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70-jähriges Theaterstück zeigt Parallelen mit 2019 auf

Was ist Menschlichkeit? Muss man wirklich Position beziehen? In seinem erschreckend aktuellen Stück «Der Flüchtling» verhandelte der österreichische Autor Fritz Hochwälder diese Fragen. Das Landestheater Bregenz zeigt eine leise, kluge Umsetzung.
Julia Nehmiz
Der Grenzwächter (Nico Raschner) und seine Frau (Johanna Köster) streiten, ob man dem Flüchtling helfen soll. (Bild: Anja Köhler)

Der Grenzwächter (Nico Raschner) und seine Frau (Johanna Köster) streiten, ob man dem Flüchtling helfen soll. (Bild: Anja Köhler)

Es ist ein Gedankenspiel. Was würdest du tun, wenn plötzlich ein Flüchtling in deinem Bett läge und die Soldaten stehen vor der Tür. Würdest du ihn ausliefern? Würdest du ihm helfen? Auch wenn es dir selber schadet? Was ist Menschlichkeit? Was ist ein Mensch?

Der österreichische Dramatiker Fritz Hochwälder spielt dieses Gedankenexperiment durch. In seinem Stück «Der Flüchtling», uraufgeführt 1945 in Biel, lässt er drei Figuren diese Fragen verhandeln. Ohne Anklagen, Besserwisserei oder Moralkeule. Die Handlung ist simpel und beklemmend, ein psychologisches Kammerspiel im Wohnhaus des Grenzwächters. Eines Nachts versteckt sich dort ein Flüchtling im Bett, als die Frau um Hilfe schreien will, stürmen schon die Schergen herein. Sie schickt diese fort, es seien nur sie und ihr Mann hier, sie wisse nichts von einem Flüchtling. Doch für diesen gibt es kein Entkommen, das in den Bergen gelegene Dorf ist abgeriegelt. Was also tun?

Der Autor floh 1938 vor den Nazis in die Schweiz

Im Bregenzer Landestheater entspinnt sich ein leises Stück um die grossen Fragen. Es ist keine historische Aufarbeitung einer konkreten Fluchtgeschichte, die Fritz Hochwälder beschreibt. Doch seine eigene Flucht vor den Nazis 1938 aus Wien über Vorarlberg durch den Rhein in die Schweiz, die Fluchtgeschichten vieler tausend anderer in der Dreiländerregion spielen hinein. Hochwälder, in den 1950ern Hausautor am Wiener Burgtheater, lebte bis zu seinem Tod 1986 in Zürich.

In «Der Flüchtling» flieht ein Mann vor der Deportation durch ein totalitäres Regime in die Bergwerke. Die Frau hilft zuerst aus einem Impuls heraus, dann aus der zwingenden Überzeugung des Gebots der Menschlichkeit. Der Flüchtling hadert, weil er andere in Gefahr bringt. Der Grenzwächter versieht seinen Nachtdienst, will sich aus allem raushalten, um ein ruhiges Leben zu führen. Doch Hochwälder zeigt, dass das nicht möglich ist. Seine Figuren müssen Position beziehen, müssen sich verhalten, ob sie wollen oder nicht. Immer enger zieht sich die Schlinge zu.

In Bregenz gelingt der jungen österreichischen Regisseurin Bérénice Hebenstreit ein kluger Zugriff auf das Stück. Um 19.33 Uhr senkt sich der eiserne Vorhang auf die Bühne. Und auf der schmalen Vorderbühne ist für die drei Figuren kein Entkommen mehr. Hebenstreit vertraut auf die Kraft des Textes, arbeitet die Positionen der Figuren mit Klarheit heraus, nähert sich den grossen Fragen mit Zurückhaltung.Ihre Schauspieler Tobias Krüger, Johanna Köster und Nico Raschner steigen auch mal aus ihren Figuren aus, erzählen Regieanweisungen, immer wieder wenden sie sich in kurzen Passagen eindringlich direkt ans Publikum. Eine mit Gaze bezogene Wand teilt den Raum in hinten und vorne, trennt Personen und Weltanschauungen. In verhörähnlichen Videoeinspielungen, gross auf die Wand projiziert, lässt Hebenstreit die Figuren sich erklären. Ohne einen direkten Verweis auf heute zu betonen, wird deutlich, wie erschreckend aktuell Hochwälders Stück ist.

Nach der Premiere am Freitagabend geht es im Zug zurück nach St. Gallen. Ohne Halt, ohne Kontrolle fährt man über die Grenze, gleitet ruhig über den Rhein. Niemand wundert sich darüber, es ist ja Normalität. Das Zugpersonal wünscht über Lautsprecher eine angenehme Reise, «herzlich Willkommen in der Schweiz, geniessen Sie Ihren Aufenthalt.» Eine Frau küsst ihre Freundin zum Abschied, ein Pärchen kuschelt Arm im Arm in den Sitzen, ein Jugendgruppe feiert. Welch ein Luxus, welch eine Errungenschaft, welch ein Frieden. Ach, Europa.

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