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Der lange Weg zum literarischen Ritterschlag in Solothurn

Lehrerin, Weltreisender, Kolumnistin – neben Dauergästen und Profiliteraten lasen an den Solothurner Literaturtagen tolle Debütanten. Der Weg zum literarischen Ritterschlag dauert manchmal steinige zehn Jahre.
Hansruedi Kugler

Gewiss: Die Einladung zu den ­Literaturtagen Solothurn ist mehr als blosse Anerkennung. Sie ist Rückenwind, Ritterschlag, vorläufiger Karrierehöhepunkt. Aber der Weg dahin kann lang und dornig sein. Unter den Debütanten gibt es solche, die mit der Einladung sogar ein Trauma überwinden. Etwa Yael Inokai, die vor sieben Jahren am Literaturinstitut Biel abgelehnt worden war. Sie sei nie mehr an die Literaturtage gegangen, zu schmerzhaft sei es gewesen, sich ausgeschlossen zu fühlen: «Wie wenn man jemandem beim Küssen zusehen muss und selbst niemanden hat», sagte sie an einem Jubiläums­gespräch.

In zehn Jahren zur Flechten-Expertin geworden

Auch eine literarische Langstreckenläuferin – allerdings ohne ­Solothurn-Trauma – ist die 42-jährige Barbara Schibli. Ihren Roman «Flechten» hat sie über zehn Jahre entwickelt. Das Buch ist wohl gerade deshalb ein reifes Werk geworden: psychologisch intensiv, mit bemerkenswerter Kunstfertigkeit geschrieben. Schibli erzählt die explosive Erfahrung zweier erwachsener Zwillingsschwestern als Identitätstrauma. Die Flechten-Forscherin und die Fotografin ringen heftig mit Abgrenzung und Übergriffigkeit. Wie Schibli die Symbiose aus Algen und Pilzen bei Flechten («zart und robust») im Zwillingspaar spiegelt und mit familiären, biologischen, fotografischen Motiven spielt, ist originell und grossartig. Mit einer Szene gewann sie 2007 den OpenNet-Wettbewerb in Solothurn.

Warum zehn Jahre bis zum Buch? Seit 2005 ist sie Deutschlehrerin an der Kantonsschule Baden, zuerst mit 90-Prozent-Pensum, jetzt mit 50-Prozent-Pensum. Leben kann man davon, Schreibzeit aber braucht zusätzliche Finanzierung. Sie bekam Werkbeiträge, mehrere Atelieraufenthalte und 2016 den Studer-Ganz-Preis für das beste ­Prosamanuskript. Der Preis garantiert die Veröffentlichung in einem Verlag. Weil die Schule mitmachte, konnte Schibli Auszeiten nehmen für Recherche und Schreiben. Eine privilegierte Situation ohne Existenzangst, aber langen Schreibunterbrüchen. Über die Jahre wurde aus der einfachen psychologischen Geschichte eines ungeborenen Zwillings ein motivisch dichter Roman. Schibli, die keine Schwester hat und keine Hobbybotanikerin ist, sagt von sich selbst: «Schreiben über mich fände ich uninteressant. Mit dem Schreiben neue Welten zu entdecken, das fasziniert mich.»

Was bei fast allen Autoren gilt, ist bei Debütanten verschärft: Der Buchverkauf bringt fast kein Geld. Die erste Auflage von 1500 Exemplaren ihres im Herbst 2017 erschienenen Romans ist noch nicht verkauft. In der Regel bekommen Autoren acht bis zehn Prozent vom Ladenpreis. Wichtiger sind Lesungen: 20 bezahlte hatte Schibli bisher. 500 bis 600 Franken gab es da jeweils. Viele Berufsschriftsteller leben unterdessen in erster Linie von Lesungen.

Ein Weltenbummler wird Schriftsteller

Einer, der die Faszination für das Fremde 13 Jahre lang zum Weltreisenden gemacht hat, ist der 42-jährige Michael Hugentobler. Für seinen Roman «Louis oder der Ritt auf der Schildkröte» brauchte er zwar nicht zehn, aber immerhin vier Jahre. Darin erzählt er die irrwitzige Geschichte des Schweizer Abenteurers und Hochstaplers Hans Roth in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als filmreifen, szenisch dichten, psychologisch mitreissenden und dramaturgisch raffinierten Roman. Roth hatte in London mit Lügengeschichten aus dem australischen Busch ­einen Bestseller gelandet, wurde aber entlarvt. Louis ist eine unfassbare, traumatisierte und widerspenstige Person: Mal rührend, mal sadistisch. Diese vielen Facetten hatten Hugentobler ­fasziniert, als er dessen Lebensbeschreibung in einem Berliner Antiquariat zufällig gefunden hatte. Gut möglich, dass UBS, Goethestiftung und das Aargauer Kuratorium dachten, da schreibe einer nur einen Unterhaltungs­roman, was ein Irrtum ist. Alle lehnten seine Fördergesuche ab. «Das war hart. Erspartes hatte ich keines», sagt er.

Dass er in der Journalistenausbildung Angelika Overath kennen lernte, war ein Glücksfall. Mit ihr konnte er im Literaturprogramm «double» des Migros Kulturprozents ein Mentoring durchführen. «Darin ging es darum, meine Hauptfigur besser zu charakterisieren», sagt Hugentobler. Overath vermittelte ihn auch an den dtv-Verlag. Die erste Auflage des im März erschienenen Romans von gut 4000 Exemplaren ist demnächst verkauft. Die zweite Auflage ist im Druck. Das Buch kommt gut an und hat eine grosse Medienpräsenz.

