Türkei

Der gute Staatsfeind

Can Dündar, vielleicht der bekannteste und in der Türkei unbeliebteste Journalist, trat erstmals in der Region auf.

Susanna Petrin
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Can Dündar vor dem Werkraum Schöpflin.

Can Dündar vor dem Werkraum Schöpflin.

Juri Junkov

Das gab es hier noch nie. Zwei Securitas-Leute kontrollieren beim Eingang zum Lörracher Kulturort Werkraum Schöpflin personalisierte Eintrittskarten, klopfen Mäntel ab, schauen in Taschen, gründlich – «können Sie bitte Ihren Kulturbeutel auch noch öffnen». Drinnen stehen zwei weitere Securitas-Männer und vier Polizisten in Uniform. Auf den, der an diesem Donnerstagabend hier spricht, hat schon einmal jemand geschossen. Der Täter fühlte sich dazu durch die Worte des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ermuntert.

Can Dündar gilt in seiner Heimat als Staatsfeind. Der langjährige Journalist, Buchautor und Dokumentarfilmer war dort zuletzt der Chefredaktor von «Cumhuriyet», einer der letzten oppositionellen Zeitungen. Bis er eine Geschichte über Waffenlieferungen der Regierung an Extremisten in Syrien veröffentlichte, samt eines ihm zugespielten Beweisvideos. Erdogan erstattete persönlich Strafanzeige, nannte ihn einen Spion und Verräter. Can Dündar sass drei Monate in Untersuchungshaft, davon wochenlang allein; zweimal lebenslänglich forderte der Staatsanwalt. Bevor das Urteil rechtskräftig wurde, hat er es geschafft, sich nach Berlin abzusetzen. Doch sein Kind und seine Frau sitzen in der Türkei fest, ohne Pass. «Geiselhaft», sagt Dündar.

Sogar den Teemacher traf es

Seit er gegangen ist, seien elf weitere Redaktoren seiner Zeitung festgenommen worden, inklusive seines Nachfolgers. Sogar der Teemacher wurde zwei Wochen lang eingebuchtet – ein regierungstreuer Sicherheitsmann hatte ihn bei der Bemerkung überhört, sollte Erdogan die Redaktion besuchen, würde er ihm keinen Tee brauen. Die Hexenjagd nach Kritikern aller Art hat in der Türkei neue, absurde Ausmasse erreicht. Das Land sei «das grösste Journalistengefängnis der Welt.»

Trotz allem wirkt Can Dündar nicht wie einer, der letztes Jahr um dieselbe Zeit im Gefängnis gelitten hat, der seine Heimat, seine Arbeit, seine Familie verloren hat. Eher wie einer, der viel Zeit in einem buddhistischen Kloster verbracht hat: weise, gelassen, fast heiter. Eine starke Persönlichkeit. Mit einem Humor, der gerne mal tiefschwarz ist. Wie es der Opposition im Land gehe, will eine Frau wissen. «Es geht ihr sehr gut», sagt Dündar, «sie wird in den Gefängnissen gut versorgt.»

Jeder Platz im Werkraum Schöpflin ist besetzt. Der Abend ist seit Wochen ausverkauft. Und nicht nur das Moderatorenduo – Birgit Degenhardt, künstlerische Leiterin des Werkraums, und Tim Göbel, geschäftsführender Vorstand der Schöpflin Stiftung – auch das Publikum hat viele Fragen, engagierte Fragen. Was denkt Dündar über die Nato-Mitgliedschaft, den Konflikt mit den Kurden, die Gülen-Bewegung, die von Erdogan angedachte Wiedereinführung der Todesstrafe. «Alles soll er wissen!», sagt ein Zuschauer und kichert.

Zuvor, in einer kleineren Journalistenrunde, stellte die bz auch eine lokale Frage: Was hält Dündar vom Verbot des Auftritts der «Grauen Wölfe» in Reinach. Dündar, der klar für Auftritte Erdogans und seines Aussenministers im Ausland war – weil genau das Menschenrecht, das sie den Menschen nicht gäben, die Meinungsfreiheit, ihnen gewährt werden soll. Aber bei den Grauen Wölfen zögert er, «eine faschistische Organisation». Trotzdem wäre es auch in einem solchen Fall das Beste, wenn generell nicht der Staat einen Auftritt verbiete, sondern wenn starke Proteste der Menschen einen solchen Auftritt unmöglich machten.

