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Tanz von Irina Lorez: Der Mensch, das unerlöste Wesen

Mit ihrer Tanzperformance zeigen Irina Lorez & Co im Südpol auf, was es heisst, Angst zu haben. «Out Of Time» ist ein gelungener und dichter Tanz rund um die Themen Trauma und Zeit – die eben doch nicht alle Wunden heilt.
Susanne Holz
Mit dem Trauma zu Boden gegangen, vom Trauma geknickt, geschüttelt und gequält. (Bild: Roberto Conciatori, Luzern, 29. April 2019)

Mit dem Trauma zu Boden gegangen, vom Trauma geknickt, geschüttelt und gequält. (Bild: Roberto Conciatori, Luzern, 29. April 2019)

Angst ist zeitlos. Sie kommt und geht, oft bleibt sie, überdauert. Sie hatte unsere Urgrosseltern in ihrem Griff, und sie wird auch unsere Urenkel nicht verschonen. Angst quält und lähmt – jeder kann mit ihr zu tun bekommen, zu jeder Zeit. Und hat sie einen so richtig gepackt, dann steht die Zeit still. Es geht nicht mehr voran, es hört nicht auf, obwohl man die Uhr ticken hört, laut, laut, laut. Unheilvoll laut.

Wer noch nie vor Angst starr war, der konnte sich am Dienstagabend im Südpol eine gute Stunde lang ein sehr konkretes Bild davon machen, wie Angst aussieht und wie sie sich anhört. «Out Of Time» ist die aktuelle Tanzperformance von Irina Lorez & Co betitelt, produziert im Rahmen des Kulturprojekts «Die andere Zeit» der Albert Koechlin Stiftung. Unter Leitung von Choreografin Irina Lorez und Dramaturgin Mona De Weerdt entwickelten fünf Tänzerinnen und Tänzer, eine Schauspielerin und ein Musiker, ausgehend von persönlichen Traumata, einen intensiven Klang-, Körper- und Emotionsraum.

Wie verletzlich ist der Mensch?

Wie verletzlich der Mensch ist, und wie brüchig seine Identität, das geht oft vergessen in leistungsorientierter Zeit. Diese Tanzperformance der Luzernerin Irina Lorez erinnert daran. Bei der Premiere am Dienstag sitzt das Publikum im relativen Dunkel im Rund um die sieben Geplagten – wie in einer Manege. Der Zuschauer wird so auch ein Stück weit Teil des Ganzen und verstärkt die gezeigten Traumata noch – als grausam passiver Betrachter der Angst, die in sieben Personen zuckt und bebt und deren Körper nicht mehr loslässt.

«Wir haben den körperlichen Zustand des Traumas gefunden», sagt Irina Lorez zu Beginn, und man gibt ihr Recht, beim Betrachten der Performance. Tänzer zittern gekrümmt am Boden, das Gesicht verzerrt. Oberkörper zucken, Hände werden zwischen Schenkel geklemmt, Arme um Knie geschlungen. Die Positionen ändern sich nur allmählich, um das Trauma ruhig zu halten. Jeder ist allein mit seiner Angst. Gespannt wie eine Feder.

Der Klang von Zeit und Weltergebenheit

Und die stummen Betrachter auf ihren Stühlen, sie können nicht trösten. Der Mensch, das unerlöste Wesen. Die Performance ist so heftig wie einfach in ihren Mitteln. Kongenial zum Tanz ist die Musik von Marie-Cécile Reber. Die Luzerner Musikerin und Komponistin verteilt Geräusche aus ihren über Jahren aufgenommenen «Field Recordings» aus der freien Wildbahn unserer Welt auf vier Lautsprecher.

So bekommen Zeit, Angst, Weltergebenheit und Sehnsucht einen Ton. Das unablässige Ticken der Uhr ist eigentlich das Klopfen eines Spechts. Und das Meeresrauschen? «Womöglich der Nebel über einem Feld an einem Novembertag», lacht Reber, «das tönte so dumpf wie das Meer.» Dann noch: Hundegebell, ein Zug, ein Flugzeug, der Klang von Einsamkeit, der Klang der Kindheit – nur die Sonne fehlt. Die Musik erzeugt die Bilder im Kopf, während der Tanz das Gefühl transportiert. Als der Applaus einsetzt, ist er gross.

Weitere Spieldaten am 2., 3., 4. Mai um 20 Uhr im Südpol Luzern; am 9. Mai um 20.30 Uhr in der Turbine Giswil; am 23. Mai um 20 Uhr in der Chollerhalle Zug und am 20. September um 20 Uhr im Bau4 in Altbüron. www.irinalorez.ch

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