Konzert mit Molto Cantabile: Der Raum wird zu Klang und Zeit

Das ist innovative Chormusik: Molto Cantabile zeigt auf, was in einem Kirchenraum alles möglich ist.

Roman Kühne
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Der Konzertchor Molto Cantabile mit dem Schlagwerk des Colores Trio in der Johanneskirche.             Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 10. November 2019)

Der Konzertchor Molto Cantabile mit dem Schlagwerk des Colores Trio in der Johanneskirche.             Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 10. November 2019)

Die Chöre der Region Luzern sind so etwas wie die erfinderische Speerspitze des lokalen Musikbetriebes. Vor allem Amateurgruppen wie etwa der Händel-Chor trumpfen immer wieder mit speziellen und spektakulären Programmen auf. Und hätte es noch eines Beweises bedurft, so wurde dieser am Sonntag geliefert. Das Luzerner Vorzeigeensemble «Molto Cantabile» singt in der voll besetzten Johanneskirche ein mutiges, spannendes und durchdachtes Programm.

Unter dem Titel «hindurch» wird der sakrale Raum im wahrsten Sinne des Wortes bis in den letzten Winkel ausgelotet, das grosse Eck mit Ton und Idee gefüllt. Die Johanneskirche ist natürlich mit ihrer verwinkelten Halle der ideale Ort für ­solche Klangballungen. Zudem verfügt der mit Beton ausgekleidete Saal über eine exzellente Akustik. Ein Hall, den zum Beispiel auch die professionelle Zürcher Singakademie im vergangenen Jahr für ein Konzert zu nutzen wusste.

Facettenreiches Programm

Die Sängerinnen und Sänger von Molto Cantabile führen an ihrem Konzert mit einem facettenreichen, hochstehenden Programm durch die Jahrhunderte. Einer der Höhepunkte ist das um 1630 herum entstandene «Miserere mei, Deus». Darin vertont der italienischen Priester und Komponist Gregorio ­Allegri den 51. Psalm. Bei seiner Uraufführung gefiel es den Kirchenoberen so sehr, dass seine Kopie und Nachahmung bei Exkommunikation verboten war. Es war dann schliesslich Mozart, der das Stück gehört und in seinem Kopf ausser Landes geschmuggelt haben soll.

Diesen Mythos setzt Molto Cantabile wirkungsvoll und theatralisch in Szene. Dunkel ist die Kirche. Einem Lufthauch gleich steigen die Stimmen aus der Ecke. Aus dem Nichts wächst das Wort, schwillt an und ebbt wieder ab. Immer zahlreicher werden die Punkte und Nischen, die Balkone und Säulen, über denen der Gesang sich seine Wege bahnt. Kleine Flocken im dunklen Rund. Der Raum verschwindet. Die Zeit bleibt stehen. Es ist ein meditatives Erlebnis. Der Psalmengesang wird in eine ganz andere, fast moderne Deutungssphäre gehoben. Der ganze Mystizismus in Schauspiel und Ton auf einen Punkt gebrannt.

Das Finale eines Blockbusters

Gesanglich wirkt der Chor auf höchstem Niveau. Die Stimmen sind kompakt, die Balance zwischen den Registern homogen. Der Klang ist offen, warm und transparent. Gemeinsam wird gestaltet. Wie der Weihrauch aus dem Turibulum entfalten sich die Töne im Kirchensaal. Die Leitung um die beiden Dirigenten Andreas Felber und Benjamin Rapp hat hervorragende Arbeit geleistet. Die Solistin Rebekka Bräm bringt mit ihrer klaren und hochsteigenden Stimme in «A Dome of Many-Coloured Glass» (Dominick DiOrio) eine weitere spannende Note ein. Begleitet und ergänzt wird dieser mystische Abend mit Perkussion.

Die Musiker vom Colores Trio und Sylvain Andrey fügen sich nahtlos in die suggestive Akustik und Atmosphäre des Chores ein. Natürlich mischt sich beim «Danse Macabre» von Camille Saint-Saëns oder den «Deux Arabesques» (Claude Debussy) mehr weltliches, teils fast jazziges Feeling in die Arrangements. Die Musiker spielen jedoch ihre Marimba- und Xylophone so geschmeidig und klar, dass die einzelnen Kompositionen nahtlos ineinander übergehen. Christliche Werke wie das «Lux aeterna» (Thomás Luis de Victoria) aus dem ­ 16. Jahrhundert verschmelzen flüssig mit dem modernen «Concerto for Marimba and Choir» von Gene Koshinski. Ein fulminantes Werk, wo über die lang gezogenen Gesänge die Schlaggruppe ein wahres Feuerwerk produziert. Ein an Hochspannung kaum zu überbietender Schlussspurt. Das Finale eines Filmblockbusters. Eine inspirierende Mischung aus Klassik und Weltmusik, dessen Wiederholung vom nächsten Sonntag wärmstens zu empfehlen ist.

Gleiches Konzert mit molto cantabile:  Sonntag, 17.11.19, 17.30 Uhr, Johanneskirche, Luzern

www.moltocantabile.ch