Als freier Journalist arbeitet Hugentobler vor allem für das Magazin des «Tages-Anzeigers». Reiseschriftsteller wollte er schon als Kind werden, nachdem er «In 80 Tagen um die Welt» gelesen hatte. Anders als die meisten verlor er den Traum nicht, sondern ging als 21-Jähriger auf Weltreise, mit dem Ziel, als Schriftsteller zurückzukommen. Seine Weltenbummelei finanzierte er mit kurzen Jobs in der Schweiz. Die Präzision seiner Beschreibungen hat er auf seinen Reisen trainiert: Fotos seien ­ungeeignet für Erinnerungen, ­geruch- und geschmacklos, sagt Hugentobler. Deshalb habe er lieber geschrieben. Mit 34 hatte er trotzdem nichts Literarisches erreicht. Er wurde Journalist und erst später Schriftsteller, der vor allem früh morgens schreibt, wenn seine Kinder noch schlafen.

Schreiben zwischen Familienpflichten quetschen

Kinder und Familie strukturieren auch Sybil Schreibers literarisches Schreiben: Die bekannte Kolumnistin der Coop-Zeitung hat ihren literarischen Erstling ebenfalls in Solothurn vorgestellt. «Ich muss das Schreiben zwischen Familienpflichten quetschen», sagt sie. Deshalb Kurz- und Kürzestgeschichten, entstanden aus Beobachtungen. «Ich sammle Augenblicke.» Anders als bei den Kolumnen, in denen die 54-jährige gebürtige Münchnerin eine selbstironische Alltagschronik über ihr Ehe- und ­Familienleben schreibt, seien ihre Stories intimer. Denn sie offenbare in diesen ihre Fantasie und damit ihr Unbewusstes. Sie versteht sich auf komisch-makabre Pointen über Pathologen, Mauerblümchen, Befruchtungstechniker oder eine junge Frau mit Down-Syndrom.

Die Bücher der Debutanten

Barbara Schibli: Flechten. Dörlemann, 220 S., Fr. 34.– Michael Hugentobler: Louis oder der Ritt auf der Schildkröte. dtv, 192 S., Fr. 30.– Sybil Schreiber: Sophie hat die Gruppe verlassen. Storys. Salis, 144 S., Fr. 28.–

Weil sie mit ihren Kolumnen-Büchern schon beim Zürcher ­Salis-Verlag war, brauchte Sybil Schreiber nicht lange nach einem Verlag für ihren Erzählband zu suchen. Ihre berufliche Laufbahn verlief über Umwege: Nach der Schauspielschule in New York und der Ausbildung zur Modedesignerin wurde sie Redaktorin bei «Annabelle», «Schweizer Familie» und «Tages-Anzeiger», bevor sie anfing, Kolumnen zu schreiben. Vom Kolumnenschreiben werde man aber nicht reich, sagt sie. Für ihr nächstes literarisches Buch, ein Roman aus Männerperspektive, schaut sie sich derzeit nach Förderstellen um. Ihr erstes literarisches Buch ­nämlich hat sie noch ohne Fördergelder veröffentlicht.

Zur Sache

«Noch nie so viel gute Literatur wie heute»

Peter Bichsel ist ein optimistischer Pessimist, ein freundlich aufmunternder Mann. Solche Leitfiguren tun der Literaturszene sehr gut. Denn die Zeiten sind karg. Immer weniger Bücher werden verkauft, die Leser werden auch weniger. An den Solothurner Literaturtagen blickte Bichsel 40 Jahre zurück und zog eine erstaunliche Bilanz: «Es gab noch nie so viele gute Literatur wie heute.» Er dämpfte aber gleich die Euphorie: «Wie wenn sich die Literatur gegen ihren Tod aufbäumen würde.» Dass das literarische Schaffen lebendig, vielfältig und hochstehend ist, kann man Jahr für Jahr in Solothurn, am wichtigsten Treffpunkt der Schweizer Literaturszene, selbst erleben. Das taten dieses Jahr 18000 Leute. Und wenn man die vielen Debütanten sieht, die Jahre auf die Einladung nach Solothurn warten, dann ist hier keine Spur von Krise zu spüren.

Solothurn nimmt – ganz unzeitgemäss in der heutigen Eventkultur – gesellschaftspolitische Fragen immer noch ernst. Man bespricht auf Podien die Entwicklung Israels 70 Jahre nach der Staatsgründung, die Rolle von Literatur in der Bewältigung von Bürgerkriegen, fragt nach Möglichkeiten, Verlierern in unserer Gesellschaft eine Stimme zu geben. Es ist ein ruhiger Ort des Gesprächs. Zu viel Harmonie ist aber ein Problem. Überall andächtiges Zuhören und einfühlsame Moderationen. Kontroversen und den Streit über Literatur meidet man leider. Typisch Schweiz. Solothurn ist im Grunde ein Literaturfest ohne Literaturkritik. Man verzichtet hier auf Literaturclub, auf Wettlesen, auf das Hecheln nach aktuellen Neuerscheinungen, mit denen man Spannung anheizen könnte. Das ist – zugegeben –auch schon wieder sympathisch unzeitgemäss. Daran hat denn auch Peter Bichsel Freude. (hak)

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