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Er macht die Kunst der Weltberühmten

Künstlerinnen und Künstler geben sich im Sitterwerk die Klinke in die Hand, sogar Brad Pitt schaute dort einmal vorbei: Felix Lehner ist einer der weltweit führenden Kunstgiesser. Ein Besuch beim Träger des Grossen Kulturpreises der Stadt St. Gallen.
Julia Nehmiz
Felix Lehner in der Kunstbibliothek, die zur 2006 gegründeten Stiftung Sitterwerk gehört. (Bild: Hanspeter Schiess)

Felix Lehner in der Kunstbibliothek, die zur 2006 gegründeten Stiftung Sitterwerk gehört. (Bild: Hanspeter Schiess)

Am Rand von St.Gallen, im Tal unter der Autobahnbrücke, zwischen Wiesen und rauschender Sitter, eröffnet sich eine neue, fremde Welt. Von aussen unscheinbare, in die Jahre gekommene Industriehallen, mit rauem Charme. In den Hallen: die grösste Kunstgiesserei der Schweiz.

Auch an diesem Sommersamstag ist Betrieb, einer werkelt an einem alten VW-Bus, ein anderer schleift an einer kleinen Skulptur, ein dritter schaufelt im Experimentiergarten hinter der Halle. Und mittendrin Felix Lehner, der eine gelassene Ruhe ausstrahlt und den Besuch mit Liebe zum Detail durch seine Hallen führt.

Es ist ein Kleinod, was Felix Lehner über die letzten 24 Jahre geschaffen hat im St.Galler Sittertal. Wobei, Kleinod ist völlig untertrieben – mehrere Hallen haben Kunstgiesserei und Stiftung Sitterwerk mittlerweile eingenommen. «Vielleicht 12'000 bis 14'000 Quadratmeter?», schätzt Felix Lehner.

Zum Jubiläumsfest 2016 veranstaltete die Kunstgiesserei einen Demonstrations-Guss. (Bild: Samuel Schalch)

Zum Jubiläumsfest 2016 veranstaltete die Kunstgiesserei einen Demonstrations-Guss. (Bild: Samuel Schalch)

1994 zog er mit seiner Kunstgiesserei aus dem aargauischen Beinwil am See nach St.Gallen. Er brauchte mehr Platz, und in St.Gallen fand er passende Räume in der Industriebrache im Sittertal. Ein Paintball-Anbieter, eine Disco waren die Nachbarn in der ehemaligen Färberei. «Eine wilde Zeit», sagt Lehner über seine Anfangsjahre in St.Gallen. Doch: Der Vermieter Hans Jörg Schmid unterstützte Felix Lehner und seine Kunstgiesserei. Zehn Jahre später half er sogar, das benötigte Gründungskapital der Stiftung Sitterwerk bereitzustellen.

Brad Pitt hat die Kunstgiesserei besucht

Nach und nach wurde aus der kleinen Werkstatt ein international renommiertes und global tätiges Unternehmen mit 60 Angestellten und einem Tochterunternehmen in Schanghai. Die 2006 gegründete Stiftung Sitterwerk umfasst Kunstbibliothek, Werkstoffarchiv, Fotolabor, Atelierplätze, Ausstellungshalle für Werke von Hans Josephsohn.

Dass Lehner im letzten Herbst nicht nur den Preis der St.Gallischen Kulturstiftung erhalten hat, sondern jetzt auch noch mit dem Grossen Kulturpreis der Stadt St.Gallen ausgezeichnet wird, erscheint längst überfällig. Schliesslich geben sich seit vielen Jahren Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt die Klinke in die Hand, um ihre Werke von Felix Lehner und seinem Team giessen zu lassen.

Auch Hollywoodstar Brad Pitt besuchte die Giesserei vergangenen Sommer, wie man Anfang Juli 2017 munkelte – er soll einen New Yorker Künstler begleitet haben, der in der Kunstgiesserei ein Werk anfertigen liess.

Die Künstlerin Andrea Vogel hatte für ihren Trinkbrunnen Modell gestanden und liess sich von Felix Lehner und seinem Team in Bronze giessen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Künstlerin Andrea Vogel hatte für ihren Trinkbrunnen Modell gestanden und liess sich von Felix Lehner und seinem Team in Bronze giessen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Doch man muss nicht die Welt bereisen, um von Lehner hergestellte Werke zu sehen. Viele finden sich in St.Gallen. So hat die Kunstgiesserei den Broderbrunnen, Lämmlerbrunnen oder die Vadian-Statue restauriert. In der Giesserei entstanden unter anderem: Nembrini-Brunnen (Heiligkreuz), Stahly-Brunnenbaum an der HSG, Skulpturen von Hans Josephsohn (HSG, FHS), oder der Trinkbrunnen von Andrea Vogel (Rotmonten).