Deniz Yücels Fall sei sehr ernst

Eine der drängendsten Fragen lautet: Wie schätzt er den Ausgang der Abstimmung über die neue türkische Verfassung ein? Am 16. April werden die Türkinnen und Türken entscheiden, ob sie dem Präsidenten mehr Rechte einräumen. «Der letzte Schritt zur Diktatur», sagt Dündar. Und vermutlich der erste zur Wiedereinführung der Todesstrafe und damit der völligen Abkehr von Europa. Man mag nicht daran denken, was das für Oppositionelle wie ihn bedeuten könnte. Er spricht es aus: «Es geht um Leben und Tod.»

Immerhin, die Prognosen stimmen Dündar optimistisch: 50 Prozent gaben an, Nein zu stimmen. Und wenn so viele Leute sich bei Umfragen zu einem Nein bekannten, dann dürften es bei der Abstimmung noch mehr sein, hofft Dündar. «Es wird nicht so einfach sein, Erdogan loszuwerden. Ein Nein wäre aber ein erster, wichtiger Schritt.»

Um Leben und Tod geht es auch für den deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel, der seit Wochen gefangen gehalten wird. Als «Terroristen und Spion» bezeichnete Erdogan den Korrespondenten der «Welt», bevor das eigentliche Verfahren überhaupt begonnen hat. Can Dündar erstaunt das nicht. Journalisten wie er versuchten schon seit Jahren, auch dem Ausland klarzumachen, wie gefährlich Erdogan sei. Jetzt weiss man es. Jetzt ist ein Deutscher sehr direkt betroffen. Etwas bitter stellt Dündar fest, dass Angela Merkel sich bei ihrem Türkeibesuch vor einem Jahr vehement für die 149 inhaftierten Journalisten hätte stark machen sollen – «dann wäre es vielleicht nicht so weit gekommen, dass der 150. Inhaftierte ein deutscher Staatsbürger ist.»

Solidarität statt Ausgrenzung

Abstimmen dürfen auch über eine Million deutsche Türken; man geht davon aus, dass eine Mehrheit Ja sagen wird. Dündar sieht darin auch ein Scheitern der Integrationspolitik Deutschlands. Es falle ihm auf, dass die meisten Türken im Land einfache, schmutzige Arbeiten machen. Sie blieben unter sich, lernten oft kein Deutsch, schauten im Schnitt vier Stunden türkisches Fernsehen – «wovon sie drei Stunden Erdogan sprechen hören».

Auch im Exil tut Can Dündar weiterhin das, woran er glaubt, das, was ihm in diesen Zeiten umso wichtiger erscheint: kritischen Journalismus. Er schreibt regelmässig Kolumnen für die Zeit (online nachlesbar). Und er hat Ende Januar eine neu gegründete Online-Plattform aufgeschaltet: «Özgürüz», auf Deutsch: «Wir sind frei.» Er betreibt diese zusammen mit dem deutschen Journalisten und CORRECT!V-Gründer David Schraven, der am Donnerstag ebenfalls auf dem Podium sass. In der Türkei sei die Plattform zwar bereits einen Tag vor ihrer Inbetriebnahme gesperrt worden, aber die Zensur sei kinderleicht zu umgehen.

Geplant sind weltumspannende Recherchen, bei denen Journalisten Hand in Hand arbeiten. So soll auch die Geschichte, für die Dündar ins Gefängnis kam, nun von anderen weiterrecherchiert werden. Ein wichtiges Zeichen sei das: So einfach kann niemand die Pressefreiheit stoppen!

Was können wir tun? «Journalisten im Gefängnis und deren Angehörige besuchen, türkische Akademiker an hiesige Unis einladen, Artikel kritischer Journalisten verbreiten, ihnen in hiesigen Medien Raum geben». Dündar hat viele Vorschläge. Nicht zuletzt hofft er, dass sein Medienportal Unterstützung erfahren wird.

Das Gefährlichste sei die Angst. «Politiker wie Erdogan wollen Zwietracht in die Gesellschaft bringen», sagt Can Dündar. «Wir müssen den überall sichtbaren Druck mit Solidarität bekämpfen, mit dem Einsatz für Menschenrechte, für Demokratie, für Laizismus.»