Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Luzerner hat einen Jahrhundertkünstler erforscht

Der Luzerner Serge Stauffer (1929–1989) hat die Wahrnehmung vom Jahrhundertkünstler Marcel Duchamp im deutschsprachigen Raum geprägt wie kaum ein anderer. Dieses Jahr wäre er 90 Jahre alt geworden. Was in Luzern von ihm zurückbleibt.
Julia Stephan
Serge Stauffer 1954 in Zürich, wo er und sein Luzerner Künstlerfreund André Thomkins eine neue Heimat fanden. (Bild: Peter Storrer/PD)

Serge Stauffer 1954 in Zürich, wo er und sein Luzerner Künstlerfreund André Thomkins eine neue Heimat fanden. (Bild: Peter Storrer/PD)

1960 schickte Serge Stauffer 100 Fragen an Marcel Duchamp. Was Duchamp postwendend an den Schweizer zurückschickte, lässt tief blicken in die Gehirnwindungen dieses Jahrhundertkünstlers, der den Kunstbegriff radikal auf den Kopf gestellt hat.

Duchamps 100 Antworten sind der Höhepunkt eines zwischen 1956 und 1967 dauernden Briefwechsels mit dem Luzernner Kurator, Übersetzer, Hochschuldozenten und Künstler Serge Stauffer (1929–1989). Der hatte sich Marcel Duchamp früh zur Lebensaufgabe gemacht. Sein 1981 erstmals erschienenes Werk «Marcel Duchamp. Die Schriften» gilt als ein Standardwerk der Forschung und machte ihn kurz vor seinem Tod im Jahr 1989 zu einem international anerkannten Duchamp-Experten.

Feminist und unangepasster Denker

Wer war dieser Mann, der als Sohn eines Luzerner Oberkellners und einer Hotelgouvernante 1929 in Luzern geboren wurde? Bereits zwischen 1949 bis 1952 soll Stauffer, der sich später in Zürich zum Fotografen ausbilden liess, für Luzerner Tageszeitungen als Fotograf tätig gewesen sein. Ein in den «Luzerner Neuesten Nachrichten» erschienener Text ist ebenso wie die Fotos ­immer noch verschollen. «Eine Forschungslücke, die wir noch schliessen wollen», sagt Kurator und Forscher Michael Hiltbrunner, der den Nachlass Stauffers aufgearbeitet hat.

Mit seiner Frau, der Künstlerin Doris Stauffer, und weiteren Mitstreitern hatte Stauffer 1971 die F+F Schule für experimentelle Gestaltung in Zürich (heute F+F Schule für Kunst und Design) gegründet. Stauffers dort verfasste Schriften zur künstlerischen Forschung, die Michael Hiltbrunner 2013 mit einer Ausstellung im Helmhaus Zürich wieder ins ­öffentliche Bewusstsein gerückt hat, wirken im Vergleich zum heutigen Kunsthochschulprogramm überraschend radikal. Stauffer war bekennender Feminist und nahm mit seiner Frau Doris auch an Demonstrationen der Frauenbewegung teil. Seiner Zeit war er in mancher Hinsicht voraus. Auch in der Wahrnehmung von Roman Signer, von dem er sich ähnlich begeistert zeigte wie von Duchamp. «Wenn du Duchamp verstehen willst, dann wird dich auch Roman Signer und seine Arbeit interessieren», soll Stauffer zum Gestalter seines Duchamp-Schriften-Buches, Peter Zimmermann, gesagt haben. Der wurde später Signers Buchgestalter.

«Mich faszinierten sogleich der eigenartige Klang und die unglaubliche Paradoxie in diesem Titel.» (Serge Stauffer über einen Werktitel von Marcel Duchamp)

Zwar hat Serge Stauffer Luzern mit seinem Künstlerfreund André Thomkins, dem er Mathematiknachhilfe gegeben hatte und für den er später Ausstellungstexte schrieb, nach dem frühen Tod seiner Eltern ziemlich bald in Richtung Zürich verlassen, wo er in direkter Nachbarschaft zu Daniel Spoerri lebte. Doch nicht in Zürich, sondern ausgerechnet in den biederen 1950er-Jahren in der Innerschweiz wurde Stauffers Liebe zu Duchamp in einer Luzerner Buchhandlung geweckt. Der paradoxe Duchamp-Werktitel «la marié mise à nu par ses célibataires, même» («Die Neuvermählte/Braut wird von ihren Jung­gesellen entkleidet, sogar») liess ihn nicht mehr los. «(. . .) mich faszinierten sogleich der eigenartige Klang und die unglaubliche ­Paradoxie in diesem Titel, von dem ich lange Zeit nicht wusste, welchem Bild er eigentlich zu­gehörte», erinnert sich Stauffer.

Auftritt in Emils Kleintheater

Nach Luzern kehrte er später nur noch punktuell zurück: Im Kunstmuseum Luzern hielt er in den 1960ern Diavorträge. Für eine Publikation des Chäslagers Stans schrieb er über Pop-Art – Rolf Winnewisser beteiligte sich am selben Heft als Grafiker. Und 1968 stand er im Kollektiv als ­Performer in Emil Steinbergers Luzerner Kleintheater auf der Bühne.

Für Michael Hiltbrunner steht fest: Ohne Serge Stauffers 40-jährige obsessive Duchamp-Forschung wäre das Bild von diesem Künstler im deutschsprachigen Raum heute ein anderes: «In den USA nimmt man Duchamps Werke als Pop-Art wahr. In Frankreich bleibt er eng mit dem Surrealismus verbunden. Im deutschsprachigen Raum aber wurde er auch dank Stauffer zum Vorbild für den künstlerischen Aufbruch seit den 1960er-Jahren.»

Staatsgalerie Stuttgart: «Marcel Duchamp. 100 Fragen. 100 Antworten». Noch bis 10. März.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.