Bassist Roger Glover deutet das Ende von Deep Purple an

Vor 50 Jahren erschien das epochale «Deep Purple In Rock», jetzt folgt «Whoosh!», wahrscheinlich das letzte Album der grossen Hard-Rock-Band. Ein Besuch beim Wahl-Schweizer, dem Bassisten Roger Glover, in Frick.

Stefan Künzli
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Deep-Purple-Bassist Roger Glover im «Jurassic Music Park» in Frick.

Deep-Purple-Bassist Roger Glover im «Jurassic Music Park» in Frick.

Bild: Chris Iseli

«So viel Zeit hatte ich noch nie für meine Familie. Sonst bin ich ja immer unterwegs auf Tour», sagt Roger Glover. Seit Anfang März in Mexiko, dem letzten Konzert vor dem Lockdown, hat er seine Bandkollegen von Deep Purple nicht mehr gesehen. Seither blieb der 74-jährige Bassist coronabedingt zu Hause in Frick. Langweilig ist ihm trotzdem nicht geworden. «Ich war sehr beschäftigt», sagt er, «ich habe das Familienleben genossen, gekocht, geputzt und Gartenarbeiten erledigt». Aber auch Songs und an seiner Autobiografie geschrieben, die in einigen Jahren erscheinen soll.

Seit über zehn Jahren wohnt der Bassist der wegweisenden Hard-Rock-Band Deep Purple mit seiner Schweizer Freundin und den beiden Töchtern im kleinen Jura-Dörfchen Frick. Die Familie ist gut integriert, die Töchter im Alter von 8 und 10 Jahren gehen hier zur Schule und sprechen Deutsch und Englisch. Glover fühlt sich hier wohl. «Das ist meine Heimat», sagt er.

Lange haben die Einwohner von Frick gar nicht gewusst, wer der ruhige, gebürtige Waliser mit der Mütze und den langen Haaren ist. «Ich lebe nicht das Leben einer Berühmtheit. Ich will ganz normal leben. Das ist mir extrem wichtig», sagt Glover. Dazu hatte er in den Monaten seit dem Lockdown ausreichend Gelegenheit.

Nur mit der deutschen Sprache tut er sich schwer

Inzwischen hat Glover in Frick auch Freunde gefunden. Wir treffen uns im «Jurassic Music Park» in Frick, wo der Musiker Vanja van Rooy einen Musikladen betreibt und Glover gern vorbeischaut. «Ich bin sehr glücklich, dass ich einem kleinen Dorf wohne mit einem Musikladen wie diesem», sagt er. Nur mit der deutschen Sprache tut er sich immer noch schwer. «Ich kenne einige Wörter, aber wenn meine Frau mit meinen Töchtern Schweizerdeutsch spricht, verstehe ich nur Bahnhof», sagt er. «Die deutsche Sprache macht für mich einfach keinen Sinn.»

Glover hat als Rockmusiker andere Prioritäten. Morgen erscheint «Whoosh!», das 21. Studioalbum der Band, das überraschend anders klingt. Weniger aggressiv, manchmal fast schon sanft und versöhnlich. Im Sound schwebt ein Gefühl der Leichtigkeit und Unbeschwertheit mit. «Das war nicht geplant, wir planen nie. Wir haben nie ein Konzept», sagt Glover, «wir treffen uns und beginnen zu jammen. Es geschieht dann einfach. Riffs, Grooves, Harmoniefolgen und melodische Motive tragen wir zusammen und bauen im Kollektiv das Gerüst eines Songs. Das Komponieren verstehen wir als dynamischen Band-Prozess. Wir schreiben keine Songs, wir entwickeln sie. Lyrics und der Gesangspart kommen danach. So haben wir seit den 60er-Jahren zusammengearbeitet».

Vor genau 50 Jahren ist «Deep Purple In Rock» erschienen, eines der ersten und wegweisenden Alben des Hard Rock mit Klassikern wie «Speed King» und «Child In Time». Das Album begründete auch den Sound der Band, so wie wir ihn heute kennen. Glover und Sänger Ian Gillan, die kurz zuvor zur Band stiessen, hatten wesentlichen Anteil am neuen, harten Sound.

Der stabilisierende Faktor der Band

Glover erinnert sich: «Wir standen vor einem Richtungsentscheid». Die Band hatte das «Concerto for Group and Orchestra» in der Royal Albert Hall aufgeführt. Eine ehrgeizige Komposition von Organist Jon Lord für klassisches Orchester und Rockband. «Doch wir wollten keine abgehobene Kunstband sein, wir wollten Rock machen», sagt er rückblickend. Vor diesem Hintergrund entstand «Deep Purple in Rock».

Heute wie damals verbindet Gillan und Glover eine spezielle Beziehung. Sie begegneten sich schon 1965 in der Band Episode 6. «Gillan schrieb keine Songs, als wir uns kennen lernten», erzählt Glover, «er war der Sänger, ich der Schreiber. Ich habe ihn davon überzeugt, dass wir uns gut ergänzen und zusammen Songs schreiben sollten. Seither sind wir ein Songwriter-Team. Wir sind Brüder».

Glover und Gillan sind das Herz der Band. Vor allem Glover war schon in den wilden Jahren die stabilisierende und ausgleichende Faktor, als zwischen den Alpha-Tieren Jon Lord und Ritchie Blackmore die Fetzen flogen. Der gute Geist der Band. Sie sind auch ein wesentlicher Grund, weshalb die aktuelle Band mit Gitarrist Steve Morse, Keyboarder Don Airey und Gründungsmitglied Ian Paice am Schlagzeug schon seit 18 Jahren besteht.

«Whoosh!» symbolisiert die Vergänglichkeit

Noch vor drei Jahren hatte Glover heftig protestiert, wenn man ihn auf ein mögliches Ende der Band ansprach. Heute tönt es anders. Bei den Aufnahmen zu «Whoosh!», die im letzten Sommer in Nashville stattfanden, hat sich in der Band «ein Gefühl entwickelt, dass das unser letztes Album sein könnte».

Roger Glover und sein Bass.

Roger Glover und sein Bass.

Bild: Chris Iseli

Glover geht es gesundheitlich gut. Der eine oder andere in der Band spürt aber schon das Alter. Ian Paice hatte einen Schlaganfall und Steve Morse leidet unter Schmerzen im Handgelenk, weshalb er sich eine andere Gitarrentechnik aneignen musste. «Entschieden ist noch nichts. Aber wir sind in einem Alter, in dem es schon morgen fertig sein kann», sagt Glover. Insofern symbolisiert «Whoosh!» die Schnelligkeit der Zeit, die Vergänglichkeit. Alles ist endlich. Deep Purple ist endlich.

Ein deutlicher Hinweis auf ein mögliches Ende von Deep Purple ist die Neu-Interpretation von «And The Address», des ersten Songs von Deep ­Purple vom Juli 1968. Auf «Whoosh!» bildet er den Abschluss des Albums. «Whoosh!» wie doch die Zeit vergeht! Ein würdiger Abschluss einer grossen Band, einer der grössten Rockbands aller Zeiten.

Deep Purple Whoosh! (Edel/Phonag). Erscheint am Freitag.
Live: 21.10. 2021 Hallenstadion Zürich.