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«Es ist, als wäre ich mit 13 ausgeschaltet worden» - eine junge Frau schreibt über den Kampf zurück ins Leben nach einer Vergewaltigung

Mit 13 wurde Tatjana Kühne ihrer Kindheit beraubt. Es sollte fünf Jahre dauern, bis sich die junge Toggenburgerin von den Folgen der Vergewaltigung lösen konnte. Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben: Bis zur Schmerzgrenze ehrlich.
Julia Nehmiz
Tatjana Kühne blickt zuversichtlich in die Zukunft. (Bild: Benjamin Manser, Winterthur, 20. August 2018)

Tatjana Kühne blickt zuversichtlich in die Zukunft. (Bild: Benjamin Manser, Winterthur, 20. August 2018)

Da sitzt sie nun, lacht fröhlich in die Sonne, und es stört sie nicht im Geringsten, dass sich ein Mann an den Cafétisch direkt daneben setzt und das Gespräch mitverfolgen kann. Ihre Offenheit hat sich Tatjana Kühne mühsam zurückgekämpft. So wie ihre Lebensfreude – und überhaupt ihr Leben.

«Es ist, als wäre ich mit 13 ausgeschaltet worden und erst fünf Jahre später wieder zum Leben erwacht»

schreibt sie in ihrem Buch. Fünf Jahre ihres Lebens gestohlen, fünf Jahre, in denen sie funktionierte irgendwie, gesteuert von Hass und Scham und Ekel und panischer Angst.

Tatjana Kühne hat die Folgen der Vergewaltigung nicht nur überwunden, sie hat darüber auch ein Buch geschrieben. Kommenden Montag erscheint es. «Vergewaltigt. Meine Geschichte», heisst es schlicht. Der Inhalt wühlt auf: In erbarmungsloser Direktheit erzählt Kühne von den furchtbaren Jahren, die auf die Vergewaltigung folgten.

Manche Szenen gehen einem fast zu nahe. Doch dann sitzt einem eine strahlende, lebenslustige junge Frau gegenüber, und man bekommt diese beiden Tatjana Kühnes fast nicht zusammen.

Angebote von deutschen Verlagen

Wieso hat sie sich entschieden, ihr krasses Erleben zu veröffentlichen? Wie fühlt es sich an, dass nun alle Welt lesen kann, wie sie als 13-Jährige völlig verzweifelt jede Nacht in den Wald flüchtet, um den Ängsten zu entfliehen, wie sie von Flashbacks übermannt wird, wie sie zwei Jahre leidet, bis sie es nach einem Selbstmordversuch endlich wagt, sich ihren Eltern zu öffnen, die sie fortan in allem versuchen zu unterstützen. Wie sie sich in Partys stürzt, nach gescheiterter Therapie in die Magersucht rutscht, Freunde verliert, vereinsamt. Wie sie sich nach erneuter Therapie fängt, das Erlebte einordnen kann, und auf einmal wieder im Leben auftaucht, Freude verspürt, aufatmet, wie nach einem langen Horrortauchgang.

«Es ist ein komisches Gefühl, ein eigenes Buch in den Händen zu halten», sagt sie. Aber es sei ein «mega befriedigender Abschluss». Entstanden ist es vor zwei Jahren als Maturaarbeit. Kühne wurde für ihre Arbeit von der Kantonsschule Wattwil ausgezeichnet.

«Ich wollte eine persönliche Maturaarbeit verfassen, nicht irgendeine beliebige Studie verfolgen», sagt Kühne. Sie habe lange überlegt, ob sie die Vergewaltigung thematisieren solle. Sie hatte mit Schreiben probiert, das Erlebte zu verarbeiten. Und: Sie wollte durch die Maturaarbeit damit fertig werden.

«Schreiben tut gut. Ich habe alles geordnet, was in diesen fünf Jahren passiert ist.»

Dass die Geschichte auch andere interessieren könnte, auf diese Idee brachte sie ihr Lehrer. «Er sagte, das könnte man doch veröffentlichen.»