Zur Sanierung des St.Galler Broderbrunnens werden im Juli 1998 Broders Nixen demontiert und in der Kunstgiesserei von Felix Lehner restauriert. (Bild: Tagblatt)

Zur Sanierung des St.Galler Broderbrunnens werden im Juli 1998 Broders Nixen demontiert und in der Kunstgiesserei von Felix Lehner restauriert. (Bild: Tagblatt)

Ein Kühlsystem für den kupfernen Schneemann

Lehner selber ist ein stiller Schaffer. Der 57-Jährige will gar nicht sich selber in den Vordergrund stellen, lieber erzählt er über die Arbeit, über die Künstler. Im Aufenthaltsraum der Kunstgiesserei liegen etliche Fotomappen ausgebreitet. Jedes Werk, dass Lehner und sein Team in der Kunstgiesserei herstellen, wird dokumentiert.

Lehner macht Kaffee an der grossen Chromstahl-Espressomaschine, die jedem italienischen Café gut stehen würde – und erzählt. Er ist ein wandelndes Kunstlexikon: Namen, Werke, Geschichten, Jahreszahlen sprudeln nur so aus ihm heraus.

Hier die Fotomappe eines Werks von der Documenta, dort diejenige vom Riesenhahn der Künstlerin Katharina Fritsch, da die Fotos der Riesenskulptur «Big Clay» von Urs Fischer. Hier vom letzten Werk des Duos Fischli/Weiss, ein Schneemann in einem Kühlschrank, nächste Woche eröffnet der neu kuratierte Garten des MoMas in New York mit ihm – jemand hat ein Plakat der Eröffnung an die Wand gepinnt, «Snowman is coming – this summer».

Die Kunstgiesserei St.Gallen baute in den kupfernen Schneemann des Kènstlerduos Fischli/Weiss eine Befeuchtungsanlage und entwarf auch den Kühlschrank, damit dem Schneemann eine Schneeschicht wächst. (Bild:PD)

Die Kunstgiesserei St.Gallen baute in den kupfernen Schneemann des Kènstlerduos Fischli/Weiss eine Befeuchtungsanlage und entwarf auch den Kühlschrank, damit dem Schneemann eine Schneeschicht wächst. (Bild:PD)

Zweieinhalb Jahre haben Lehner und sein Team mit Peter Fischli am Schneemann gearbeitet. Er ist aus Kupfer – «das leitet gut». In den Schneemann hinein hat das Team eine Befeuchtungsanlage gebaut, auch den Kühlschrank samt Kühlung entworfen, damit dem kupfernen Schneemann eine Schneeschicht wächst. «Nach zehn Tagen schaut er gut aus», sagt Lehner.

Kunstwerke aus Lehm oder Bienen

Ihn interessieren nicht nur die klassischen Stoffe, aus denen Skulpturen gefertigt werden, sondern auch Materialien, von denen man nicht unbedingt denkt, dass aus ihnen ein Kunstwerk werden kann: Schnee zum Beispiel.

Oder Lehm. Wie aufs Stichwort betritt ein Mann in Arbeitsklamotten den Aufenthaltsraum, macht sich Kaffee und Konfibrot. Der Wahl-Hamburger Künstler Ueli Torgler ist einmal mehr im Sittertobel, er arbeitet und forscht, wie man mit Lehm und Moos einen Garten gestalten kann. Hinter der Giesserei hat er drei Versuchsfelder angelegt, an denen er mehrmals im Jahr arbeitet.

Oder Bienen. Die haben sie für eine Skulptur von Pierre Huyghes gebraucht. Der französische Künstler wollte eine bestehende Skulptur aus dem Stadtpark Winterthur mit einem neuen Kopf versehen – aus Bienen. Lehner und sein Team formten die Skulptur nach, fanden heraus, dass ein Bienenstock eine Temperatur von 37 °Celsius hat – «das war für den Künstler eine überraschende Erkenntnis, dieselbe Temperatur wie der menschliche Körper» – und konstruierten ein Heizsystem in das Innere der Skulptur. Die Bienen sollten sechs Monate am Kopf der Statue schwärmen. Noch immer werden im Garten hinter der Giesserei Bienenvölker gehalten («einer unserer Schreiner ist Imker»).

