neuheit «Mare». Mit 18 Franken eher teuer, ältere Filme gibt es ab 7.50 Fr.

Für die Gefeierten: Cinefile.ch


Hat während der Coronakrise spezielle virtuelle Kinosäle eingerichtet, sodass ein Teil der Erlöse an die gebeutelten Kinos geht. Riesige Auswahl, darunter der französische Oscar-Kandidat «Les Misérables». Ihn gibt es in der Einzelmiete für 8 Franken. Flatrate-Abo möglich.

Der Blick in die Welt: Filmingo.ch

Neben Cinefile das bekannteste Schweizer Streaming-Portal. Das hauseigene VoD-System des Filmverleihers Trigon bietet neben dem eigenen Filmprogramm mit Blick in die Welt Schweizer Produktionen. Gesehen: «For Sama» für 8 Franken. Daneben diverse Abos.

Spartig: Filmbringer.ch

Keine klassische Streaming-Plattform. Einzelne Schweizer Filme abrufbar mittels VoD-System von Vimeo. Gesehen: «Lasst die Alten sterben» und den Dok-Film «Encordés» über das Alpenrennen Patrouille des Glaciers. Faire Preise, kleines Angebot.

Die Solidarische: Outside-thebox.ch

Der Verleiher nutzt wie andere Anbieter das VoD-Tool von Vimeo. Das ist mühsam, doch nun kann man via Lieblingskino die Filme anwählen. 50 Prozent des Erlöses gehen ans Kino. Gesehen: «Burning Out» über ein überlastetes Spital in Paris, für 10 Franken.

Kleines Menü: Cinematheque.ch

Auch kein klassisches Streamingangebot. Während der Coronakrise gibt es jede Woche einen ausgewählten Film, gratis. Gesehen: «Le ruisseau, le pré vert et le doux visage», ein schwarzhumoriger ägyptischer Film, der für gute Laune sorgt. Für Überraschungen gut.


Eigentlich aus Deutschland:
Kino-on-Demand.ch

Die Plattform ist eigentlich deutsch. Einige Schweizer Kinos haben sich dem Angebot angeschlossen, darunter die Zürcher Arthouse-Gruppe. Filme, die nicht mehr im Kino laufen, bleiben so zugänglich, z. B. «Cittadini del Mondo» für teure 18 Franken.

Die Zentralschweizerische: Filmstream.ch

Die Plattform aus der Zentralschweiz schaltete jeden Tag einen Film aus der Region frei, zum Beispiel «Der schwarze Tanner» von Xavier Koller. Die Filme gibt es während 30 Tagen gratis, sie sind als Streams eingebettet, was das Abspielen besonders simpel macht.

Das Produzenten-VoD: Dvfilm.ch

Produktionsfirmen wie Dschoint Ventschr Filmproduktion vertreiben ihre Filme direkt. Abspielbar ist zum Beispiel der Dok «Chris the Swiss» über einen Schweizer Kriegsreporter, der auszog in den Jugoslawienkrieg und zum Söldner wurde. Kosten: 5 Franken.

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