Kühne schickte ihre Maturaarbeit an verschiedene Verlage in Deutschland, hoffte auf eine professionelle Einschätzung – und bekam lauter Angebote. Eine Kollegin vermittelte den Kontakt zum Xanthippe Verlag Zürich, der viel Literatur von und über Frauen im Programm führt. Dort fühlt sich Tatjana Kühne gut aufgehoben und betreut.

Kühnes Schreibstil: Still, anmutig, beeindruckend

Yvonne-Denise Köchli, Gründerin des Xanthippe Verlages, ist bei solch schweren Themen zurückhaltend. Ein Jahr habe sie gewartet und Tatjana Kühne immer wieder gefragt, ob sie den Schritt wirklich wagen möchte. Kühne möchte.

«Ich fand den Text deshalb so überzeugend, weil er keinerlei Voyeurismus bedient»

sagt Köchli. Ausserdem sei Kühnes Schreibstil von literarischer Anmutung, sehr still und leise, aber beeindruckend. «Und als jemand, der sich seit 40 Jahren mit Genderfragen befasst, fand ich es ausserdem erschreckend, wie sehr dieses Thema immer noch tabuisiert ist.»

Die Scham, die vergewaltigte Frauen empfinden, sei immer noch sehr gross, immer noch suchten sie die Schuld oder Mitschuld bei sich selbst.

Gewisse Erinnerungen sind zu intim

Tatjana Kühne möchte mit der Veröffentlichung ihrer Geschichte anderen Betroffenen eine Hilfe sein.

«Hätte ich so ein Buch damals lesen können, es hätte mir sehr geholfen.»

Zu sehen, dass es verschiedene Wege gibt, damit umzugehen, dass es wirklich möglich ist, das Erlebte zu verar­beiten, dass es okay ist, den Therapeuten zu wechseln.

Nicht jede Therapieform hilft jedem, Kühnes erste Therapie verschlimmerte ihren Zustand beinahe. Erst die Ess-Therapie im Kinderspital und das 3-Phasen-Modell des zweiten Therapeuten half ihr. Und sie will das Thema Vergewaltigung enttabuisieren, das Bewusstsein dafür schärfen: «Auch in unserer vermeintlich sicheren Gesellschaft kann so etwas passieren.»

Die Vergewaltigung selber wird im Buch nur angedeutet. ­Täter, Ort und Tathergang lässt Kühne, aufgewachsen im toggenburgischen Oberhelfenschwil, im Dunkeln, erzählt bruchstückhaft. Gewisse Erinnerungen seien zu intim, sagt sie. Es geht nicht um die Vergewaltigung an sich, sondern um ihren Weg zurück ins Leben. Es habe sich alles so zugetragen, wie sie es schreibt. Nur einige Namen hat sie geändert.

Sie möchte weiter schreiben

Angst vor negativen Reaktionen hat Tatjana Kühne keine. Das Buch erscheine dort, wo es das richtige Publikum erreiche. Die 21-Jährige befürchtet auch nicht, für den Rest ihres Lebens als «die mit der Vergewaltigung» abgestempelt zu werden.

«Vielleicht wird es schwierig, das kann ich noch nicht abschätzen, aber ich weiss: Ich bin viel mehr als das.»

Ein zweites Buch sei nicht in Planung, sagt Tatjana Kühne. Sie möchte weiter schreiben, aber nicht über ihr Leben. «Da bin ich doch viel zu wenig interessant.» Sie will ihr Studium an der Uni Zürich erfolgreich abschliessen, Geschichte und deutsche Literaturwissenschaften.

Und sie will ihr Leben geniessen. Sich mit Freunden treffen, mit ihrer Familie, die ihr wichtig ist, mit ihren Winterthurer WG-Bewohnern Spass haben. Lesen, schreiben, von der Zukunft träumen, und sie planen. Die fünf Jahre, die ihr gestohlen worden waren, Tatjana Kühne holt sie sich auf eine Art zurück.

Tatjana Kühne: "Vergewaltigt - Meine Geschichte", Xanthippe Verlag, 200 S., Fr. 27.-

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