Der mit den Drogen tanzt: Überraschend zahmer Skandalregisseur

Gaspar Noé, das franzöische Enfant terrible, zeigt in seinem neuen Film «Climax» junge Tänzerinnen und Tänzer an einer Party, die ausgelassen beginnt und Schritt für Schritt in den Wahnsinn mündet. Und bleibt dabei überraschend zahmt.

Dario Pollice
Drucken
Teilen
Gaspar Noé bewundert provokative Regisseure. (Bild: Emma McIntyre/Getty (Cannes, 14. Mai 2018))

Gaspar Noé bewundert provokative Regisseure. (Bild: Emma McIntyre/Getty (Cannes, 14. Mai 2018))

An keinem lebenden Filmemacher scheiden sich die Geister der Filmwelt wie an Gaspar Noé. 2002 sorgte der französische ­Regisseur mit «Irréversible» für einen Skandal. Der Film schockierte mit einer Szene, in der die von Monica Bellucci gespielte Hauptfigur neun Minuten lang vergewaltigt wird. Ebenso extrem war die Gestaltung des Filmes. Die schwindelerregende Kameraführung und ein pulsierender Soundeffekt mit extrem niedriger Frequenz riefen bei einigen Zuschauern Übelkeit hervor. Bei der Weltpremiere von «Irréversible» in Cannes verliessen rund 200 Zuschauer vorzeitig den Saal.

Gaspar Noé gilt seither als Enfant terrible des Kinos. Seine Filme sind ein Frontalangriff auf die Sinne. «Enter the Void» (2009) ist eine halluzinogene Achterbahnfahrt durch Tokio aus der subjektiven Perspektive eines kürzlich Verstorbenen. In «Love» (2015) zeigte Noé echte Sexszenen in 3D inklusive einer Ejakulation in die Filmkamera.

Ein freundlicher Provokateur

Wie tickt dieser Mann? Beim ­Gespräch mit dem Regisseur am Filmfestival NIFFF in Neuenburg zeigt sich, dass Noé höflich ist. Es störe ihn überhaupt nicht, dass er als Skandalregisseur und Provokateur gilt, denn seine Vorbilder habe man ebenso betitelt: «Alle Regisseure, die ich bewundere, also Rainer Werner Fassbinder, Pier Paolo Pasolini, David Cronenberg, nannte man provokativ.» Er sehe das als etwas Positives, sagt der 54-Jährige und nippt an einem Glas Rosé. «Wenn man dich einen Faschisten nennt, bist du auf dem richtigen Weg.»

Noé ist da, um seinen neuen Film «Climax» zu bewerben. Dieser handelt von einer Gruppe von Tänzerinnen und Tänzern, die in einem abgelegenen Haus zu ekstatischer Technomusik das Ende ihrer Proben feiert. Doch nachdem jemand LSD in die Bowle schüttet, schlägt die ausgelassene Stimmung in drogeninduzierten Wahnsinn um.

Noé castete für den Film nicht Schauspieler, sondern vor allem professionelle Tänzerinnen, die er über das Internet oder an Wettbewerben fand. Ihre Energie habe ihn fasziniert: «Die Tänzer im Film sind so unglaublich gut, dass man einfach hypnotisiert ist.» In der Tat entfaltet sich die Wirkung der Tanzeinlagen während einer 15-minütigen Einstellung, in der Noé die Truppe ohne sichtbaren Schnitt die Truppe bei ihren Tanznummern zeigt. Die Kamera fängt das Geschehen aus der Vogelperspektive ein, sodass die Bewegungen der Tänzer fast abstrakte Formen annehmen, in denen man sich als Zuschauer verliert. Dabei scheint Noé für einmal auf seine berüchtigten Gewalt- und Sexexzesse zu verzichten und etwas Neues zu wagen. Doch dann setzt in der Hälfte des Filmes plötzlich eine in Neonfarben flackernde Filmtitelsequenz ein, die man eigentlich zu Beginn erwartet hätte. Es ist eine aus den früheren Werken des Regisseurs altbekannte Spielerei, die signalisiert: Bitte anschnallen, jetzt geht’s gleich ab.

Der übliche Wahnsinn

Nun setzt Noé auf sein bewährtes filmisches Arsenal: die Kamera (Benoît Debie) schwebt und rotiert in langen Fahrten durch die Räume, die Szenerie ist in rotes Licht eingetaucht, und Zwischentitel verkünden pseudophilosophische Botschaften wie: «Das Leben ist eine kollektive Unmöglichkeit.» Aha. Am Ende verlässt man taumelnd das Kino und fragt sich, was man mit dem eben ­Gesehenen anstellen soll. Leider liefert das Gespräch mit dem Regisseur auch keine Antworten. In der verbleibenden Zeit lässt sich Noé lange über Social Media und Smartphones aus («eine Geisteskrankheit, fast so schlimm wie Religion») oder erklärt in einem Moment, wie wir unter Drogen von unserem «Reptiliengehirn» gesteuert werden, um im nächsten eine Anekdote wiederzugeben, in der jemand LSD in seinen Drink schüttete, um ihn als Nebenbuhler zu neutralisieren.

«Climax» glänzt in den ­Momenten, in denen er sich der phänomenalen Tanzgruppe hingibt. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die Figuren oberflächlich skizziert sind und zur Staffage in Noés selbstverliebten Zurschaustellung seiner Drogenfantasie verkommen. Mit der Zeit ist das nur noch ermüdend.