Lucerne Festival: Jugendproduktion mit dem Mann aus Afrika 

Mit «Senegalliarde» zeigte das Festival die letzte Neuproduktion für Kinder und Jugendliche. Das Spiel mit Klischees zeigt, wie ernst Kinder als Publikum inzwischen genommen werden.

Urs Mattenberger
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Der Mann als Kraftzentrum:  Ibra Ndiaye  mit der Geigerin Eleonara Savini in «Senegalliarde» im Neubad Luzern.(Bild: LF/Patrick Hürlimann)

Der Mann als Kraftzentrum: Ibra Ndiaye mit der Geigerin Eleonara Savini in «Senegalliarde» im Neubad Luzern.(Bild: LF/Patrick Hürlimann)

Bereits zur Halbzeit von Lucerne Festival hatte gestern im Neubad mit der Young Performance «Senegalliarde» die letzte Jugend-Produktion dieses «Kindheits»-Sommers Premiere. Das mag überraschen, bestätigt aber den Trend, die Grenzen zwischen Produktionen für Kinder und Erwachsene aufzuweichen. So spielt am nächsten Sonntag das English Chamber Orchestra zwischen Mozart und Janácek auch für Kinder Prokofjews «Peter und der Wolf» (Erzählerin: «Heidi»-Darstellerin Anuk Steffen).

Die Annäherung ist möglich, weil immer mehr Erwachsene den theatralen oder visuellen Zugang schätzen, der Kindern klassische Musik näherbringen soll. Johannes Fuchs, der bei Lucerne Festival den «Young»-Bereich verantwortet, nutzt dafür das Spielen der Instrumente selber als Element einer theatralen Aktion. Eine Vorzeigeproduktion dafür war vor vier Jahren die erste Young Performance «Heroïca», die jetzt, am Schluss dieses Festivals, als Wiederaufnahme gezeigt wird.

Freiraum für politisch unkorrekte Klischees

Sie stammte vom Regisseur Dan Tanson, der als Artiste étoile dieses Sommers mit der «Senegalliarde» eine zweite Young Performance realisierte. Die Aufführung im Neubad zeigte, welchen Freiraum Kinderproduktionen für Regisseure bieten. Denn die Besetzung mit einem muskulösen schwarzen Tänzer und Trommler zwischen zwei weiblichen weissen Musikerinnen nutzt das Unterhaltungs-potenzial, das in politisch unkorrekten Klischees schlummert. Das beginnt mit dem Urwald-Kauderwelsch, mit dem Ibra Ndiaye die 250 Kinder im voll- besetzten Neubad-Pool ein erstes Mal zum Lachen bringt.

Und es setzt sich fort, wenn die Geigerin Eleonora Savini und die Harfenistin Estelle Costanzo um die Gunst des Mannes rivalisieren. Sie tun es kindgerecht im Kampf um ein Kleidungsstück oder um seine Trommeln. Wie in «Heroïca» gibt das Instrumentarium – der Flug mit der Harfe, die Trommel als Hocker – Anlass für Aktion und Tanz, wobei dessen Poesie den Slapstick eher zurückdrängt. Archaische Gesänge aus dem Senegal und europäische Kunstmusik bieten auch musikalisch einen unterhaltsamen Mix, der bei den Kindern gut ankam.

Für Erwachsene war spannend, wie das Unterlaufen alter Klischees – hier war der Afrikaner der Chef – mit einem anderen erkauft wurde. Dass zwei Frauen eine Stunde lang ehrfürchtig und bewundernd zu einem Mann hochschauen, der seine körperliche Dominanz mit schweisstreibenden Tanzeinlagen demonstriert, wäre in einem Erwachsenenstück heute undenkbar. Zu den spannendsten Szenen gehörten denn auch jene, in denen die Frauen sich doch musikalisch emanzipierten. Und wenn Eleonora Savini es mit einem Tanz aus dem 17. Jahrhundert tat, wurde noch ein Klischee unterlaufen und klang klassische Musik zeitlos archaisch wie Trommeln aus Afrika.

Sinnfragen für Babys und Greisin

Der Geigerin Eleonora Savini war man schon vor einer Woche im Gastspiel des Teatro Dimitri im Kleintheater begegnet. Und sie zeigte da mehr noch als in «Senegalliarde», dass hier eine Generation von Musikern herangewachsen ist, die gleichermassen schauspielerisch wie auf dem Instrument überzeugt.

Überhaupt löste das Stück «Domande» (nach Jostein Gaarder) den Anspruch eines Kinderstücks auch für Erwachsene am klarsten ein. Wenn die Akteure der Reihe nach zu Tode erschraken, weil das Publikum bereits im Saal war, bot das Slapstick für die Kleinen. Anderseits bewies die Frau, die im Zeitraffer pantomimisch einen ganzen Lebenszyklus vom Baby bis zur Greisin durchschritt, wie sinnlich man Sinnfragen mit Musik und Spiel umsetzen kann. Nicht in der Menge, aber in der Qualität hat dieser «Kindheits»-Sommer für Young-Produktionen bereits Massstäbe gesetzt.

Hinweis

Young Performance «Heroïca»: So, 16. September, 11.00/15.00, KKL, Luzerner Saal.