Für den Künstler Urs Fischer formten Felix Lehner und sein Team Skulpturen aus Wachs, die an der Biennale 2011 gezeigt und abgebrannt wurden. (Bild: Coralie Wenger)

Für den Künstler Urs Fischer formten Felix Lehner und sein Team Skulpturen aus Wachs, die an der Biennale 2011 gezeigt und abgebrannt wurden. (Bild: Coralie Wenger)

Es scheint, als teste Felix Lehner aus, was in der Kunst alles möglich ist. Und es scheint, als könne er alles möglich machen. Für die letztjährige Documenta liess er sich auf das Wagnis ein, eine komplizierte Keramik zu brennen – alle angefragten Brennereien hatten der türkischen Künstlerin Nevin Aladag abgesagt. Lehner sagte zu.

An 15 bis 20 Kunstwerken arbeiten sie parallel in der Kunstgiesserei. «Wir springen von Kopf zu Kopf», nennt Lehner das. Bis eine Skulptur vollendet ist, vergehen bis zu drei Jahre.

Lehner selber sieht sich nicht als Künstler. Es hat ihn nie gereizt, Kunst zu machen. Ihn reizt, wie Kunst entsteht. Wie man Kunst möglich macht.

Zwei Lastwagen voller Material, «dabei konnte ich das gar nicht»

Die Begeisterung dafür wurde in der St. Galler Sek geweckt. Alois Hengartner – «ein super Lehrer» – führte die pubertierenden Jungs in Kunstausstellungen. Dem damals 13-jährigen Lehner tat sich eine Welt auf, er wurde zum Dauergast der St. Galler Erker-Galerie und der Galerie Wilma Lock. Mit 14 fiel ihm ein antiquarisches Buch über Kunstguss in die Hände.

"Ich war auch handwerklich interessiert und fand, Kunstguss verbindet alles."

Mit 15 absolvierte er eine Schnupperlehre in der Kunstgiesserei Bischofszell. Der Lehrmeister empfahl ihm eine Lehre in der Industrie. Doch das interessierte Lehner überhaupt nicht. Notgedrungen liess er sich zum Buchhändler ausbilden – und stellte sich anschliessend in Bischofszell vor. Eine Woche nach Lehrabschluss konnte er dort anfangen zu arbeiten.

Vorsicht, heiss! Zum Jubiläumsfest 2016 darf das Publikum ganz nah ran an den Gussofen. (Bild: Samuel Schalch)

Vorsicht, heiss! Zum Jubiläumsfest 2016 darf das Publikum ganz nah ran an den Gussofen. (Bild: Samuel Schalch)

Als die Giesserei Saurer in Arbon liquidiert wurde, kaufte er mit einem Freund Industriemaschinen. Sein Bischofszeller Arbeitgeber war schockiert, Lehner musste dort sofort aufhören. Da stand er nun, mit zwei Lastwagen voller Material, «dabei konnte ich das doch noch gar nicht». Lehner kratzte Geld zusammen, und eröffnete mit dem Freund Daniele Tomasi eine Giesserei in Beinwil am See.

Das Wagnis hat sich gelohnt. Lehner gehört zu den führenden Kunstgiessern weltweit. Und die von ihm mitgegründete Stiftung Sitterwerk vereint mustergültig Forschung, Begegnung und Kunstschaffen.

Über die Anerkennung von Kanton und Stadt freut er sich. Sehr. Auf die Frage, ob er die Preise nicht schon vor Jahren hätte erhalten sollen, antwortet er schlicht: «So etwas kann man nicht erwarten.» Es sei einfach ein Geschenk.

Streit um Kulturpreis

Alle vier Jahre vergibt die Stadt St.Gallen einen Grossen Kulturpreis. Die diesjährige Verleihung wird von einem heftigen Streit überschattet. Die Kulturkommission hatte mit Mehrheitsentscheid den Regisseur Milo Rau vorgeschlagen. Der Stadtrat kehrte diesen Vorschlag und verleiht Felix Lehner den Kulturpreis, der in der Kulturkommission ebenfalls mit mehreren Stimmen genannt wurde. Milo Rau habe zu wenige «kulturelle Fussabdrücke» in der Stadt hinterlassen, lautete die Begründung des Stadtrats. Rücktritte von mehreren Mitgliedern der Kulturkommission und der Verdacht, der Stadtrat habe aus politischen Motiven Milo Rau übergangen, wurden öffentlich diskutiert. Dass Felix Lehner den Preis verdient, zweifelte aber niemand an. Lehner selbst äussert sich zu diesem Streit nicht.

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