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Der Himmel hängt voller Taschentücher

Bestickt, bedruckt, gewoben: Taschentücher waren bis in die 1970er-Jahre mehr als nur «Schnodelompe», sondern auch modisches Accessoire. Eine sehenswerte Ausstellung im Museum Appenzell zeigt die Bedeutung der Innerrhoder Produktion auf.
Christina Genova
Taschentücher in modischem Design: Diese Musterbücher der Firma Huber-Lehner rettete die Kuratorin Birgit Langenegger vor einem Jahr vor der Entsorgung. (Bild: PD)

Taschentücher in modischem Design: Diese Musterbücher der Firma Huber-Lehner rettete die Kuratorin Birgit Langenegger vor einem Jahr vor der Entsorgung. (Bild: PD)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Papier oder Stoff? Wem die Nase läuft, greift heute meist zu einem Papiertaschentuch. Bis in die 1970er-Jahre war dies ganz anders. Damals begann langsam aber sicher der Siegeszug des Papiers. Zuvor waren Taschentücher aus Stoff ein vielseitig einsetzbarer und unentbehrlicher Alltagsgegenstand, der nicht selten in Appenzell hergestellt worden war. Im Museum Appenzell zeichnet eine sinnliche Ausstellung die Geschichte der Taschentücherproduktion nach. Sie widerlegt das Klischee eines vorwiegend landwirtschaftlich geprägten Kantons und erzählt ein spannendes Stück Wirtschafts– und Sozialgeschichte, das bis heute kaum aufgearbeitet ist.

Ausländerinnen für die Fabrik

Mit dem kleinen Stück Stoff konnte man in Appenzell Innerrhoden ein paar Jahrzehnte lang gutes Geld verdienen. Das war hochwillkommen, denn die Handstickerei, für welche Innerrhoden berühmt war, kriselte. Ab den 1920er-Jahren wurden drei grosse Taschentuchfabriken neu gegründet, die bald schon den Schweizer Markt dominierten: die Doerig Taschentücher AG, die Huber-Lehner AG und die Albin Breitenmoser AG. Zwischen 70 und 90 Prozent der Tücher wurden exportiert und machten die Marke Appenzell im Ausland bekannt.

Ein Blick in die Nastüechli-MusterbücherEin Blick in die Nastüechli-Musterbücher
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Nastüchli

Im Eingangsbereich der Ausstellung hängt eine ganze Wand voll mit Musterbüchern der Firma Huber-Lehner. Die bedruckten Tücher, die nach dem 2. Weltkrieg aufkamen, erzählen auf kleinstem Raum Mode- und Designgeschichte. Taschentücher waren auch ein modisches Accessoire, zumindest für die Frauen.

Männer bevorzugten gewebte Tücher in Blau und Grau.

Die ab den 1950er-Jahren einsetzende Hochkonjunktur spiegelt sich in den Sujets wider: Skiausflüge, Ausfahrten mit dem Auto oder sogar der Flughafen Kloten sind zu sehen. In den 1970er-Jahren waren Taschentücher mit geometrischen Mustern und abstrakten Blumenmotiven beliebt.

In den Innerrhoder Fabriken arbeiteten überwiegend Italienerinnen, Spanierinnen oder Jugoslawinnen. Fabrikarbeit war bei den einheimischen Frauen verpönt. Sie waren in Heimarbeit zu Hause tätig. 2500 waren es gemäss Statistik in den 1960er-Jahren. Eine wichtige Aufgabe war das Roulieren: Die Frauen nähten für die Taschentücher von Hand einen Rollsaum.

Handroulierte Taschentücher waren zwar teuer, hielten aber viel länger als maschinengesäumte. Sie waren vor allem auf dem italienischen Markt gefragt.

Heimarbeiterinnen waren nicht nur für die Fabriken, sondern auch für Ferggereien tätig. Maria Büchler-Herrsche war eine dieser Kleinunternehmerinnen, die Stick- und Roulieraufträge entgegennahmen und an geeignete Frauen verteilten. Im Museum Appenzell ist ein Teil der Originaleinrichtung ihres Büros ausgestellt: «Sie betrieb Welthandel auf 12 Quadratmetern», sagt Birgit Langenegger, die Kuratorin der Ausstellung. In Briefumschläge verpackt, verschickte die Ferggerin bis 1976 bestickte Taschentücher ins Ausland, vor allem aber nach Amerika. Dort waren handgestickte Monogramme bis in die 1960er-Jahre sehr beliebt. Wichtig war auch das Bügeln der Taschentücher.

Bis zu 45 Büglerinnen arbeiteten gleichzeitig allein für die Firma Huber-Lehner.

Ein Schwarz-Weiss-Foto von 1969 erlaubt einen Einblick in den Bügelsaal. Um den Frauen die Arbeit zu erleichtern, liess man extra schwere Bügeleisen anfertigen.

Ein Windrad aus Taschentüchern

Je nach Art des Taschentuchs und der Verpackung mussten die Tüechli verschieden gebügelt werden. Dafür gab es spezielle Bügelanleitungen. Wert legte man auf eine schöne Verpackung: Die Tüechli wurden mit Seidenpapier oder Papierstreifen umwickelt und in Schachteln mit transparentem Deckel präsentiert. An Messen aber auch in Warenhäusern und Läden im In- und Ausland warben Rouliererinnen in Innerrhoder Tracht für die Taschentücher aus Appenzell; in der Ausstellung ist ein mobiler Roulierstock samt Transportkiste zu sehen. Aufwendige Messestände und Schaufensterdekorationen wurden entwickelt: Für die Ausstellung hat man ein grosses Windrad aus Taschentüchern nachgebaut. In einem «Showroom» werden sorgfältig gebügelte und gestärkte Taschentücher präsentiert – gestapelt, an Drehständern, als Wandinstallation oder Vorhang liebevoll inszeniert, sogar von der Decke hängen Tücher – eine wahre Augenweide.

Hinweis Bis 3.11., ab Mai Sonderschau zu handbestickten Taschentüchern des 19. Jh.

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